Niedersächsischer Kreuzfahrtspezialist Meyer Werft steigt bei finnischem Schiffsbauer ein

"Mein Schiff 4" bis "Mein Schiff 6": Die neuen Luxusliner der Reederei TUI Cruises werden auf der STX-Werft im finnischen Turku gebaut. Ihr drohte die Insolvenz. Jetzt übernimmt die niedersächsische Meyer Werft mehr als zwei Drittel des Geschäfts.

Kreuzfahrtschiff "Oasis of the Seas" in Turku": Die Meyer Werft expandiert
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Kreuzfahrtschiff "Oasis of the Seas" in Turku": Die Meyer Werft expandiert


Papenburg - Die Meyer Werft aus dem niedersächsischen Papenburg steigt bei der STX-Werft im finnischen Turku ein. Wie das deutsche Unternehmen und das finnische Wirtschaftsministerium mitteilten, übernimmt die Werft einen Anteil von 70 Prozent und betreibt das operative Geschäft. Die restlichen Anteile werden vom finnischen Staat übernommen.

Über den Kaufpreis der Werft wurden keine Angaben gemacht. Der bisherige Eigentümer der Werft in Turku, der koreanische STX-Konzern, gilt als finanziell angeschlagen. Einziger Auftraggeber der finnischen Werft ist derzeit die Hamburger Reederei TUI Cruises.

Der Betriebsratsvorsitzende der Meyer Werft, Thomas Gelder, bezeichnete den Einstieg in Finnland als "historischen Tag für die Meyer Werft". Damit werde das Unternehmen widerstandsfähiger gegen Schwankungen auf dem Schiffsmarkt. "Mit diesem Engagement verbessert die Meyer Werft ihre Position am Markt, das stärkt auch unseren Werftstandort in Papenburg", sagte Gelder laut Mitteilung. Derzeit werde mit der Geschäftsführung an einem Standortsicherungsvertrag gearbeitet.

TUI Cruises bestellt zwei weitere Schiffe

Die Bauwerft STX Finland Oy in Turku ist vor allem durch den Bau der größten Kreuzfahrtschiffe überhaupt bekannt geworden: die rund 225.000 BRZ große "Oasis of the Seas" und ihre Schwesterschiff "Allure of the Seas" der US-Reederei Royal Caribbean. Zuletzt wurde der blauweiße Oceanliner "Mein Schiff 3" aus der Werft entlassen, der erste Neubau von TUI Cruises. Das Schiff wurde mit großem Marketingaufwand im Juni in der Hamburger Hafencity von Schlagersängerin Helene Fischer getauft. Die "Mein Schiff 3" soll nach Angaben der Reederei einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag gekostet haben.

Derzeit arbeiten in Turku laut Meyer Werft rund 1300 Menschen am Bau ihrer Schwester, "Mein Schiff 4". Wie TUI Cruises bekannt gab, sollen dort zwei weitere Schiffe dieser Klasse gebaut werden - "Mein Schiff 5" und "Mein Schiff 6". Die gemeinsam mit Royal Caribbean Cruises betriebenen Kreuzfahrtmarke TUI Cruises soll demnach bis 2017 drei weitere Schiffe erhalten - die Flottengröße würde damit verdoppelt.

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Probefahrt vor der Taufe: So sieht "Mein Schiff 3" aus
Die Meyer Werft wolle an den deutschen Standorten in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern wegen des Einstiegs in Turku kein Personal abbauen, teilte Geschäftsführer Jan Meyer mit. Vielmehr gehe es unter anderem darum, mit dem neuen Standort künftig flexibler auf Kundenwünsche reagieren zu können.

Und die Kundenwünsche sind vor allem: größere Schiffe. Und hier stößt die Meyer Werft mit ihrer Lage an der Ems längst an ihre Grenzen. Ende September wird die"Quantum of the Seas" der US-Reederei Royal Caribbean, die am kommenden Wochenende aus dem Baudock entlassen wird, Richtung Nordsee überführt.

Nur noch zwei Meter liegen links und rechts des dann größten jemals in Deutschland gebauten Kreuzfahrtschiffs, wenn sie sich durch die 45 Meter breite Dockschleuse schiebt. Um genügend Tiefgang zu haben, wird der Fluss zuvor aufgestaut - was regelmäßig für Protest bei Naturschützern sorgt. Der Tiefseehafen in Turku könnte der Restriktion ein Ende bereiten.

Konkurrenz aus Asien

Der familiengeführte Kreuzfahrtspezialist Meyer Werft beschäftigt am Firmenstammsitz im niedersächsischen Papenburg mehr als 3000 Mitarbeiter, beim Rostocker Schwesterunternehmen Neptun Werft sind weitere 480 Arbeitnehmer angestellt. Das Traditionsunternehmen hatte im vergangenen Jahr ein hartes Sparprogramm initiiert, um den Absturz in die Verlustzone zu vermeiden.

Auf dem derzeit boomenden Kreuzfahrt-Sektor machten der Meyer Werft vor allem Konkurrenten aus Asien zu schaffen. Seit den achtziger Jahren haben die Emsländer bislang 37 Kreuzfahrtschiffe gebaut. Bis 2019 stehen neun Aufträge aus den USA und Asien in den Büchern.

