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09. März 2016, 07:33 Uhr

Minuszinsen

Investoren leihen Bank Geld - und zahlen erstmals drauf

Die Minuszinsen fressen sich immer tiefer in die Finanzwelt. Nicht nur Staaten können sich mittlerweile Geld zum Nulltarif leihen. Erstmals haben Investoren auch einer Bank eine Anleihe mit negativer Rendite abgekauft.

Die vergleichsweise kleine Bank Berlin Hyp sorgt in der internationalen Finanzwelt für Aufsehen: Als erster nicht staatlicher Gläubiger hat sie am Dienstag eine Anleihe über 500 Millionen Euro herausgegeben, bei der die Investoren statt Zinsen zu bekommen, Geld drauf zahlen müssen.

Es geht dabei um einen sogenannten Pfandbrief, also eine Art Schuldschein, der durch Immobilien gedeckt ist. Das macht ihn für Investoren sicherer und attraktiver. Die Bank zahlt für das Papier mit einer dreijährigen Laufzeit null Prozent Zinsen. Weil die Nachfrage dennoch so groß und der Ausgabepreis entsprechend hoch war, liegt die Rendite für die Investoren bei -0,162 Prozent. Das heißt: Wenn sie das Papier bis zur Endfälligkeit in drei Jahren halten, verlieren sie definitiv Geld damit.

Dass trotzdem so viele Investoren den Pfandbrief haben wollen, hängt mit ihren Erwartungen zusammen. Sie gehen davon aus, dass die Zinsen auf dem Markt noch weiter sinken könnten. Mit einer gut besicherten Anleihe zum Nulltarif könnten sie dann womöglich doch noch Geld machen, wenn sie sie zu einem noch höheren Preis verkaufen.

Hintergrund ist die extreme Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), die sich zuletzt immer mehr zu einer Negativzinspolitik entwickelt hat. Banken, die sich der EZB kurzfristig Geld leihen, zahlen dafür noch einen Zins von 0,05 Prozent, den sogenannten Leitzins. Für überschüssiges Geld, das die Finanzinstitute bei der EZB parken, verlangt die Notenbank aber mittlerweile einen Zins von -0,3 Prozent (siehe Grafik).

Weil die Notenbanker um EZB-Präsident Mario Draghi die Banken dazu bringen wollen, weniger Geld zu horten und mehr Kredite zu vergeben, könnte der EZB-Rat bei seiner Sitzung an diesem Donnerstag den Zinssatz für die Einlagen der Banken noch weiter ins Minus drücken. Da ist es für die Finanzinstitute also immer noch attraktiver, das Geld der Berlin Hyp zu leihen, die zudem zur Sparkassen-Familie gehört und damit als besonders sicher gilt.

In den vergangenen Jahren waren bisher nur Staaten, die Anleihen zu Minusrenditen ausgeben konnten. Auch Deutschland profitierte von der Niedrigzinspolitik, weil die Aufwendungen für Zinszahlungen im Haushalt deutlich zurückgingen.

Für Sparer sind die Niedrigzinsen dagegen ein Graus. Wer derzeit 1000 Euro in eine Bundesanleihe mit siebenjähriger Laufzeit investiert, verliert pro Jahr zwei Euro. Das wirkt sich auch auf andere Sparprodukte wie Tages- oder Festgeld sowie auf die Rendite von Lebensversicherungen aus. Überall sinkt die Rendite. Von Unternehmenskunden, die größere Beträge anzulegen haben, verlangen einige Banken sogar schon Minuszinsen.

stk

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