Kommentar zum Middelhoff-Prozess Der kleine Big T in uns allen

Thomas Middelhoff ist zu drei Jahren verurteilt worden. Es geht um Extravaganzen auf Firmenkosten. Aber es geht auch um die gruseligen Dinge, die Macht mit Menschen macht.
Ex-Arcandor-Chef Middelhoff: Verteidigung fordert Freispruch

Ex-Arcandor-Chef Middelhoff: Verteidigung fordert Freispruch

Foto: Oliver Berg/ dpa

Es war nur ein kleines Experiment, aber es sagt viel über uns aus. 2003 ließen drei Psychologen Studententeams einen kurzen Aufsatz verfassen . Jeweils zwei der Teilnehmer schrieben, einer sollte die Leistung der anderen beiden bewerten. Nach 30 Minuten kam der Studienleiter hinein und brachte einen Teller mit Keksen. Vermeintlich zur Stärkung, tatsächlich aber als Teil des Experiments. Die Aufzeichnung zeigte: Die Leistungsbewerter, also quasi die Vorgesetzten in dieser Situation, griffen nicht nur rücksichtslos nach den letzten Keksen, sondern krümelten auch besonders ungeniert herum. 30 Minuten in einer zufällig zugeordneten Führungsrolle hatten ausgereicht, um ihren Wertekompass zu verändern.

Macht macht etwas mit Menschen. Das zeigt dieses kleine Experiment. Bereits kleinste Ansätze von Autorität über andere Menschen lassen uns rücksichtsloser werden und erzeugen die Illusion, über den Regeln zu stehen. Und je länger jemand Macht hat, desto größer ist die Gefahr, dass sie ihn deformiert. Mit dem gierigen Griff nach den letzten Keksen fängt es an. Und am Ende lässt man sich auf Firmenkosten per Helikopter zur Arbeit fliegen - weil man ganz selbstverständlich glaubt, das stünde einem zu.

Heute ist das Urteil gefallen im Prozess gegen den ehemaligen Karstadt-Chef Thomas Middelhoff, genannt "Big T". Die Hubschrauberflüge ins Büro sind nur einer der Vorwürfe, die ihm nun drei Jahre Freiheitsstrafe eingebracht haben.

Es fällt leicht, sich über die Maßlosigkeit des ehemaligen Bertelsmann-Chefs zu erheben und Schadenfreude zu empfinden über seinen tiefen Fall. Doch tatsächlich steckt in uns allen ein kleiner "Big T". Und niemand kann wissen, wie groß er wird, wenn man uns Macht in die Hand gibt. Das muss nicht immer gleich Macht über Millionensummen oder Tausende von Mitarbeitern sein. Oft reicht für Machtmissbrauch bereits das kleine bisschen Einfluss, das wir auf unseren Partner, unsere Kinder oder auch nur unseren Hund haben.

Wahrscheinlich fasziniert uns der tiefe Fall von Thomas Middelhoff auch deshalb so sehr, weil wir dabei in den Abgrund schauen, der in vielen Menschen dräut.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.