Döpfner-Video im Fall Reichelt »Im Hintergrund wirkten Männer, die erkennbar das Vorgehen organisierten«

Nach dem Rauswurf von Julian Reichelt als »Bild«-Chefredakteur steht Mathias Döpfner in der Kritik. Der Springer-Chef verteidigt sich nun in einem Video an die Belegschaft – teils mit Verschwörungserzählungen.
Springer-Chef Mathias Döpfner: »Hinterher ist man immer klüger«

Springer-Chef Mathias Döpfner: »Hinterher ist man immer klüger«

Foto: Bernd von Jutrczenka / Getty Images

Konzernchef Mathias Döpfner hat sich in einer Videobotschaft an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Medienunternehmens Axel Springer zu der Entlassung von Julian Reichelt als »Bild«-Chefredakteur geäußert. Darin verteidigt der Springer-Chef und langjährige Förderer Reichelts sein persönliches Vorgehen und das der Konzernspitze in dem, so Döpfner wörtlich, »Compliance-Fall Julian Reichelt«.

Reichelt war am Montag mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden worden, weil er auch nach einer internen Untersuchung im Frühjahr 2021 wegen Vorwürfen des Machtmissbrauchs eine Beziehung mit einer »Bild«-Mitarbeiterin gehabt haben und den Vorstand darüber belogen haben soll. Am Sonntag und Montag hatten die »New York Times« und der SPIEGEL Recherchen zur Causa Reichelt veröffentlicht; in den SPIEGEL-Bericht flossen auch Teile der Recherche des »Ippen Investigativ«-Teams ein.

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Döpfner äußert sich in dem Video an die Belegschaft nun zu Details. So hätten ganz zu Beginn vier Fälle von angeblichen Beziehungen Reichelts zu »Bild«-Mitarbeiterinnen, die dadurch berufliche Vorteile erhalten haben sollen, im Raum gestanden.

»Im Hintergrund wirkten Männer, die erkennbar das Vorgehen organisierten«, sagt Döpfner im Video nun zu den damaligen Anschuldigungen. »Das waren allesamt ehemalige Mitarbeiter von ›Bild‹, und die Motive waren sehr klar: Es ging darum, Reichelt wegzubekommen, und dazu wurde ein sehr drohender, teilweise fast erpresserischer Ton angeschlagen«. Deshalb habe man die Anwaltskanzlei Freshfields eingeschaltet, um die Vorwürfe untersuchen zu lassen.

Deren Ergebnis sei »zwiespältig« gewesen, so Döpfner, mindestens ein Fall habe belegt werden können. Vorstand und Aufsichtsrat des Konzerns seien zu dem Ergebnis gekommen: »Ein schwerer Fehler, kein unverzeihlicher Fehler, der Konsequenzen haben musste.« Man habe die Chefredaktion umgebaut und einen Veränderungsprozess eingeleitet. Reichelt selbst durfte damals nach einer knapp zweiwöchigen Auszeit an die Spitze der »Bild« zurückkehren.

Zu den Vorwürfen gegen Döpfner und die Konzernspitze gehört unter anderem, schon lange detailliert über das Treiben Reichelts Bescheid gewusst zu haben. Das streitet Döpfner nun ab. Die von der »New York Times« zitierten Freshfields-Protokolle seien »Protokolle, die uns bis zum heutigen Tag nicht vorliegen, die wir nie eingesehen haben, die wir nicht einsehen durften, weil das aus persönlichkeitsschutzrechtlichen Gründen nicht zulässig war«.

Erst vor zwei Tagen habe die Konzernspitze dann zwei glaubwürdige Zeugenaussagen erhalten, dass Reichelt eine Beziehung zu einer »Bild«-Mitarbeiterin unterhalte. Ob man nicht schneller hätte handeln müssen, im Frühjahr schon? »Hinterher ist man immer klüger«, verteidigt sich der Springer-Chef im Video; im Rechtsstaat müsse die Unschuldsvermutung gelten.

Döpfner bestreitet in dem Video weitere Vorwürfe. Etwa den, Springer habe Einfluss auf andere Verlage genommen, um eine Berichterstattung zu verhindern. »Das ist unwahr, das hat es zu keinem Zeitpunkt gegeben«, sagt Döpfner.

Tatsächlich hatte das Investigativteam des Ippen-Verlags in den vergangenen Monaten zu den Vorwürfen gegen Reichelt recherchiert; eine Veröffentlichung am vergangenen Wochenende wurde jedoch von Verleger Dirk Ippen verhindert. Teile der Recherche erschienen daraufhin im SPIEGEL-Bericht. Marcus Engert, Mitglied des Ippen-Investigativ-Teams, das früher für »BuzzFeed« tätig war, bekräftigt auf Twitter, dass es den Versuch der Einflussnahme gegeben habe: Wenn es niemand von Axel Springer gewesen sei, solle der Verlag womöglich einmal der Frage nachgehen, wer da in seinem Namen interveniert habe.

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Springer-Chef Döpfner, der auch Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) und damit Cheflobbyist der Medien im politischen Berlin ist, war in den vergangenen Tagen zudem in die Kritik geraten, weil er Anfang des Jahres im Zusammenhang mit der Compliance-Untersuchung gegen Reichelt in einer privaten Nachricht die Meinung vertrat, Reichelt sei »halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehrt. Fast alle anderen sind zu Propaganda-Assistenten geworden«.

Im aktuellen Video an die Belegschaft rechtfertigt Döpfner diese Äußerung damit, dass sie aus dem Zusammenhang gerissen worden sei. In einer privaten Unterhaltung könne es »Polemik, Ironie, Übertreibung« geben. »Zumindest mir geht es so, dass ich manches Übertriebene und Unsinnige in einer privaten Unterhaltung sage und schreibe«, so Döpfner. Er lege aber Wert darauf, dass das nicht wie ein offizielles Zitat behandelt werde.

Einige Worte verliert der Konzernchef auch zu der Unternehmenskultur bei Springer. Es gebe zwar nicht im ganzen Haus Springer ein Kulturproblem, so Döpfner, aber: »Es gibt dieses Problem bei ›Bild‹.« Man müsse daher noch »viel schneller noch viel grundsätzlicher« an der Veränderung dieser Kultur arbeiten. »Wir müssen ein Vorbild sein, was eine moderne, respektvolle, diverse Unternehmenskultur betrifft.«

fdi
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