Eurotunnel bis Space Park Die größten Flops der Wirtschaft

Das Elbphilharmonie-Desaster beweist, wie wenig Politiker von Großprojekten verstehen. Doch Missmanagement regiert auch in Privatfirmen. Das zeigt eine Auswahl spektakulärer Fehlinvestitionen und Planungsfehler.

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Hamburg - Eine hanebüchen optimistische Kalkulation, überforderte Behörden, Chaos auf der Baustelle - folgt man dem Abschlussbericht des Hamburger Untersuchungsausschusses, liefert die Elbphilharmonie einen eindrücklichen Beweis für die Unfähigkeit der Politik bei Großprojekten. Ob Stuttgart 21, der Berliner Großflughafen oder das mondäne Konzerthaus in der Hansestadt, überall zeigt sich das gleiche Bild: jahrelange Verzögerungen, Pfusch bei Planung und Bau, horrend steigende Kosten.

Die Schlussfolgerung scheint klar: Großprojekte gehören nicht in die Hände von Beamten und Politikern, die das Geld der Steuerzahler aus Prestigegründen verjuxen. Sollte man technologisch anspruchsvolle Vorhaben also lieber der Privatwirtschaft überlassen? Schließlich können sich normale Unternehmen geschönte Kalkulationen und krasse Schlampereien gar nicht leisten, möchte man meinen. Denn es geht um ihr eigenes Geld.

Doch diese Argumentation hat einen gewichtigen Haken: Sie entspricht nicht der Realität. Ob ein Tunnel unter dem Ärmelkanal, eine gigantische Eisenerzmine im brasilianischen Niemandsland oder ein Luxushotel an der Ostsee - eindrucksvolle Beispiele für unfassbare Planungsfehler und Pfusch bei privaten Großprojekten gibt es genug.

Bitte klicken Sie auf die Bilder, um eine Auswahl besonders krasser Beispiele zu sehen.

Eurotunnel

REUTERS

Kein einziger Penny aus Staatskassen! So lautete 1986 Margaret Thatchers Bedingung für den Bau des Tunnels unter dem Ärmelkanal. Die Eiserne Lady setzte sich durch – und bewahrte Großbritannien und Frankreich vor horrenden Verlusten, die stattdessen Hunderte Banken und Hunderttausende Kleinanleger tragen mussten: Statt wie geplant rund sieben Milliarden kostete bereits der Bau umgerechnet 14,5 Milliarden Euro, dann blieben die Einnahmen lange unter den Erwartungen. Mehrmals stand Eurotunnel vor der Pleite, 2007 rettete nur ein radikaler Schuldenschnitt das Unternehmen.

Cargolifter

DPA

Den Zeppelin als Frachten-Lastesel wiederbeleben: Die Idee begeisterte wohl Millionen Menschen, und immerhin 72.000 so sehr, dass sie ab 1996 ihr Geld in Aktien von Cargolifter steckten. Rund 300 Millionen Euro kamen so zusammen, und der Staat steuerte noch einmal rund 50 Millionen Euro bei. Offenbar zu wenig – am Ende stand zwar die größte freitragende Halle der Welt in der Brandenburger Provinz, doch das Unternehmen war im Sommer 2002 insolvent, lange bevor der moderne Zeppelin Flugreife erlangte.

Anglo American

AngloAmerican

Einen Mangel an Erfahrung bei komplexen Projekten kann man Anglo American sicher nicht nachsagen. Doch in Westbrasilien hat der drittgrößte Bergbau-Konzern der Welt die Probleme offenbar unterschätzt: Mit 8,8 Milliarden Dollar hat die britisch-südafrikanische Firma bereits dreimal mehr Geld als geplant in die Eisenerzmine Minas Rios gesteckt – und noch keine einzige Tonne des Rohstoffs gefördert. Der soll - mit Wasser vermischt - über eine Pipeline mehr als 500 Kilometer zum nächsten Hafen transportiert werden. Die Verhandlungen mit Hunderten Grundbesitzern und Bürgermeistern dauern, Gerichtsprozesse kosten viel Geld. Ab Ende 2014 – drei Jahre später als geplant – soll der Abbau endlich beginnen.

