Attacken auf Bahnmitarbeiter Die Angst des Schaffners vor der Kontrolle

1200 Übergriffe auf Bahnmitarbeiter registriert die Statistik für 2013, Schaffner wie Martin Kottke müssen sich bei ihrer Arbeit häufig Drohungen anhören. Doch steigende Gewalt belegt das nicht.
Bahn-Sicherheitsleute (hier bei der S-Bahn Hamburg): 1200-mal attackiert

Bahn-Sicherheitsleute (hier bei der S-Bahn Hamburg): 1200-mal attackiert

Foto: Angelika Warmuth/ dpa

"Von hundert will einer Stress", sagt Martin Kottke (Name geändert), der seit 16 Jahren Fahrkarten in Regionalzügen in Nordrhein-Westfalen kontrolliert. Als der Mittvierziger neulich am späten Abend einen Jugendlichen mehrfach dazu aufforderte, die Füße vom Sitz zu nehmen, drohte der, ihm "ein paar auf's Maul" zu geben. Alltag für Schaffner wie Kottke.

Die Gesellschaft verroht, den Respekt vor Menschen in Uniform hat sie verloren, und die Gewaltschwelle ist dramatisch gesunken, vor allem gegenüber Bahnmitarbeitern. Diese These klingt einleuchtend - Berichte wie der von Kottke scheinen sie ebenso zu bestätigen wie die Statistik: Die Deutsche Bahn registrierte in ihrem Sicherheitsbericht 2013 gleich 20 Prozent mehr Fälle von Körperverletzung gegen ihre Sicherheitsleute und Zugbegleiter, insgesamt waren es 1199 Fälle. Trotzdem stimmt die pessimistische Sicht der Dinge so nicht; nicht einmal die Bahn selbst verbreitet sie.

Tatsächlich ist es dramatisch, wenn Bahnmitarbeiter Grund haben, jeden Monat durchschnittlich einhundert Fälle von Körperverletzung anzeigen. "Unsere Kollegen sind kein Freiwild", sagte der Bahnvorstand Gerd Becht der "Süddeutschen Zeitung", "wir dulden keine Gewalt." Diese nachvollziehbare Haltung ist aber auch der Grund für den rasanten Anstieg der Fälle: Seit dem vergangenen Jahr fordert die Bahn ihr Personal verstärkt dazu auf, alle relevanten Attacken anzuzeigen. Das beginnt beim Spucken, geht über Rempeln und Schubsen bis zum Zuschlagen mit der Faust.

Zugbegleiter Kottke freut sich über die Initiative seines Arbeitgebers, so werde endlich öffentlich, was er und seine Kollegen täglich erlebten. "Dabei spielen weder Alter noch Geschlecht, Herkunft oder Bildungsstand des Fahrgastes eine Rolle." Die Dunkelziffer hält er weiterhin für hoch, die Auseinandersetzungen seien zwar nicht häufiger geworden, aber aggressiver.

Tatsächlich analysiert die Bahn, ebenfalls seit dem vergangenen Jahr, deutlich genauer, um was für Fälle es sich handelt, wo und in welcher Situation die Tätlichkeiten auftraten. Wenig überraschend kommt es vor allem im Nahverkehr, also auf den Bahnhöfen und in den Waggons von S-Bahnen und Regionalzügen in Großstädten und Ballungsräumen zu Auseinandersetzungen. Ganz überwiegend sind es die Freitag- und Samstagabende, in denen Bahnhöfe laut Bahn "zu Eventlocations werden". Schaffner wie Kottke verzichten in solchen Situationen aus Angst auch mal auf die Fahrkartenkontrolle.

Die Sicherheitsleute dagegen werden seit einiger Zeit gezielt zu diesen Konfliktschwerpunkten geschickt, um das Hausrecht durchzusetzen und den Partyverkehr zu überwachen, heißt es bei der Bahn. Dort treffen sie dann häufig auf alkoholisierte Jugendliche, die trotz Verbots rauchten. Auch rabiate Schwarzfahrer sind demnach ein zunehmendes Problem.

Zu einem Drittel sind es Zugbegleiter, die von der Gewalt betroffen sind, zu zwei Dritteln handelt es sich um Sicherheitskräfte. Deshalb werden die Zugbegleiter auch darin geschult, brenzlige Situationen zu deeskalieren. Die Sicherheitsleute bekommen Training in Selbstverteidigung.