Milliardenklage Wann beschloss Porsche, VW zu übernehmen?

Eine Gruppe von Investmentfonds hat Porsche und Ex-Konzernchef Wiedeking verklagt. Hintergrund ist die geplante VW-Übernahme, die letztlich scheiterte. Mit einer detaillierten Chronik der Ereignisse wollen die Investoren ihren Schadensersatzanspruch untermauern - es geht um gut eine Milliarde Dollar.

Porsche-Zentrale in Stuttgart: Staatsanwaltschaft ermittelt
DPA

Porsche-Zentrale in Stuttgart: Staatsanwaltschaft ermittelt


Hamburg - Die vier Investmentgruppen Elliott, Liverpool, Glenview und Perry haben fleißig Material gesammelt, bevor sie ihre Klage eingereicht haben. Die Unternehmen richten sich dabei gegen die Porsche Automobil Holding SE, ihren damaligen Vorstandsvorsitzenden Wendelin Wiedeking und den früheren Finanzchef Holger Härter.

In ihrer 46-seitigen Klageschrift haben die Fonds die Ereignisse zusammengefasst, die zum kurzfristigen Anstieg des VW-Kurses auf mehr als 1000 Euro führten. Sie berufen sich darin auf eine Indizienkette, die belegen soll, wie die Porsche-Spitze den Kurs der VW-Aktie manipulierte, die Investoren so bewusst in die Irre führte und um mehr als eine Milliarde Dollar schädigte.

Auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt gegen den Konzern wegen möglicher Kursmanipulation. Porsche weist die Vorwürfe zurück. Im Kern geht es dabei um zwei zentrale Fragen: Wann beschloss Porsche, 75 Prozent der Volkswagen-Anteile zu übernehmen? Belog der Konzern die Öffentlichkeit hinsichtlich seiner Pläne?

Das manager magazin hat die wichtigsten Argumente der Kläger in einer Chronik zusammengetragen:

25. Februar 2008: Vertreter Porsches und des zweiten Großaktionärs, des Landes Niedersachsen, treffen sich in Berlin. Porsche spricht dabei die Möglichkeit eines Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrags an. Ein solcher Vertrag setzt eine Mehrheit von mindestens 75 Prozent der Stimmen in der Hauptversammlung voraus. Porsche hält zu der Zeit gut 30 Prozent der VW-Stammaktien.

5. Mai 2008: Porsche teilt mit, dass das Unternehmen seinen Anteil an VW auf mehr als 50 Prozent erhöhen will. Am gleichen Tag versichert ein Sprecher des Konzerns einem der Investmentfonds laut Klageschrift, Porsche hege keine Absichten, den Anteil auf mehr als 75 Prozent zu erhöhen.

28. Juli 2008: Porsche-Finanzchef Härter sagt der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Porsche sei entschlossen, die Grenze von 51 Prozent noch 2008 zu durchbrechen. Zum Zeitpunkt des Gesprächs hielt Porsche laut Härter 31 Prozent der VW-Anteile direkt und weitere fünf Prozent über verbindliche Optionskontrakte. Für zusätzliche Aktien habe sich das Unternehmen über Finanzinstrumente bereits einen fixen Kaufpreis gesichert. Die Kläger argumentieren, Härter habe den Eindruck erweckt, Porsche wolle seinen Anteil nur geringfügig über die Stimmenmehrheit von 50 Prozent hinaus steigern.

18. September 2008: Porsche teilte einem Online-Magazin mit, ein Beherrschungsvertrag sei absolut unrealistisch.

2. Oktober 2008: Wiedeking sagte auf der Automobilausstellung in Paris, Porsche wolle die Möglichkeit eines Beherrschungsvertrags nicht ausschließen. Vorerst sei das jedoch eine rein theoretische Option.

22. Oktober 2008: Ein Porsche-Sprecher sagte während eines Telefonats einem Vertreter der Investmentfonds, Porsche beabsichtige nicht, seinen Anteil auf deutlich mehr als 51 Prozent zu erhöhen. Es gebe auch keinen Plan, auf mehr als 75 Prozent aufzustocken.

26. Oktober 2008: Porsche enthüllt an einem Sonntag in einer Pressemitteilung, dass das Unternehmen bereits fast 75 Prozent der Anteile kontrolliert. Ende der Woche habe die Porsche SE 42,6 Prozent der VW-Stammaktien gehalten. Dazu kämen 31,5 Prozent in Form von bar zu vergütenden Optionskontrakten auf VW-Anteile. Das ergebe insgesamt 74,1 Prozent.

Mit dieser Mitteilung gab Porsche nach Überzeugung der Kläger erstmals zu, dass die Baroptionen eben nicht bloße Kurssicherungsgeschäfte waren, sondern dazu dienten, die Kontrolle über die Aktien zu gewinnen.

In den folgenden Tagen stieg der VW-Kurs in ungeahnte Höhen. Die Aktie, die in den Vorwochen deutlich gesunken war, wurde am Markt knapp, da auch Niedersachsen gut 20 Prozent der Anteile hält. Der Kurs verdoppelte sich zunächst auf mehr als 400 Euro und kletterte dann sogar auf mehr als 1000 Euro.