Siemens

Siemens

Der Jubel war groß beim Münchner Technologiekonzern: Gleich für vier der geplanten Offshore-Windparks vor der deutschen Nordsee-Küste hatte Siemens die Aufträge für den Bau der gigantischen Umspann-Plattformen erhalten – jede halb so groß wie ein Fußballfeld und bis zu sieben Stockwerke hoch. Doch die Münchner unterschätzten die Komplexität des Projekts, vor allem des Transports der Plattformen und ihrer Verankerung in der oft stürmischen See. Die Folge: etwa ein Jahr Verspätung bei drei der vier Projekte. Bislang summieren sich die Verluste für Siemens auf rund 700 Millionen Euro.

Grand Hotel Heiligendamm

SPIEGEL ONLINE

"Das ist definitiv verloren, da kommt auch nichts mehr", antwortete Anno August Jagdfeld dem SPIEGEL auf die Frage nach rund 135 Millionen Euro, die 1900 Privatanleger in sein Luxushotel an der Ostsee investiert hatten. Nach neun verlustreichen Jahren musste der Immobilienunternehmer Anfang 2012 Insolvenz anmelden, auch etwa 50 Millionen Euro staatliche Fördermittel sind weitgehend futsch. Immerhin: Das Hotel bleibt geöffnet und gibt rund 240 Beschäftigten Arbeit, weil ein Investor aus Hannover das Ensemble im Sommer 2013 kaufte.

Space Park

DPA

Im kleinen Bremen wurde Ende der Neunziger groß gedacht: Auf dem Gelände der ehemaligen AG-Weser-Werft sollte der größte Indoor-Erlebnispark Europas entstehen, eine Raumfahrt-Themenwelt mit Fahrgeschäften auf 20.000 Quadratmetern und doppelt so großer Shopping-Fläche. 1,3 Millionen Besucher im Jahr wurden im Space Park erwartet, zwei auf jeden Bremer. Nur fanden sich kaum Mieter für die gigantischen Ladenflächen - die Besucher blieben aus, im September 2004 war nach sieben Monaten Schluss. Mehr als 150 Millionen Euro hatte das Land investiert, fast 500 Millionen Euro die Dresdner Bank. Zwei Jahre später zahlte ein britischer Investor rund 45 Millionen Euro für die Hallen, heute befindet sich darin: ein Einkaufszentrum.

ThyssenKrupp

ThyssenKrupp

Am Anfang stand der Traum vom Aufstieg zum globalen Stahlkonzern: 2004 initiierte ThyssenKrupp den Bau zweier Stahlwerke in den USA und Brasilien, 1,2 Milliarden Euro sollten sie kosten und den Markt in Übersee erobern. Die Hütte im US-Bundesstaat Alabama gelang auch sehr gut – doch beim brasilianischen Werk, in den Sümpfen 50 Kilometer westlich von Rio de Janeiro, lief vieles schief: Konstruktionsfehler, Pfusch am Bau, Störfälle. Das Amerika-Abenteuer hat inzwischen fast 13 Milliarden Euro gekostet und die deutsche Konzern-Ikone in existentielle Nöte gestürzt. Inzwischen plagen die Manager in Essen Alpträume von der Zerschlagung.

