Interview mit US-Multimillionär Hanauer "Der Mindestlohn ist ein Wachstumsprogramm"

Nick Hanauer gehört zu den reichsten Amerikanern - und kämpft für eine radikale Anhebung des Mindestlohns auf 15 Dollar. In Seattle hatte der Unternehmer mit seiner Kampagne bereits Erfolg.
Mindestlohn-Demo: "Aus Washington sollte man nichts erwarten"

Mindestlohn-Demo: "Aus Washington sollte man nichts erwarten"

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Zur Person
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Nick Hanauer: 55-jähriger US-Amerikaner, Vater hatte einst in Stuttgart eine Bettwarenfabrik, musste vor den Nazis fliehen und kaufte in Seattle die Pacific Coast Feather Company auf. Die gehört Hanauer noch heute, superreich wurde er aber als erster Investor von Amazon und als er im Jahr 2007 seine Firma Aquantive für 6,4 Milliarden Dollar an Microsoft verkaufte. Ist verheiratet, hat zwei Kinder, lebt in Seattle und ist Mitinhaber der Investmentfirma Second Avenue Partners.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehören zu den vermögendsten Menschen in den USA. Warum unterstützen ausgerechnet Sie eine politische Kampagne für die Verdopplung des Mindestlohns?

Hanauer: Ich versuche die Leute zu überzeugen, dass die neoklassische ökonomische Theorie, die unsere Politiker verinnerlicht haben und die ihre Entscheidungen prägt, zutiefst falsch ist.

SPIEGEL ONLINE: Was genau meinen Sie damit?

Hanauer: John Boehner, der republikanische Sprecher des US-Abgeordnetenhauses, sagt: Die Erhöhung des Mindestlohns vernichtet Arbeitsplätze. Aber das ist falsch. Tatsächlich geht es den Unternehmen besser, wenn die Löhne steigen. Das bisherige ökonomische Denken versteht die Welt viel zu sehr als ein abgeschlossenes, lineares System. Dieses System nimmt an, dass die Menschen rational ihre eigenen Interessen berechnen und perfekt informiert sind. Wir wissen jetzt aber, dass all diese unterstellten Annahmen falsch sind. Die wahren Job-Schaffer im Kapitalismus sind nicht reiche Typen wie ich, sondern die Konsumenten der Mittelklasse.

SPIEGEL ONLINE: Die Politik seit der Reagan-Ära war: Wenn die Unternehmer möglichst unbehelligt von Steuern oder Regulierung ihren Geschäften nachgehen können, dann wächst die Wirtschaft stärker - und das kommt am Ende allen zugute, nicht nur den Reichen.

Hanauer: Darin liegt der Denkfehler. Reiche geben nur einen kleinen Teil ihrer Vermögenszuwächse aus. Ich kann mir auch nur zehn neue Hosen im Jahr kaufen oder ein Auto. Wenn Mittelschichtfamilien mehr Geld zur Verfügung haben, legen sie viel weniger davon zur Seite als Superreiche - und kurbeln gerade dadurch die Wirtschaft an. Dass die Reichen noch reicher werden, bringt volkswirtschaftlich gar nichts.

SPIEGEL ONLINE: Genau das ist in den vergangenen Jahren in den USA und auch in Europa passiert.

Hanauer: Und was ist die Folge? Immer mehr Menschen sind auf staatliche Hilfen angewiesen, obwohl sie einen Job haben. Erst der Konsum schafft Wachstum. Höhere Löhne sind also kein Resultat von Wirtschaftswachstum, sondern eine notwendige Voraussetzung.

SPIEGEL ONLINE: Präsident Obama ist mit seinem Vorhaben, den nationalen Mindestlohn von 7,25 Dollar auf 10,10 Dollar zu erhöhen, im Kongress gescheitert.

Hanauer: Aus Washington sollte man nichts mehr erwarten, dort blockieren sich Demokraten und Republikaner gegenseitig. Deshalb bringt es auch nichts, auf Steuererhöhungen für Reiche zu warten, obwohl auch die richtig wären. Beim Thema Mindestlohn werden jetzt viele Bundesstaaten und Großstädte selbst aktiv. Wir in Seattle haben jetzt einen Mindestlohn von 15 Dollar beschlossen, der bis 2017 umgesetzt wird.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen sie all den Menschen, die dadurch arbeitslos werden? Das Haushaltsbüro des Kongresses geht in einer Stellungnahme davon aus, dass ein höherer Mindestlohn US-weit 500.000 Jobs kosten könnte.