Die Investmentfonds mussten sich in den Tagen des gewaltigen Kursanstiegs mit VW-Aktien eindecken, auch wenn sie dabei nach eigenen Angaben hohe Verluste in Kauf nehmen mussten. Sie hatten darauf vertraut, dass Porsche tatsächlich vorerst keinen Beherrschungsvertrag anstrebt. Dann, so ihre Kalkulation, hätte der Kurs der VW-Anteile auf ihren fundamental angemessenen Wert sinken müssen. Sie hatten deshalb VW-Aktien leer verkauft, also Anteile abgegeben, die sie noch gar nicht besaßen. Sie mussten diese Aktien zu einem späteren Zeitpunkt liefern, konnten also mit dem Kauf noch warten. Der bis dahin - so ihre Erwartung - deutlich gesunkene Kurs sollte ihnen einen ordentlich Gewinn bringen. Tatsächlich fiel die Aktie nach Beendigung der Übernahmeschlacht rapide. Aktuell kostet ein Stammanteil rund 68 Euro.

Als plötzlich die VW-Aktien knapp wurden, gerieten die Anleger in Panik. Der Klage zufolge waren 13 Prozent der Anteile leer verkauft worden. Aber nur noch sechs Prozent der Aktien waren frei handelbar. Das komplette Geschäft schien plötzlich in Frage gestellt. Die Anleger hatten - ohne es zu wissen - mit Aktien gehandelt, die von Porsche kontrolliert wurden. Jetzt mussten sie kaufen, egal zu welchem Preis.

Auch den Gewinner der Marktturbulenzen benennen die Kläger: Porsche. Nach wenigen Tagen kündigte das Stuttgarter Unternehmen, bis zu fünf Prozent der Optionen wieder freizugeben. Porsche konnte seine Optionen mit einem vermutlichen Gesamtgewinn in Milliardenhöhe realisieren.



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Harald E, 09.12.2009
1.
Zitat von sysopDer VW-Konzern schließt mit Suzuki eine umfangreiche strategische Allianz. Die Wolfsburger kaufen knapp 20 Prozent der Anteile des japanischen Kleinwagenbauers - Experten schätzen die Kosten auf mindestens anderthalb Milliarden Euro. Wer kann VW noch stoppen?
Die politisch forcierten Kaufkraftverluste.
Carguy 09.12.2009
2. Wo liegt der Nutzen?
Zitat von sysopDer VW-Konzern schließt mit Suzuki eine umfangreiche strategische Allianz. Die Wolfsburger kaufen knapp 20 Prozent der Anteile des japanischen Kleinwagenbauers - Experten schätzen die Kosten auf mindestens anderthalb Milliarden Euro. Wer kann VW noch stoppen?
Also doch, obwohl Suzuki zunächst heftig dementierte. Ob man mit einem 20 % Anteil strategisch viel bewegen kann, bezweifle ich. Die´vorherige GM Beteiligungen an Suzuki ist jedenfalls wieder aufgegeben worden. Die 11. VW-Marke ist Suzuki damit noch nicht.
Carguy 09.12.2009
3. Weltmeister wovon?
Der Deal entspricht dem (größenwahnsinnigen) Rekorddenken von Piech. Mit einem Anteil von 20 % an Suzuki ist der Suzuki- Verkauf von Autos nicht dem VW Konzern zuzurechnen. Damit fällt das Überholen von Toyota gegenwärtig noch flach. Zuletzt lag VW hinter Toyota und GM an 3. Stelle.
Hubert Rudnick, 09.12.2009
4. Risiko
Zitat von sysopDer VW-Konzern schließt mit Suzuki eine umfangreiche strategische Allianz. Die Wolfsburger kaufen knapp 20 Prozent der Anteile des japanischen Kleinwagenbauers - Experten schätzen die Kosten auf mindestens anderthalb Milliarden Euro. Wer kann VW noch stoppen?
VW muß aufpassen damit sie sich nicht verschlucken, denn sie was heute Zukäufe heißt, könnte morgen schon ein Schritt in die Pleite sein.
semper fi, 09.12.2009
5.
Zitat von sysopDer VW-Konzern schließt mit Suzuki eine umfangreiche strategische Allianz. Die Wolfsburger kaufen knapp 20 Prozent der Anteile des japanischen Kleinwagenbauers - Experten schätzen die Kosten auf mindestens anderthalb Milliarden Euro. Wer kann VW noch stoppen?
Gegenfrage: Ist das jetzt wieder eine Hochzeit, die im Himmel geschlossen wurde? Weitere Frage: Ist der Redakteur, der das geschrieben hat, in Wirtschaftsdingen fit? Investitionen sind erst mal keine Kosten, können es aber schnell werden, wenn die im Himmel erledigte Hochzeit in der Hölle geschieden wird. Sie Daimler-Chrysler. Insgesamt bleibt zu hoffen, dass Piech & Co. genauso auf die Schnauze fallen.
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