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04. August 2014, 14:31 Uhr

Niedersächsischer Kreuzfahrtspezialist

Meyer Werft steigt bei finnischem Schiffsbauer ein

"Mein Schiff 4" bis "Mein Schiff 6": Die neuen Luxusliner der Reederei TUI Cruises werden auf der STX-Werft im finnischen Turku gebaut. Ihr drohte die Insolvenz. Jetzt übernimmt die niedersächsische Meyer Werft mehr als zwei Drittel des Geschäfts.

Papenburg - Die Meyer Werft aus dem niedersächsischen Papenburg steigt bei der STX-Werft im finnischen Turku ein. Wie das deutsche Unternehmen und das finnische Wirtschaftsministerium mitteilten, übernimmt die Werft einen Anteil von 70 Prozent und betreibt das operative Geschäft. Die restlichen Anteile werden vom finnischen Staat übernommen.

Über den Kaufpreis der Werft wurden keine Angaben gemacht. Der bisherige Eigentümer der Werft in Turku, der koreanische STX-Konzern, gilt als finanziell angeschlagen. Einziger Auftraggeber der finnischen Werft ist derzeit die Hamburger Reederei TUI Cruises.

Der Betriebsratsvorsitzende der Meyer Werft, Thomas Gelder, bezeichnete den Einstieg in Finnland als "historischen Tag für die Meyer Werft". Damit werde das Unternehmen widerstandsfähiger gegen Schwankungen auf dem Schiffsmarkt. "Mit diesem Engagement verbessert die Meyer Werft ihre Position am Markt, das stärkt auch unseren Werftstandort in Papenburg", sagte Gelder laut Mitteilung. Derzeit werde mit der Geschäftsführung an einem Standortsicherungsvertrag gearbeitet.

TUI Cruises bestellt zwei weitere Schiffe

Die Bauwerft STX Finland Oy in Turku ist vor allem durch den Bau der größten Kreuzfahrtschiffe überhaupt bekannt geworden: die rund 225.000 BRZ große "Oasis of the Seas" und ihre Schwesterschiff "Allure of the Seas" der US-Reederei Royal Caribbean. Zuletzt wurde der blauweiße Oceanliner "Mein Schiff 3" aus der Werft entlassen, der erste Neubau von TUI Cruises. Das Schiff wurde mit großem Marketingaufwand im Juni in der Hamburger Hafencity von Schlagersängerin Helene Fischer getauft. Die "Mein Schiff 3" soll nach Angaben der Reederei einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag gekostet haben.

Derzeit arbeiten in Turku laut Meyer Werft rund 1300 Menschen am Bau ihrer Schwester, "Mein Schiff 4". Wie TUI Cruises bekannt gab, sollen dort zwei weitere Schiffe dieser Klasse gebaut werden - "Mein Schiff 5" und "Mein Schiff 6". Die gemeinsam mit Royal Caribbean Cruises betriebenen Kreuzfahrtmarke TUI Cruises soll demnach bis 2017 drei weitere Schiffe erhalten - die Flottengröße würde damit verdoppelt.

Die Meyer Werft wolle an den deutschen Standorten in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern wegen des Einstiegs in Turku kein Personal abbauen, teilte Geschäftsführer Jan Meyer mit. Vielmehr gehe es unter anderem darum, mit dem neuen Standort künftig flexibler auf Kundenwünsche reagieren zu können.

Und die Kundenwünsche sind vor allem: größere Schiffe. Und hier stößt die Meyer Werft mit ihrer Lage an der Ems längst an ihre Grenzen. Ende September wird die"Quantum of the Seas" der US-Reederei Royal Caribbean, die am kommenden Wochenende aus dem Baudock entlassen wird, Richtung Nordsee überführt.

Nur noch zwei Meter liegen links und rechts des dann größten jemals in Deutschland gebauten Kreuzfahrtschiffs, wenn sie sich durch die 45 Meter breite Dockschleuse schiebt. Um genügend Tiefgang zu haben, wird der Fluss zuvor aufgestaut - was regelmäßig für Protest bei Naturschützern sorgt. Der Tiefseehafen in Turku könnte der Restriktion ein Ende bereiten.

Konkurrenz aus Asien

Der familiengeführte Kreuzfahrtspezialist Meyer Werft beschäftigt am Firmenstammsitz im niedersächsischen Papenburg mehr als 3000 Mitarbeiter, beim Rostocker Schwesterunternehmen Neptun Werft sind weitere 480 Arbeitnehmer angestellt. Das Traditionsunternehmen hatte im vergangenen Jahr ein hartes Sparprogramm initiiert, um den Absturz in die Verlustzone zu vermeiden.

Auf dem derzeit boomenden Kreuzfahrt-Sektor machten der Meyer Werft vor allem Konkurrenten aus Asien zu schaffen. Seit den achtziger Jahren haben die Emsländer bislang 37 Kreuzfahrtschiffe gebaut. Bis 2019 stehen neun Aufträge aus den USA und Asien in den Büchern.

Die Kreuzfahrtbranche wächst nach wie vor mit erstaunlichen Raten; im vergangenen Jahr gingen 1,7 Millionen Deutsche an Bord, 9,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Allein Hapag-Lloyd Kreuzfahrten, Halbschwester von TUI Cruises und Sorgenkind des Konzerns, hinkt hinterher.

mxw/abl/dpa

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