Milliardenpoker der Ölkonzerne Wie BP die Zerschlagung verhindern will

Die Lage von BP verschärft sich, die Kosten der Ölkatastrophe in den USA sind völlig offen. Der Konzern setzt nun offenbar auf Staatsfonds aus dem Nahen Osten, um Attacken der Konkurrenz zu kontern. SPIEGEL ONLINE entwirft drei Szenarien, wie es mit dem kriselnden Unternehmen weitergehen könnte.
Kampf gegen die Ölpest: Katastrophe kostet BP bereits über drei Milliarden Dollar

Kampf gegen die Ölpest: Katastrophe kostet BP bereits über drei Milliarden Dollar

Foto: Bevil Knapp/ dpa

Hamburg - Rund 40 Millionen Dollar hat BP seit April für die Folgen der Ölkatastrophe gezahlt - pro Tag wohlgemerkt. Die Eindämmung der Ölpest und Entschädigungen kosteten bislang insgesamt 3,12 Milliarden Dollar, teilte der Konzern am Montag mit. Das klingt enorm - angesichts eines Gewinns von sechs Milliarden Dollar im ersten Quartal ist die Summe für BP jedoch wenig dramatisch.

Problematischer sind der Imageschaden und der Absturz an der Börse. BP steht in den USA unter massivem politischen Druck, Chef Tony Hayward musste das Krisenmanagement bereits abgeben. Der Wert der BP-Aktie hat sich seit der Explosion der Ölplattform "Deepwater Horizon" halbiert, er ist so niedrig wie zuletzt 1996. Damit hat der drittgrößte Ölkonzern der Welt nur noch einen Börsenwert von 100 Milliarden Dollar - und ist auf einmal vergleichsweise billig zu haben.

Obwohl BP sich mit einem Zwanzig-Milliarden-Dollar-Hilfsfonds ein wenig Luft verschafft hat, bleibt unklar, wie hoch die Kosten für Säuberungen und Schadensersatz am Ende wirklich ausfallen. Expertenschätzungen schwanken zwischen 30 und 100 Milliarden Dollar. Diese Summe wird BP zwar kaum kurzfristig bezahlen müssen, doch an der Börse sorgt das langfristige Risiko für Unsicherheit.

Der niedrige Börsenwert ruft naturgemäß die Konkurrenz auf den Plan: Ende vergangener Woche bekundete der französische Konkurrent Total sein Interesse an Geschäftsfeldern von BP: "Es ist derzeit nicht unsere Priorität, uns Teile von BP anzuschauen", sagte Vorstandschef Christophe de Margerie. "Sollten sie aber zum Verkauf gestellt werden, würden wir sie natürlich näher betrachten."

BP hat angekündigt, in den kommenden Monaten durch den Verkauf von Randgeschäften zehn Milliarden Dollar einnehmen zu wollen. Spekuliert wird etwa über die argentinische Tochtergesellschaft Pan America, sie macht knapp drei Prozent der Öl- und Gasförderung des Konzerns aus. Interesse sollen vor allem die Chinesen haben - über ihre staatliche Ölgesellschaft CNOOC, die bereits an der Pan America beteiligt ist.

Außerdem erwägen offenbar Staatsfonds in Abu Dhabi, Katar und Kuwait den Einstieg. Laut britischen Medien zieht BP Beteiligungen der Staatsfonds in Betracht, um Übernahmeattacken abzuwehren.

Wie geht es mit dem britischen Ölmulti weiter? Übersteht BP die Katastrophe am Golf von Mexiko oder droht dem Konzern das Aus? SPIEGEL ONLINE zeigt drei vorstellbare Szenarien.

Die Konkurrenten teilen BP unter sich auf

In der Führung von BP macht sich Unruhe breit: Wenn der Konzern nicht bald in ruhigeres Fahrwasser gebracht werde, könne man ins Visier von Exxon Mobil, Royal Dutch Shell und Petrochina geraten, sagte ein Manager der "Financial Times". Offen hat sich zwar noch keiner der Konkurrenten geäußert, aber alle dürften die Schwäche von BP genau beobachten.

Leisten können sich die BP-Geschäftsfelder nur die Großkonzerne, sagt Rainer Wiek, Chefredakteur beim Energie Informationsdienst (EID): "Der Kreis der Bieter ist überschaubar." Allerdings sind es nicht mehr nur die privaten Konkurrenten, die BP fürchten muss: "Seit Staaten wie Russland und China massiv im Ölgeschäft mitmischen, ist der Markt für die privaten Konzerne schwieriger geworden", sagt Wiek. Jedes Geschäftsfeld, das BP anbiete, sei für die Konkurrenz daher sehr attraktiv.

Zumal der Ölpreis - derzeit bei 70 Dollar - weiter steigen dürfte. "Vor zehn Jahren war der Markt für Staaten noch kaum attraktiv", sagt auch Josef Auer von der Deutschen Bank. Nun würden die staatlichen Unternehmen sich jedoch immer stärker am Ölgeschäft beteiligen und den Multis Konkurrenz machen.

Für die BP-Führung stellen die Verkäufe einzelner Geschäftsteile zweifellos ein erhebliches Risiko dar. Der Konzern ist aufgrund der Ölpest in einer schlechten Verhandlungsposition und muss darauf achten, keine strategisch wichtigen Geschäfte aufzugeben. Dazu zählen auch die Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko, vor Brasilien und Westafrika. Allerdings hat BP auch in den vergangenen drei Jahren Unternehmensteile im Wert von zehn Milliarden Dollar verkauft und strebte für 2010 ein Volumen von drei Milliarden Dollar an.