Die Kreuzfahrtbranche wächst nach wie vor mit erstaunlichen Raten; im vergangenen Jahr gingen 1,7 Millionen Deutsche an Bord, 9,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Allein Hapag-Lloyd Kreuzfahrten, Halbschwester von TUI Cruises und Sorgenkind des Konzerns, hinkt hinterher.

mxw/abl/dpa

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Hamberliner 04.08.2014
1. good news
Zitat von sysopDPA"Mein Schiff 3", "Mein Schiff 4": Die neuen Luxusliner der Reederei TUI Cruises werden auf der STX-Werft im finnischen Turku gebaut. Dennoch drohte ihr eine Insolvenz. Jetzt übernimmt die niedersächsische Meyer Werft mehr als zwei Drittel des Geschäfts. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/meyer-werft-steigt-bei-stx-werft-in-turku-finnland-ein-a-984373.html
Ein Grund zu feiern. Wenigstens dieses Marktsegment droht nicht auch noch nach Korea abzuwandern. Ich war vor einigen Monaten auf der weltgrößten und als Konkurrent bedrohlichsten Werft in Korea, HHI in Ulsan, da waren Unmengen halbfertige Tanker, Bulker, Containerschiffe, LNG-Tanker und Halbtaucher zu sehen, aber Gott sei Dank keine Cruise Liner. Ich hab mir angehört "wir können hier sehr viel, wir bauen fast alles, nur mit Spezialschiffen haben wir leider noch so unsere Schwierigkeiten", und ich habe gedacht und für mich behalten "wieso leider?". Nebenbei, bitte liebe SPIEGEL-Redakteure, seid so nett unser Fach nicht andauernd mit einem "s" zu verhunzen, das wir nicht gebrauchen und uns auch nicht von Laien anerziehen lassen werden, egal ob mit oder ohne Duden. Danke.
Tevje 04.08.2014
2. Na endlich!
Hat es der vereinigte Naturschutz doch geschafft, das ostfriesische Vorzeige-Familienunternehmen erfolgreich zu vertreiben. In der Boom-Region bestand ja schon seit langem Knappheit an qualifiziertem Personal, so dass es gut ist, dass sich die Finnen in Turku jetzt über einen neuen Arbeitgeber freuen dürfen. [/Ironie] Die Emdener werden es den eifrigen xy-Schützern schon danken, bricht doch jetzt die Touristenwelle über sie herein und schwemmt leichtes Geld an Land. Wieder ein Stück Hochtechnologie, das seinen Abschied von Deutschland vorbereitet.
Gluehweintrinker 12.08.2014
3. Erweiterung statt Abwanderung
Zitat von TevjeHat es der vereinigte Naturschutz doch geschafft, das ostfriesische Vorzeige-Familienunternehmen erfolgreich zu vertreiben. In der Boom-Region bestand ja schon seit langem Knappheit an qualifiziertem Personal, so dass es gut ist, dass sich die Finnen in Turku jetzt über einen neuen Arbeitgeber freuen dürfen. [/Ironie] Die Emdener werden es den eifrigen xy-Schützern schon danken, bricht doch jetzt die Touristenwelle über sie herein und schwemmt leichtes Geld an Land. Wieder ein Stück Hochtechnologie, das seinen Abschied von Deutschland vorbereitet.
Sie denken in zu kleinen Dimensionen. Es geht nicht um Abwanderung, es geht um das große Geschäft mit den größten Schiffen, für welche die Ems auch im aufgestautem Zustand einfach zu klein ist um solche Megapötte in die Nordsee zu manövrieren. Die Meyer-Werft ist aufgrund des gerade zu beobachtenden Baubooms bei Kreuzfahrtschiffen bis 2019 ausgebucht. Besonders Norwegian Cruise Lines ist ein treuer Kunde und beauftragt die Meyer-Werft immer wieder mit ihren Neubauten. Escape, Bliss und nun stehen noch zwei weitere Schiffe der Breakaway-Plus-Klasse in den Auftragsbüchern. Mehr geht einfach nicht. Die Haupthalle wird verlängert (eine Straße verlegt), ein trickreiches Baukonzept mit temporärem Ausdocken von Teilsegmenten wurde entwickelt, um gleichzeitig an mehreren Schiffen arbeiten zu können. Dennoch platzt der Laden aus allen Nähten und stößt an seine Grenzen. Die Tatsache, dass STX trotz seiner klammen Finanzlage Aufträge abwickelt und mit seiner günstigen geographischen Lage auch in der Lage ist, noch viel größere Schiffe zu bauen als es bei Meyer möglich ist, zeigt den Bedarf an neuen Schiffen und vor allem noch mehr: Europa ist, was diesen hochkomplexen Spezialschiffbau angeht, längst noch nicht von Fernost geschlagen und wird es wohl auch bis weit in die 2020er Jahre nicht sein. Tanker bauen kann "jeder", Frachter auch. Aber Kreuzfahrtschiffe sind hochomplexe Bauwerke, die tausende an exakt aufeinander abgestimmte Zulieferer benötigen, und diese findet man (zum Glück) eben nur in Europa. Oder wie mag man es erklären, dass die erfolgreichen US-Reedereien sämtlichst in Europa bauen lassen? Besonders das Desaster um die Aida Prima, welche von der Mitsubishi-Werft in Japan erst 6 Monate nach vertraglich vereinbartem Termin fertiggestellt werden kann, bedeutet einen kostenlosen Werbefeldzug für Schiffbau made in Germany. Sechs Monate Verzug sind für eine Reederei ein GAU erster Güte - kaum vorstellbar, dass in absehbarer Zeit noch ein anderer Reeder dort einen Auftrag platziert, und sei der Preis noch so verlockend. Die Beteiligung von Meyer an STX ist nur ein logischer Schritt hin zur Zukunftssicherung, denn wenn der Trend wirklich zu Schiffen jenseits der 200.000 BRZ ginge, sähe das für Papenburg in der Tat nicht gut aus. Mit der Aktion hat sich das Unternehmen sozusagen buchstäblich "breiter" aufgestellt.
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