Hanauer: Diese Zahl von Arbeitsplatzverlusten ist aus ein paar älteren Studien abgeschrieben worden. Dahinter steckt keine genauere Analyse. Im Gegenteil: Es gab in den vergangenen Jahren einige empirische Untersuchungen, die gezeigt haben, dass die Beschäftigungsquote nicht sinkt, wenn der Mindestlohn steigt. Wenn höhere Löhne wirklich Jobkiller wären, könnte Deutschland doch gar nicht existieren. Warum produziert denn Mercedes Benz nicht im Kongo, sondern in Deutschland?

SPIEGEL ONLINE: Weil die hohe Produktivität pro Beschäftigtem am Standort Deutschland die hohen Lohnkosten mehr als ausgleicht. Viele Experten sagen: Eine Erhöhung des Mindestlohns in den USA ist überfällig, aber mit Blick auf die Produktivität sind 15 Euro einfach zu viel. Wie kommen Sie eigentlich auf eine so hohe Zahl?

Hanauer: Die einzige Diskussion über den Mindestlohn in den vergangenen Jahren war: Soll man ihn um 50 Cent erhöhen oder nicht? Aber wenn Sie die dumme neoklassische Idee zurückweisen und erkennen, dass die Unternehmen mehr Kunden haben, wenn die breite Masse mehr Geld hat, dann geht's nicht mehr um 50 Cent Erhöhung, sondern um 5 Dollar. Dann geht's darum, Niedriglöhne wieder ins Gleichgewicht zu bringen mit dem Rest der Wirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Und 15 Dollar in der Stunde sorgen für dieses Gleichgewicht?

Hanauer: Wir haben das ausgerechnet: Wenn man den Mindestlohn nun an die Inflation der vergangenen Jahre angleicht, müsste er 10,15 Dollar betragen. Wenn man ihn aber an die Produktivitätszuwächse anpasst, müsste er 22 Dollar betragen. Und wenn man ihn anpasst an die Einkommenszuwächse, die das oberste eine Prozent der Gesellschaft zuletzt erzielt hat, müsste er 28 Dollar betragen. 15 Dollar schien uns ein vernünftiger Kompromiss.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren Mitglied einer Kommission des Bürgermeisters von Seattle, in der auch Geschäftsleute und Vertreter der Handelskammer saßen. Wie haben Sie die überzeugt?

Hanauer: Wenn man weiß, dass ausnahmslos jeder den höheren Mindestlohn zahlen muss, kann man sich leichter damit abfinden. Wer heute den Mindestlohn verdient, kann Mami keine Blumen kaufen und sie nicht ins Restaurant einladen. Eine Erhöhung kommt also gerade lokalen Geschäften zugute. Selbst die Restaurantbesitzer sehen ein, dass es eine gute Idee ist, ihre Mitarbeiter so zu bezahlen, dass sie selbst in dem Restaurant essen können.

SPIEGEL ONLINE: Bill Clintons ehemaliger Arbeitsminister Robert Reich steht voll auf Ihrer Seite. Aber unter den Republikanern haben Sie keine Freunde, oder?

Hanauer: Die sind nicht so engstirnig, wie Sie vielleicht glauben. Nehmen Sie das Beispiel Walmart, der größte Arbeitgeber im Land mit 1,3 Millionen Beschäftigten. Gleichzeitig zahlt Walmart seine Mitarbeiter so mies, dass viele von ihnen Lebensmittelmarken brauchen und Anspruch auf die staatliche Krankenversicherung für Arme habe. Wenn Walmart einer Million seiner Mitarbeiter jährlich 10.000 Dollar mehr Lohn zahlt, dann würde das Unternehmen statt 27 nur noch 17 Milliarden Dollar Gewinn machen. Aber die Mitarbeiter bräuchten keine steuerfinanzierten Sozialleistungen mehr. Das entlastet den Staatshaushalt - und darauf fahren die Republikaner schon ab. Wir haben bisher die Kosten für Niedriglöhner sozialisiert und die Profite der Firmen privatisiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie die große Resonanz in der Öffentlichkeit, die Sie und Ihre Ideen zurzeit erfahren?

Hanauer: Mir ist schon klar, dass 15 Dollar Mindestlohn keine Chance gehabt hätte, wenn es nur darum gegangen wäre, armen Arbeitern zu helfen. Dafür bekommt man nicht genügend Unterstützung. Aber wenn die Menschen einsehen, dass es am Ende allen nützt, dass es ein Programm für Wirtschaftswachstum ist, dann sieht es anders aus. Das Problem der vergangenen Jahrzehnte war doch oft, dass die Linke Fairness versprochen hat und die Republikaner Wirtschaftswachstum. Klar, dass die Amerikaner bei dieser Auswahl für Wirtschaftswachstum votiert haben. Das Verrückte ist nur, dass es mit den Rezepten der Republikaner gar nicht funktioniert.

Das Interview führte Markus Grill