Und auch wenn sich die Konkurrenz einige attraktive Geschäftsteile sichern kann - eine Komplettübernahme scheint derzeit eher unwahrscheinlich. Dafür ist die finanzielle Lage von BP zu komfortabel. Pro Jahr macht der Konzern zwischen 15 und 20 Milliarden Dollar Gewinn. Und auch nach dem Desaster im Golf von Mexiko läuft das Geschäft gut.

Eine Zerschlagung oder gar feindliche Übernahme sei "eher unwahrscheinlich", sagt Wiek. Doch da die Märkte nicht immer nach logischen Gesichtspunkten funktionieren, sei auch dies nicht auszuschließen.

Der Konzern schafft es aus eigener Kraft

Unter Analysten ist der Optimismus nach wie vor groß: Laut Bloomberg raten 27 Anlageexperten zum Kauf von BP-Aktien, 12 sagten "halten" und nur zwei empfehlen den Verkauf. Eine große Mehrheit hält den Konzern demnach für unterbewertet und prophezeit ihm eine große Zukunft.

Auch Heiko de Vries von der Investment-Boutique Loys setzt auf BP. Er hält die Übernahmegerüchte für reine Spekulation. "Die Mitbewerber wittern ihre Chance, sich ein Stück vom Kuchen abzuschneiden, aber an der Lage des Unternehmens hat sich nichts geändert."

Zwar gebe es ein "Restrisiko", dass die Kosten für BP deutlich höher ausfallen als momentan abzusehen, aber diese Gefahr hält de Vries für überschaubar. Zumal sich die Zahlung über Jahre hinziehen werde, wie das Beispiel "Exxon Valdez" gezeigt habe. Bei der bisher schwersten Ölkatastrophe waren 1989 nach einer Havarie 41 Millionen Liter Öl ins Meer geströmt, Exxon Mobil musste nach jahrzehntelangen Prozessen nur einen Bruchteil der anfangs vorhergesagten Kosten übernehmen - rund vier Milliarden Dollar. "Damit hat BP genug Zeit, Rückstellungen zu bilden und die Katastrophe zu überstehen", sagt de Vries.

Eng werden könnte es jedoch selbst in diesem Szenario für Vorstandschef Tony Hayward. Laut "Financial Times" ("FT") sind Investoren verstimmt darüber, wie der BP-Boss mit der Krise umgegangen ist. So sagte er wenige Tage nach der Explosion im April, er wolle sein altes Leben zurück. Später tauchten Bilder von ihm beim Segeln auf. "Wenn das alles vorbei ist, wird es umfassende Ermittlungen geben und dann erwarten wir Veränderungen im Top-Management", sagte ein britischer Investor der "FT".

Nachfolger von Hayward könnte Bob Dudley werden, der das Geschäft in Amerika und Asien leitet. Er hatte den BP-Chef vor zwei Wochen bereits als Koordinator des Krisenmanagements abgelöst. Auch Aufsichtsratschef Carl-Henric Svanberg steht massiv unter Druck. Sollte BP das Ölleck im August unter Kontrolle bekommen und die Krise einigermaßen unbeschadet überstehen, steht der Konzern also vor einer Neubesetzung der beiden wichtigsten Führungspositionen.

Rettung durch Staatsfonds aus dem Nahen Osten

Trotz des Optimismus von Analysten hat sich offenbar auch bei BP der Eindruck verfestigt, dass man es ohne fremde Hilfe nicht schaffen wird. Wegen der Herabstufungen durch die Rating-Agenturen ist es für den Konzern deutlich teurer geworden, sich am Kapitalmarkt zu refinanzieren. Darum hat BP nun nach Informationen von britischen Medien Staatsfonds im Nahen Osten kontaktiert. Das Ziel: Mit der Hilfe der finanzstarken Investoren könnte BP eine feindliche Übernahme abwehren und den Börsenwert wieder steigern.

Laut "Sunday Times" nahmen BP-Berater Kontakt mit Staatsfonds in Abu Dhabi, Katar und Kuwait auf. Demnach strebt das Unternehmen eine Kapitalerhöhung an - um bis zu sechs Milliarden Pfund (7,2 Milliarden Euro). Auch eine strategische Beteiligung eines Konkurrenten sei vorstellbar. Den Angaben zufolge geht es um ein Aktienpaket in Höhe von fünf bis zehn Prozent. BP wollte die Berichte bislang nicht kommentieren.

Arabische Investoren sind in den vergangenen Jahren bei mehreren Großkonzernen eingestiegen, etwa bei den Banken Citigroup und Barclays sowie beim deutschen Autobauer Daimler. Der arabische Investor Kuwait Investment Office (KIA) ist bereits mit 1,75 Prozent an BP beteiligt. 1998 besaß KIA schon einmal mehr als 20 Prozent der Aktien, musste die Beteiligung aber auf Druck der britischen Regierung auf unter zehn Prozent reduzieren.

Experten loben die Avancen von BP: Ein Engagement der Staatsfonds aus dem Nahen Osten habe sich zuletzt etwa für Daimler sehr positiv ausgewirkt, sagt Rainer Wiek, Chefredakteur beim Energie Informationsdienst (EID). Die staatlichen Investoren seien zudem sehr finanzstark und würden sich nicht ins Kerngeschäft einmischen.

Zumindest kurzfristig scheint sich der Schachzug für BP auszuzahlen. Die Aktie des Ölmultis war am Montag heiß begehrt und stieg an der Londoner Börse zeitweise um mehr als fünf Prozent.

Mit Material von dpa und Reuters
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