Mögliche Enthüllungen Wie die Wall Street vor WikiLeaks zittert

WikiLeaks-Chef Julian Assange droht US-Großbanken - die nächste Enthüllung soll eine von ihnen treffen. Spekuliert wird vor allem über die Bank of America, aber auch anderen Instituten drohen Peinlichkeiten. Wall-Street-Insider spielen die Gefahr herunter, doch die Angst ist spürbar.
Wall Street: Was hat WikiLeaks gegen die Finanzwelt in der Hand?

Wall Street: Was hat WikiLeaks gegen die Finanzwelt in der Hand?

Foto: Frank Franklin II/ AP

Es ist ein fester Termin für Amerikas Geldgiganten: Jedes Jahr lädt die Wall-Street-Bank Goldman Sachs   die Finanzbranche zur "U.S. Financial Services Conference" nach Lower Manhattan. Die Vorstandschefs der größten US-Institute treten auch an diesem Dienstag wieder im elften Stock des Goldman-Wolkenkratzers aus dem Aufzug in die gläserne "Sky Lobby", sie werden eine zweistöckige Wendeltreppe hinaufschreiten und im Konferenzsaal Platz nehmen, um ihre Prognosen für das kommende Jahr zu diskutieren.

Diesmal steht aber wohl noch ein weiteres Reizthema auf der inoffiziellen Tagesordnung: WikiLeaks.

Seit WikiLeaks-Gründer Julian Assange angedeutet hat, er wolle als nächstes die Geheimdokumente einer - namentlich nicht genannten - US-Großbank publizieren, herrscht Aufregung an der Wall Street. Sofort geriet die Bank of America (BofA)   in den Fokus, der weltgrößte Geldkonzern, den Assange früher schon erwähnt hatte. Da trifft es sich gut, dass Bankchef Brian Moynihan am Dienstagmorgen als erster Hauptredner auf dem Programm steht.

Die BofA ist nicht das einzige Unternehmen an der Wall Street, das sich vor neuen Enthüllungen durch WikiLeaks fürchten muss. "Jede Firma sollte sich um ihre Schwachstelle sorgen", schreibt Management-Expertin Margaret Heffernan im Online-Dienst "BNET". "Die meisten Unternehmen haben Leichen im Keller, von denen sie hoffen, dass sie keiner je sieht."

Bank setzt auf juristisches Sondereinsatzkommando

Kein Wunder also, dass WikiLeaks Thema bei fast jeder vorweihnachtlichen Cocktailparty an der Wall Street zu sein scheint. Viele Banken hätten vorsorglich ihre Rechtsabteilungen verstärkt, ist da zu hören. Fox Business News vermeldete, die BofA habe sogar extra ein juristisches Swat Team gebildet, ein Sondereinsatzkommando, um "WikiLeaks zu bekämpfen". "Die haben alle ganz schön Angst", sagt Nell Minow, die Chefin der Research-Firma Corporate Library.

Wall-Street-Insider spielen die Gefahr allerdings herunter: Es sei weder klar, um welche Informationen über die Finanzbranche es gehe, noch wie brisant diese überhaupt seien. In der Tat ist es nach den zahllosen Enthüllungsbüchern, Kongressanhörungen und Kommissionsberichten in Folge der Finanzkrise schwer vorstellbar, dass noch große Geheimnisse übrig sind. Vor allem bei der BofA, der meistdurchleuchteten US-Bank.

Afghanistan-

Irak-Akten

Die Aufregung begann vorige Woche, als das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" ein Interview publizierte, das es schon am 11. November mit Assange geführt hatte - also mehr als zwei Wochen vor den jüngsten Enthüllungen. Er verfüge noch über weiteres Material, das "eine oder zwei Banken zu Fall bringen könnte", kündigte Assange an. Die Dokumente offenbarten "ungeheuerliche Übertretungen" und "unethische Praktiken", hätten aber nicht die gleiche Bedeutung "wie die Geschichte eines ganzen Krieges", fügte er in Anspielung auf die und an, die er zuvor in Etappen veröffentlicht hatte.

