Ifo-Forscher Minijob-Reform könnte Zehntausende Frauen in die Teilzeitfalle drängen

Die Bundesregierung plant umfassende Änderungen bei den Mini- und Midijobs. Berechnungen des Ifo-Instituts zufolge würden die aber dazu führen, dass besonders Frauen ihre regulären Vollzeitjobs verlassen.
Bedienung in der Gastronomie: Oft auf Minijob-Basis angestellt

Bedienung in der Gastronomie: Oft auf Minijob-Basis angestellt

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Marijan Murat / picture alliance/dpa

Die Bundesregierung will die Mini- und Midijobs reformieren und Menschen bei der Einkommensteuer entlasten. Das dürfte laut Ifo-Institut erst mal »insgesamt eine positive Auswirkung auf die Arbeitsmarktbeteiligung« haben. Doch das gilt längst nicht für alle.

Als Folge der Reform dürften vor allem Männer ihre Arbeitszeit erhöhen, während viele Frauen »ihre Arbeitszeit verringern und noch häufiger in Teilzeit arbeiten«, so Ifo-Forscher Maximilian Blömer. Die »Teilzeitfalle, von der vor allem Frauen als Zweitverdienerinnen betroffen sind«, drohe sich zu verschärfen.

Konkret wollen die Ampelpartner aus SPD, Grünen und FDP die Minijob-Verdienstgrenze von 450 auf 520 Euro pro Monat anheben – und planen eine Neugestaltung sowie Ausweitung der Midijob-Gleitzone auf 1600 Euro. Zudem sind Steuerentlastungen in Form einer Anhebung der Werbungskostenpauschale von 1000 auf 1200 Euro im Jahr und des Grundfreibetrages von 9984 auf 10.347 Euro im Jahr vorgesehen. Ökonom Blömer hat zusammen mit der Forscherin Valentina Consiglio die Auswirkungen dieser drei Reformelemente auf Beschäftigung und Staatshaushalt untersucht .

Reform würde den Staat Milliarden kosten

Durch die Mini- und Midijobreform würden Teilzeitjobs finanziell attraktiver, stellen die beiden fest. Gut 80.000 Frauen mehr dürften durch die Reform aber in Teilzeitjobs mit weniger Stunden arbeiten. Gleichzeitig drohten 40.000 Frauen ihre Vollzeittätigkeit aufzugeben.

Selbst wenn man davon ausgeht, dass besonders die steuerlichen Reformen das Jobben für manche attraktiver machen, würde sich die Arbeitszeit von Frauen unter dem Strich noch um gerechnet 7000 Vollzeitstellen verringern.

Diese Ergebnisse sind ein bitterer Befund, denn angesichts des Fachkräftemangels in Deutschland werden Frauen auf dem Arbeitsmarkt dringend gebraucht. Darüber hinaus kosteten die Reformen den Staat den Ifo-Forschern zufolge insgesamt 6,5 Milliarden Euro.

»Die negativen Beschäftigungswirkungen entstehen vor allem durch die Kombination des bestehenden Ehegattensplittings sowie der Ausweitung der steuer- und abgabenfreien Minijobs«, so Blömer. »Mit den geplanten Reformen verfehlt die Ampelkoalition somit ihr erklärtes Ziel, die Verdrängung von regulären Arbeitsverhältnissen durch Minijobs sowie die Teilzeitfalle insbesondere für Frauen zu verhindern.«

Prekäre Verhältnisse

Minijobs sind zwar nicht nur bei unteren Einkommen populär, sondern auch etwa als steuersparendes Zuverdienstmodell unter Besserverdienern. Für einen Großteil der Minijobber ist diese Tätigkeit aber ein dringend benötigtes Standbein, um – etwa neben einem Teilzeit-Hauptjob – das Haushaltseinkommen aufzubessern. 60 Prozent der Mitte 2021 knapp sieben Millionen Minijobber lebten in Haushalten mit einem verfügbaren Monatseinkommen von weniger als 2000 Euro.

Insgesamt ist die Gefahr, arbeitslos zu werden, für Minijobber rund zwölfmal höher als für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Anspruch auf Kurzarbeiter- oder Arbeitslosengeld haben sie nicht. Und im Alter haben Minijobber oft keinen vergleichbaren Anspruch auf Zahlungen aus der Rentenkasse, wenn sie sich von der Versicherungspflicht befreien lassen.

apr