Problemanalyse Microsoft Windows allein reicht nicht

Der scheidende Microsoft-Chef Ballmer hat den Aufbruch in ein neues IT-Zeitalter verpasst, seinen Konzern zu spät auf neue Trends ausgerichtet. Auf seinen Nachfolger warten gewaltige Aufgaben.
Microsoft-Präsentation (Archivbild): Software-Pionier mit vielen Bugs

Microsoft-Präsentation (Archivbild): Software-Pionier mit vielen Bugs

Foto: ? Lucas Jackson / Reuters/ REUTERS

Hamburg - Einer der besten Steve-Ballmer-Momente überhaupt ist der Tanz, den der Microsoft-Chef zum Auftakt einer Präsentation zu den Klängen von Glorias Estefans "Get on Your Feet" hinlegte. Manisch fegt der Boss des Software-Pioniers über die Bühne, er springt, er klatscht, er kreischt in Teenager-Tonlage. "Ich habe vier Worte für euch", schreit Ballmer seinen Mitarbeitern zu. "Ich! Liebe! Diese! Firma!"

Am Freitagnachmittag finden sich unter dem entsprechenden Videomitschnitt  schnippische Kommentare. "Ich habe fünf Worte für Dich", schreibt dort einer. "Ich verlasse jetzt diese Firma."

Gut 13 Jahre stand Steve Ballmer bei Microsoft an der Spitze. Nun verkündete er, nicht unerwartet aber überraschend plötzlich, seinen Rücktritt. Wer sein Nachfolger wird, sagte er nicht; Beobachter werten die frühzeitige Ankündigung als Hinweis, dass Ballmer so rasch wie möglich gehen will. An der Börse wird gefeiert; die Microsoft-Aktie notierte zeitweise zehn Prozent über ihrem Vortageskurs.

All das zeigt, wie groß das Misstrauen gegenüber Ballmer zuletzt war. Er mag die Firma geliebt haben, sie ihn nicht mehr. Gründe gibt es genug. Zunächst verschlief Ballmer den wohl wichtigsten Tech-Trend des vergangenen Jahrzehnts, dann begab sich der Konzern unter seiner Führung auf eine lange strategische Irrfahrt.

Wie Microsoft den Anschluss verlor

Ähnlich wie die Keyboard-Sounds von Gloria Estefan ist Microsofts Kernprodukt Windows aus der Zeit gefallen. Während Ballmer über berührungsempfindliche Bildschirme lachte und sein Handy-Betriebssystem kaum weiterentwickelte, bauten sich Apple und Google eng verzahnte Ökosysteme aus Software und Hardware. Produktwelten aus hochklassigen Endgeräten, sich im Wochentakt weiterentwickelnden Betriebssystemen, Online-Läden für den Vertrieb von Apps, Musik und Filmen, dazu Online-Speicherplatz, mit denen sich solche Produkte zwischen mehreren Endgeräten automatisch synchronisieren.

Während Ballmer lachte, brach die Post-PC-Ära an. Die Umsätze mit Rechnertürmen brachen weg, die Nutzungsgewohnheiten änderten sich rapide. Heute wirkt der klassische PC wie das zahnsteinfarbene Fossil einer umständlichen, nutzerfeindlichen IT-Prähistorie.

Auf den neuen Geräten aber, auf den Smartphones und Tablets, installiert fast niemand mehr Windows oder teure Office-Pakete zur Tabellenkalkulation und Textformatierung. Die Nutzer bevorzugen Gratis-Betriebssysteme wie Apples iOS oder Googles Android. So brechen Microsoft im Kernsegment die Umsätze weg, ohne dass der Konzern den Profitschwund auf den neuen Geräteklassen ausgleichen könnte.

Aufholjagd verpatzt

Ballmer versuchte bald gegenzusteuern. Er erschuf eine neue Konzernsparte, und diese erschuf Surface, Microsofts erstes eigenes Tablet. Ein Versuch, die eng verzahnten Ökosysteme à la Apple anzugreifen. Ein Versuch, der vorerst floppte. Die Abschreibungen auf Surface (gut 900 Millionen Dollar) sind bislang höher als die Umsätze (rund 853 Millionen Dollar), die Microsoft seit dem Verkaufsstart im vergangenen Oktober damit erzielt hat. Apple machte mit seinem iPad allein im vergangenen Quartal einen Umsatz von 6,4 Milliarden Dollar.

Im Juli mühte sich Ballmer erneut, das Ruder herumzureißen. Er präsentierte "One Microsoft", sein längst überfälliges Grand Design für den Konzernumbau. Doch Kenner des Unternehmens bezweifeln, dass es Microsoft auf Augenhöhe mit Google und Apple bringen kann.

Im Kern ist "One Microsoft" ein Abklatsch der integrierten Konzepte, mit denen die Konkurrenz große Erfolge feiert. Der Windows-PC hat ausgedient, stattdessen soll es nun eine größtmögliche Zahl von Windows-Geräten geben: Handys, Tablets, Smartphones, Ultrabooks, Laptops und normale Rechner, zwischen denen Microsofts Betriebssystem als Brücke fungieren soll.

Die Software für all diese Geräte wird ab sofort unter einem Dach entwickelt: in einer eigens dafür entwickelten neuen Konzernsparte. Auch sonst wird der Konzern stärker nach Funktionen als bisher nach Produkten organisiert. Zweifel sind angebracht, dass das reichen wird.

Kühne Versprechen, traurige Wirklichkeit

Die Ankündigung  von "One Microsoft" beginnt bezeichnenderweise mit einem Hinweis, wie alt Microsoft ist, wie Gloria Estefan ein Kind der Achtziger. Es folgen eine Reihe kühner Versprechen, die dem traurigen Status Quo teils diametral entgegenstehen.

  • Ballmer kündigt einerseits neue eigene Geräte an, andererseits will man möglichst viele Partnerhersteller für die eigene Produktwelt gewinnen. Wie das zusammenpassen soll, ist schwer vorstellbar. Microsofts Partner sind gleichzeitig Konkurrenten, und sie müssen Microsoft auch noch das Windows-Betriebssystem bezahlen, wodurch die Geräte teurer und dadurch schwerer verkäuflich sind. Googles Android ist gratis.
  • Wie Apple will Ballmer seine Kunden künftig möglichst stark ans eigene Ökosystem binden. Nutzer sollen über Microsoft-Endgeräte Microsoft-Software bedienen und ihre Daten auf Microsofts Online-Datenspeicher legen. Das Problem ist nur: Viele Nutzer haben bereits ein Apple- oder Android-Gerät; sie sind bereits in ein anderes Ökosystem eingeloggt und wollen Microsofts Produkte eher additiv nutzen. Und es gibt bereits Dienste, die die verschiedenen Ökosysteme überbrücken. Dienste wie den Online-Speicher Dropbox zum Beispiel.

Möglich, dass Steve Ballmer abdanken muss, weil seine Vision für Microsoft zu wenig überzeugen konnte. Möglich, dass sein Nachfolger - als Favoriten werden unter anderem die Konzernvorstände Julie Larson-Green und Terry Myerson gehandelt - Ballmers Strategie noch einmal verändern. An der Börse jedenfalls wird sein Rücktritt als Chance verstanden, dass sich im Konzern nun wirklich etwas ändert.

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