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Primark: Billig, aber zu welchem Preis

Foto: PAUL HACKETT/ Reuters

Modekette Primark Rätselhafte Hilferufe in Billigkleidung

In Großbritannien haben Kunden der Billigmodekette Primark in ihren Kleidern eingenähte Hilferufe gefunden. Stammen sie von ausgebeuteten asiatischen Arbeitern - oder von pfiffigen Menschenrechtsaktivisten?

Karen Wisinska packte ihre Sachen für den Urlaub, als sie eine alte Hose fand. Sie hatte sie vor drei Jahren im Primark-Laden in Belfast gekauft, aber nie angezogen, weil der Reißverschluss kaputt war. In der hinteren Hosentasche fand sie nun einen Gefangenenausweis aus China und einen gelben Zettel mit chinesischen Schriftzeichen. Ganz oben auf dem Zettel stand in lateinischen Großbuchstaben: SOS! SOS! SOS!

So erzählte die junge Nordirin es am Mittwoch dem britischen Fernsehsender BBC. Sie postete Fotos von dem Zettel und dem Ausweis auf Facebook und fragte, ob jemand wisse, was die Schriftzeichen bedeuteten. Am Wochenende mailte sie die Fotos an die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Als sie die Übersetzung erhielt, habe sie sich "zum Kotzen" gefühlt, sagte Wisinska der BBC .

Der Hilferuf beginnt mit den Worten: "Wir sind Gefangene im Xiangnan-Gefängnis in Hubei, China." Der Schreiber fährt fort, sie stellten Kleidung für den Export her und müssten 15 Stunden am Tag arbeiten. "Was wir essen, ist schlimmer als Schweine- und Hundefutter." Die Arbeit sei so hart wie die Arbeit von Ochsen und Pferden. "Wir rufen die internationale Gemeinschaft auf, China für diese unmenschliche Behandlung zu verurteilen."

Identische Label aus unterschiedlichen Fabriken?

Der Vorfall gibt Rätsel auf, denn im walisischen Swansea tauchten diese Woche ebenfalls Hilferufe auf. Primark-Kundin Rebecca Gallagher, 25, fand laut "Daily Mirror" ein eingenähtes weißes Label in ihrem Top, auf dem in Englisch stand: "Zum Arbeiten bis zur Erschöpfung gezwungen". Die 21-jährige Rebecca Jones fand ein identisch aussehendes Label mit den Worten "erniedrigende Sweatshop-Arbeitsbedingungen" in einem geblümten Kleid aus dem gleichen Laden.

Die Frage ist nun: Handelt es sich wirklich um Hilferufe von Sklavenarbeitern - oder aber um eine gelungene PR-Aktion von Menschenrechtsaktivisten, die auf die skandalösen Arbeitsbedingungen von Billiglöhnern in Asien hinweisen wollen?

Primark bestritt die Vorwürfe und kündigte eine Untersuchung an. In einem Statement meldete das Unternehmen bereits Zweifel an der Echtheit der Hilferufe an. Die Hose aus Belfast sei zuletzt im Oktober 2009 im Angebot gewesen. Das wirft die Frage auf, wie Wisinska sie 2011 erstanden haben kann.

Auch im Fall der beiden in Swansea gekauften Kleidungsstücke gibt es Ungereimtheiten: Sie stammen laut Primark aus zwei Fabriken, die Tausende Kilometer voneinander entfernt sind. Und doch sind die Hilferuf-Labels auf die gleiche Weise beschriftet und auf die gleiche Weise eingenäht. Obendrein wurden beide Kleidungsstücke bereits 2013 verkauft. Die Frage ist also, wieso die Kundinnen die Labels erst jetzt fanden.

Amnesty International: Hilferuf wirkt echt

Wenn die Angaben von Primark stimmen, wäre es plausibel anzunehmen, dass die Label nachträglich von Aktivisten im Laden eingenäht wurden. Die Wortwahl der Hilferufe klingt obendrein nicht nach ungelernten Nähern, die des Englischen nicht mächtig sind, sondern nach Aktivistensprech. Für diese Vermutung gibt es bislang jedoch keine Beweise.

Amnesty International wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nur zu dem Fall in Belfast äußern. Wisinska, eine Mutter mit zwei Kindern, habe Amnesty auf den Hilferuf aufmerksam gemacht, sagte Sprecher Patrick Corrigan. Die Organisation habe nichts damit zu tun, wie der Zettel und der Ausweis in die Hose gelangt seien. Man könne nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich um einen echten Hilferuf handele. Aber auf den ersten Blick sehe er überzeugend aus. Der Gefangenenausweis zeige Namen und Foto eines chinesischen Mannes. "Wenn das nicht echt sein sollte, wäre es eine ziemlich aufwendige Täuschung", sagte Corrigan.

Die Schlagzeilen sind jedenfalls ganz im Sinne von Amnesty. "Wir begrüßen das neuerliche Interesse an den Menschenrechtsverletzungen in asiatischen Sweatshops", sagte Corrigan. "Wir haben ernsthafte Zweifel an den Inspektionen von Primark."

Die Billigmodekette ist schon oft wegen unmenschlicher Arbeitsbedingungen ins Visier geraten. Die Firma verweist darauf, dass sie regelmäßig Inspektionen in allen Zuliefererbetrieben durchführe. Doch sind diese offensichtlich nicht rigoros genug, um Missstände zu verhindern: Primark war einer der Auftraggeber jener Fabrik in Bangladesch, die im April 2013 eingestürzt war. Das Unglück hatte mehr als 1100 Arbeiter das Leben gekostet.

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