Boeing

DPA

Ende 2003 versuchte Boeing den Befreiungsschlag: Ein neuer Langstrecken-Jet sollte entstehen, der Dreamliner, leicht und spritsparend, eine völlige Neuentwicklung, als Beweis für die Konkurrenzfähigkeit zu den Europäern von Airbus. Allerdings gab Boeing die Kontrolle häufig aus der Hand – 70 Prozent der Teile kamen von oftmals überforderten Zulieferern. Auch bei der aufwendigen Karbonkonstruktion hakte es, die Entwicklung dauerte drei Jahre länger und kostete mit zehn Milliarden Euro doppelt so viel wie geplant. Auch nach der Auslieferung nahm die Pannenserie kein Ende: brennende Batterien, Sprünge in Cockpit-Fenstern und defekte Bremscomputer. Irgendwann im nächsten Jahrzehnt könnte sich der Dreamliner für sie rechnen, hoffen die Boeing-Manager.

insgesamt 156 Beiträge
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Spiegelleserin57 08.01.2014
1. aber wir haben kein Geld!
klar bei diesen Flops. Es wird Zeit dass die Kalkulationen realistischer werden. Vom grünen Tisch ist schnell entschieden, nur sollten gewisse risiken auch mit einkalkuiert werden wie z. B. drastische Verzögerungen und auch die Verzögerungen durch Volksbegehren.
braman 08.01.2014
2. Wirtschaftsflops
Dies sind nur die großen, bekannt gewordenen Beispiele. In der Summe sind es wohl nur ein kleiner Prozentsatz der tatsächlichen Fehlentscheidungen. Es fehlen in dieser Liste noch die sehr teuren Fehlinvestitionen wie z.B. die von Herrn Schrempp (Mitsubishi, Chrysler) und viele andere mehr. Außerdem werden bei all diesen unternehmerischen Debakeln die Verluste über Jahre hinweg steuerlich geltend gemacht und so die Allgemeinheit an den Verlusten beteiligt. Diese Art von Steuereinsparung kostet den Staat womöglich deutlich mehr als alle sogenannten 'Steuerverschwendungen' durch staatliche Stellen. Es gibt meines Wissens kein staatliches Projekt das auch nur ansatzweise soviel Verlust produziert hat wie allein Herrn Schrempps Abenteuer des "Weltkonzerns"! Wäre mal interessant, eine Gegenüberstellung zu haben!
krukade 08.01.2014
3. Die Stadt Bonn läßt grüßen
Bei diesen Milliarden und Millionen Skandalen der öffentlichen Hand möchte sich die Stadt Bonn sicherlich gerne einreihen. Mit eine der höchsten Schulden pro Kopf im Lande aber Millionen für das World Conference Center Bonn (WCCB) verblasen. Da wird schnell vergessen das Bonn nicht mehr Hauptstadt ist und man daher nun kleine Brötchen backen sollte. http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/themen/wccb/millionenfalle/
frxxl 08.01.2014
4. Unsinn
Das kann gar nicht sein, sich selbst überschätzende Idioten gibt es nur im öffentlichen Dienst bzw. der Politik! Und freie Marktwirtschaft ist die Lösung für alles. ALLES! IMMER! Wer etwas anderes behauptet, ist ein sozialistischer Kommunistendiktaturliebhaber, der gegen Freiheit und Wohlstand ist. Und am Ende noch für Mindestlohn. Geht doch alle nach Kuba!! Oder Frankreich...So!
donnerfalke 08.01.2014
5. Das sind keine Flops, es ist so gewollt
Das sind definitiv keine Flops denn es ist so gewollt. Jedes Kleinkind kennt einen Unterschied zwischen 10 und 1000€, das ist Unfug zu behaupten das erwachsene Menschen es nicht gewußt hätten oder man hätte sich "vertan" oder "verschätzt". Es geht darum die Steuergelder anzuzapfen daher utopische Preise wie Handtuchhalter für 1000€. Als Beweis sieht man dass die Politiker in Sachen Mindestlohn nicht mehr so großzügig sind wie bei Elbphilarmoie, daher gehören diese Erzählungen ins Märchenreich. Später findet man dieselben korrupten Attrappen irgenwo in Vorständen von den Firmen denen sie solche "fette" Aufträge beschert haben.
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