Vor dem Corona-Gipfel Ein Viertel der Modehändler will gegen Shutdown klagen

Dem deutschen Einzelhandel geht die Geduld aus: Vor den Bund-Länder-Beratungen treten Textilhändler eine Klagewelle los. Dank ausgefeilter Hygienekonzepte sei Einkaufen wieder sicher, sagen sie.
Eine geschlossene S.-Oliver-Filiale, Ende Januar 2021

Eine geschlossene S.-Oliver-Filiale, Ende Januar 2021

Foto: imago images / SKATA

Rund ein Viertel der Textilhändler in Deutschland plant, mit Klagen die Öffnung ihrer geschlossenen Läden zu erzwingen. Das ergibt eine aktuelle Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE). Dazu zählen neben dem Modehändler Breuninger auch Unternehmen wie Ernsting's Family. S. Oliver erwägt ebenfalls, vor Gericht zu ziehen.

»Die S. Oliver Group prüft eine Verfassungsbeschwerde, weil wir eine massive Ungleichbehandlung sehen und unser Eigentumsrecht beschnitten wird«, sagt Firmenchef Claus-Dietrich Lahrs. »Wir als Modeeinzelhändler wurden willkürlich geschlossen, obwohl wir Hygienekonzepte bereits erfolgreich angewendet haben.«

Der Lebensmitteleinzelhandel mit viel höheren Frequenzen zeige trotz deutlich höherer Kundenzahlen, dass »davon kein erhöhtes Infektionsrisiko ausgeht und eine sichere Öffnung unter Hygienemaßnahmen möglich ist«, sagt Lahrs weiter. »Aktuelle Studien und die letzte Einschätzung des RKI belegen das.«

Auch beim süddeutschen Mode-Filialisten Breuninger ist man auf Zinne. Man habe seit dem vergangenen Sommer ein ausgefeiltes Hygienekonzept vorgelegt, das sogar von der Landesregierung in Baden-Württemberg gelobt worden sei, sagt ein Sprecher. Fast eine Million Euro hat der Modehändler investiert: unter anderem in Boden-Beklebungen, Desinfektionsspender und eine App zum besseren Besucher-Management.

»Das Konzept stellt sicher, dass sowohl Mitarbeiter als auch Kunden sicher sind, wenn sie bei uns einkaufen«, teilt die Firma mit. »Aber es hat nichts gebracht.« Stattdessen hangele sich die Politik von Inzidenz zu Inzidenz, bringe aber keine Konzepte auf den Weg, wie man öffnen könne. »Deshalb gehen wir jetzt den Klageweg.«

Geschlossen: Die Thalia-Buchhandelskette will dagegen klagen

Geschlossen: Die Thalia-Buchhandelskette will dagegen klagen

Foto: Manfred Segerer / imago images

Die Buchhandelskette Thalia klagt ebenfalls gegen den Lockdown und fordert eine »Brücke bis September« zu bauen, wenn voraussichtlich genug Menschen immun gegen das Virus seien. »Wir brauchen eine Öffnung ab März«, sagt Thalia-Chef Michael Busch. »Die Lage ist dramatisch. Wer jetzt noch lebt, der wackelt.«

Auch die Baumarktkette Obi zieht vor Gericht. Denn auch Baumärkte dürfen ab dem 1. März nur in Bayern wieder öffnen. In fast allen Bundesländern können nach derzeitigem Stand nur die Gartencenter aufgesperrt werden.

Das Einkaufen in den Baumärkten sei sicher, sagt Obi. Auf jeden Kunden kämen laut Hygienekonzept mindestens 50 Quadratmeter Verkaufsfläche – bei durchschnittlichen Betriebsflächen von 7500 Quadratmetern. »Hier wirken sich die große Raumhöhe, die vielen Freiflächen und die Möglichkeit des effizienten Luftaustausches durch natürliche und mechanische Lüftung aus«, teilt das Unternehmen mit. Wissenschaftliche Untersuchungen des Max-Planck-Instituts sowie der TU Berlin hätten gezeigt: »Die Infektionswahrscheinlichkeit in einem Baumarkt tendiert gegen null.« Außerdem erfolge die Anreise fast immer per Auto oder Fahrrad.

Tatsächlich weist eine Studie der TU Berlin darauf hin, dass das Ansteckungsrisiko etwa in einem Supermarkt deutlich geringer ist als in einer Schwimmhalle oder einem Mehrpersonenbüro. Bei den Berechnungen gingen die Forscher allerdings davon aus, dass sich alle Anwesenden an die Hygiene- und Abstandsregeln halten. Menschen etwa, die sich an einer Kasse drängeln, wurden nicht berücksichtigt.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) hat die Umsatzverluste ausgerechnet, die drohen, falls der Lockdown verlängert wird und die Hilfen weiter ausblieben. Sollten die Läden erst im April wieder öffnen, würden die Einzelhandelsumsätze gegenüber dem Krisenjahr 2020 nochmals um vier Prozent sinken. Hält der Shutdown bis Mai an, seien es sogar sechs Prozent.

Gegenüber 2019 sind die Zahlen noch desaströser: Für den Handel mit Bekleidung, Schuhen und Schmuck würde eine Öffnung im März ein Minus von 23 Prozent bedeuten, eine Öffnung im April sogar ein Minus von 29 Prozent. Letzteres wären den HDE-Berechnungen zufolge 37 Milliarden Euro an Umsatzverlusten für die Branche. Pro geschlossenem Verkaufstag gingen dem Handel Umsätze von rund 700 Millionen Euro verloren, heißt es. Eine aktuelle HDE-Umfrage ergibt, dass 57 Prozent der Händler damit rechnen, im Laufe des Jahres ihr Geschäft aufgeben zu müssen.

Neben einer schrittweisen Öffnung müsste es zudem bessere Hilfen geben, fordert der HDE. Die staatlichen Rettungspakete seien zum Teil »heiße Luft«, sie seien begrenzt und voller einschränkender Fußnoten, sagt Timm Homann, Chef der Ernsting's Family Unternehmensgruppe und HDE-Vize. Im vergangenen Jahr seien nur 90 Millionen an Hilfszahlungen für die Einzelhändler angekommen. Der HDE fordert unter anderem, die neue Überbrückungshilfe III auch auf große Unternehmen auszuweiten.

»Wir brauchen passgenaue und schnelle staatliche Unterstützung und vor allem eine Öffnungsperspektive, sonst wird in vielen Innenstädten in den kommenden Wochen eher das Licht ausgehen«, sagte HDE-Chef Stefan Genth am Donnerstag in Berlin. »Wir brauchen jetzt den Einstieg in den Ausstieg.«

Mit Material von dpa
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