Aktie sackte zunächst ab, stabilisierte sich aber schnell

Wall-Street-Beobachter brachten die Aussage mit einem weiteren Assange-Interview vom Oktober 2009 in Verbindung, in dem er präzisiert hatte: "Im Moment sitzen wir zum Beispiel auf fünf Gigabytes von der Bank of America, eine der Festplatten des Vorstandschefs." Es stelle sich die Frage, wie dies am besten präsentiert werden könnte.

Schon damals horchte die BofA auf, wie Sprecher Scott Silvestri jetzt bestätigte. Interne Nachforschungen hätten seither jedoch nichts erbracht: "Außer den Angaben selbst haben wir keine Indizien, die diese Erklärung bestätigen. Wir kennen keine neuen Behauptungen von WikiLeaks, die sich spezifisch auf die Bank of America beziehen."

Trotzdem sackte die BofA-Aktie am Tag, als die Assange-Anspielung die Runde machte, um mehr als drei Prozent ab. Zum Wochenende erholte sie sich wieder, schloss die Woche sogar im Plus ab. Ähnlich ging es dem Wettbewerber Goldman Sachs, der ebenfalls als WikiLeaks-Enthüllungsobjekt ins Gespräch kam. "Buy the rumor, sell the fact", lautet ein altes Wall-Street-Mantra: "Kaufe das Gerücht, verkaufe die Tatsache."

Anne Finucane, die BofA-Präsidentin für globale Strategie, wiegelte ebenfalls ab. "Wir haben zu diesem Thema mit niemandem Kontakt gehabt", sagte sie auf einer Konferenz. "Ich weiß nicht, ob wir betroffen sind." Auch verwies sie darauf, dass die BofA seit der Krise viel stärker untersucht werde als sonst ein Konzern. "In den vergangenen zwei Jahren hat es kein anderes Unternehmen gegeben, das mehr undichte Stellen hatte und mehr Informationen an den Kongress, Generalstaatsanwälte etc. weitergegeben hat."

Müssen weitere Branchen zittern?

Der Crash hat tatsächlich schon jetzt so viele unangenehme BofA-Interna an die Öffentlichkeit gebracht, dass Beobachter kaum mehr schlimmere Details erwarten. Ins Zwielicht geraten war die Bank unter anderem wegen der Übernahmen des Investmenthauses Merrill Lynch und der Hypothekenbank Countrywide sowie zuletzt im aktuellen Zwangsversteigerungsskandal. Im Zuge der Ermittlungsverfahren wurden Abertausende E-Mails, Memos und Telefonate öffentlich.

Trotzdem schaudert es der Finanzwelt bei dem Gedanken, einem ähnlichen Spießrutenlauf ausgesetzt zu werden wie derzeit die US-Diplomatie. Zumal Assange im Zusammenhang mit künftigen Enthüllungen unter anderem auch geheimniskrämerische Konzerne wie BP und andere Ölmultis genannt hat, außerdem die Pharmaindustrie und die Tech-Branche.

Finanzexperte Gary Weiss vom Online-Magazin "The Street" vermutet noch ein anderes Opfer von WikiLeaks - die Börsenaufsicht SEC: Sollte bekannt werden, dass den obersten Wächtern der Wall Street peinliche Details verborgen blieben, wäre dies ein "enormes Debakel" für die ohnehin "blinde und ahnungslose" Behörde.

Die dramatische Drohung Assanges, die nächsten Enthüllungen würden eine Bank "zu Fall bringen", dürfte freilich etwas übertrieben sein. "Ich bezweifle das", schreibt "Forbes"-Kolumnistin Halah Touryalai. Es sei denn, "die drohenden Dokumente enthüllen, dass die Hisbollah von einer Wall-Street-Bank finanziert wird". Überdies habe die Krise gezeigt, dass Großbanken wankten, aber nicht fielen - das verhindere die Regierung per Intervention.

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