VW-Affäre Ermittlungen gegen Winterkorn wegen Betrugsverdachts

Im VW-Abgasskandal rückt der frühere Vorstandschef Martin Winterkorn zunehmend ins Visier der Staatsanwaltschaft. Gegen ihn besteht nun auch des Anfangsverdachts des Betrugs, Villa und Büro wurden durchsucht.

Ex-VW-Chef Martin Winterkorn
DPA

Ex-VW-Chef Martin Winterkorn


Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat ihre Ermittlungen wegen des Abgasskandals bei Volkswagen erneut ausgeweitet - unter anderem nun auch gegen den früheren Vorstandschef Martin Winterkorn. Insgesamt ist die Zahl der Beschuldigten von bisher 21 auf nun 37 Personen ausgeweitet worden, darunter auch Winterkorn, teilte die Behörde mit.

Konkret bestehe der Anfangsverdacht des Betrugs und der strafbaren Werbung nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Zu Beginn der Ermittlungen waren es noch sechs Personen, im vergangenen März erhöhte sich die Zahl auf 17, im Juli dann auf 21. Doch bislang waren darunter keine bestehenden oder früheren Vorstände, wie die Strafermittler stets betonten. Das hat sich nun geändert.

Dass nun auch gegen Winterkorn wegen Betrugsverdachts ermittelt wird, begründet die Staatsanwaltschaft damit, dass sich aus Zeugenvernehmungen und bei der Auswertung beschlagnahmter Dateien ausreichende Hinweise ergeben hätten, dass Winterkorn "früher als von ihm öffentlich behauptet Kenntnis von der manipulierenden Software und deren Wirkung gehabt haben könnte". Winterkorn selbst versicherte mehrfach, erst im September 2015 von den Abgasmanipulationen erfahren zu haben. In diesem Monat war Winterkorn auch von seinem Posten an der VW-Spitze zurückgetreten.

Auch nach dem Bekanntwerden der neuen Ermittlungen bleibt der 69-Jährige bei dieser Darstellung. Er habe die Einleitung eines weiteren Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Braunschweig "zur Kenntnis genommen", teilten seine Anwälte mit. Er werde sich hierzu gegenüber den Ermittlungsbehörden äußern, sobald er die ihn "angeblich belastenden Umstände" - Aussagen und Dokumente - genauer kenne.

Razzia in Winterkorns Villa und Büro

Es könnten allerdings schon bald neue Dokumente dazu kommen. Denn die Staatsanwaltschaft teilte zudem mit, dass es neue Razzien in insgesamt 28 Privat- und Diensträumen gab. Der Schwerpunkt habe auf Räumlichkeiten in Wolfsburg, Gifhorn und Braunschweig gelegen. Die Beschlüsse für die Durchsuchungen seien bereits Ende 2016 beim Amtsgericht Braunschweig erwirkt worden. Die Auswertung des sichergestellten Materials werde voraussichtlich mehrere Wochen in Anspruch nehmen.

Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) und die "Bild"-Zeitung berichten übereinstimmend, in München seien auch Winterkorns Villa sowie sein Büro durchsucht worden. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig habe bestätigt, dass Hausdurchsuchungen bei allen Beschuldigten stattgefunden hätten. Laut dpa richteten sich die Aktionen unter anderem auch gegen Softwarespezialisten der VW-Beteiligung IAV.

VW teilte mit, man arbeite vollumfänglich mit den Ermittlern zusammen, darüber hinaus machte das Unternehmen keine Angaben. Die niedersächsische Staatskanzlei ließ verlauten, sie habe volles Vertrauen in die Arbeit der Justizbehörden. Ministerpräsident Stephan Weil und Wirtschaftsminister Olaf Lies, die beide im Aufsichtsrat von VW sitzen, hätten über die Mitteilung der Staatsanwaltschaft hinaus keine Kenntnisse über Inhalte der Ermittlungsverfahren. Niedersachsen ist mit 20 Prozent zweitgrößter VW-Eigner.

Winterkorn streitet frühere Kenntnis ab

Die Staatsanwaltschaft ermittelt ohnehin bereits gegen Winterkorn, bislang allerdings nur wegen möglicher Marktmanipulation. Er könnte die Finanzwelt zu spät über den aufgeflogenen Abgasskandal informiert und so wichtige Informationen für Anleger unterdrückt haben. Auch hier lautet die Begründung für den Verdacht, dass Winterkorn früher als angegeben von der Abgasmanipulation Bescheid wusste.

Bislang schien der Zeitpunkt, zu dem Winterkorn nach den Erkenntnissen der Ermittler davon gewusst haben könnte, allerdings nicht weit genug in der Vergangenheit zu liegen, um auch wegen der Abgasmanipulation an sich gegen ihn zu ermitteln - also erst nach dem Ende der Manipulationspraxis. Nun aber könnte die Behörde ausreichend Hinweise dafür haben, dass Winterkorn bereits von den Abgasmanipulationen wusste, als sie noch durchgeführt wurden.

Meinungskompass

VW-Ingenieure hatten bei Dieselmodellen eine Software so bearbeitet, so dass die Wagen auf dem Prüfstand den Stickoxidausstoß auf das erlaubte Maß drosselten, im realen Fahrbetrieb stießen sie aber weit mehr des giftigen Gases aus. Elf Millionen Autos weltweit wurden so manipuliert. Erst Tests in den USA brachten VW in Verdacht und lösten den größten Skandal der Automobilgeschichte aus. (Die Chronik zur VW-Affäre zum Nachlesen.)

Erst vor einer Woche hatte Winterkorn vor dem Abgas-Untersuchungsausschuss des Bundestags ausgesagt. Dabei hatte er erneut angegeben, bis zum Bekanntwerden des Dieselskandals nicht von den illegalen Abgasmanipulationen gewusst zu haben. "Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht frühzeitig und eindeutig über die Messprobleme aufgeklärt worden bin", sagte der 69-Jährige.

fdi/dpa/Reuters

insgesamt 236 Beiträge
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Seite 1
saarpirat 27.01.2017
1.
Ich sag mal so: Wurde auch Zeit!
Ezechiel 27.01.2017
2. Wenn nun die deutschen Käufer ....
noch so entschädigt werden wie in den USA, wird alles gut.
weltbetrachter 27.01.2017
3. da bin ich aber gespannt ...
Man darf durchaus gespannt sein, was da herauskommt. Das wird wohl ein Gezerre zwischen Ermittlungsbehörden und Star-Anwälten. Ende offen ... Aber auch hier gilt zunächst die Unschuldsvermutung.
frankfurtbeat 27.01.2017
4. nur so
nur so kann man die Teppichetage dran kriegen .. selbst sind sie zu feige Fehlern zuzugeben .. das gleiche Verhalten zeigt sich bei Behörden und Beamtentum ... es wird Zeit auszumisten
frankfranic 27.01.2017
5.
Das war überfällig !
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