Möglicher Dax-Aufsteiger Das steckt hinter dem Börsenstar Wirecard

Revolution im Dax: Der Zahlungsdienstleister Wirecard verdrängt wohl die Commerzbank aus dem wichtigsten deutschen Leitindex. Wie kann das sein? Woher kommt das Schmuddel-Image der Firma? Und was hat der Chef nun vor?
Wirecard-Chef Markus Braun

Wirecard-Chef Markus Braun

Foto: Matthias Balk/ picture alliance/dpa

Kaum ein anderes deutsches Unternehmen hat Anleger in den vergangenen fünf Jahren so reich gemacht wie Wirecard. Der Aktienkurs des Zahlungsdienstleisters aus einem Münchner Vorort ist seit September 2013 um satte 700 Prozent in die Höhe geschossen. Wer damals 10.000 Euro in die Firma gesteckt hat, hat jetzt 78.400 Euro auf seinem Konto. Wer weitere fünf Jahre früher eingestiegen wäre, hätte sogar 392.000 Euro gemacht.

Wegen dieser wahnwitzigen Kursrallye wird die Deutsche Börse an diesem Mittwoch wohl entscheiden, dass Wirecard in den deutschen Leitindex Dax aufsteigen wird. In der obersten deutschen Börsenliga wird das Finanztechnologie-Unternehmen aller Voraussicht nach den Platz der renommierten Commerzbank einnehmen. Am Börsenwert gemessen hat die 5000-Mitarbeiter-Firma aus dem Münchner Vorort Aschheim den 50.000-Mitarbeiter-Konzern aus dem Frankfurter Bankenviertel längst überholt.

Aber was ist Wirecard überhaupt? Womit verdient das Unternehmen sein Geld? Und warum hat es bis heute einen schmuddeligen Ruf? Antworten auf die wichtigsten Fragen zum möglichen Dax-Aufstieg.

Warum dürfte ausgerechnet Wirecard in den Dax aufsteigen?

Die Zusammensetzung des Dax wird quartalsweise in einem automatisierten Prozess überprüft. Vereinfach gesagt berechnen Computer den Börsenwert aller Unternehmen sowie den durchschnittlichen Handelsumschlag ihrer Aktien. Anhand dieser beiden Kriterien erstellt die Deutsche Börse dann ein Ranking der 30 wertvollsten Unternehmen. Experten erwarten, dass Wirecard wegen seiner rasanten Kursrallye nun in dieser Rangliste die Commerzbank überholen wird.

Wie verdient die Firma ihr Geld?

In der breiten Öffentlichkeit ist Wirecard weitgehend unbekannt, denn Verbraucher kommen mit dem Unternehmen nur indirekt in Kontakt. Egal ob Kunden im Internet Bücher kaufen oder Reisen buchen: Oft ist Wirecard im Hintergrund der zentrale Vermittler zwischen Käufer, Verkäufer und deren Banken.

Das bedeutet konkret: Bezahlt ein Kunde per Kreditkarte, dann fließt das Geld von Visa oder Mastercard nicht direkt an den Händler, sondern geht zunächst einmal an Wirecard. Erst mit zeitlichem Verzug leitet die Firma das Geld dann an den Einzelhändler weiter. Wirecard kassiert dafür Provisionen, weil die Firma das Risiko trägt und garantiert, dass die Geldbeträge beim Empfänger verbucht werden. Die Margen für solche Geschäfte sind gering, die Masse aber macht es.

Zu Wirecards Kunden zählen Fluggesellschaften wie Lufthansa, Technologiekonzerne wie Microsoft und Apple, sowie Handelsketten wie Aldi und Lidl.

Mehr als die Hälfte seiner Geschäfte macht Wirecard außerhalb Europas. Vor allem expandierte die Firma nach Asien, wo der chinesische Internetkonzern Alibaba zu den wichtigsten Partnern gehört. Im vergangenen Jahr machte Wirecard 1,5 Milliarden Euro Umsatz, binnen zwei Jahren soll er sich verdoppeln.

Besucher bei einem Messestand von Wirecard

Besucher bei einem Messestand von Wirecard

Foto: imago/Action Pictures

Wer steckt hinter dem Unternehmen?

Wirecard ist vor allem das Werk von Markus Braun. Der 48-jährige Österreicher hat das Unternehmen maßgeblich aufgebaut. Im Jahr 2002, drei Jahre nach der Gründung, kam er von der Unternehmensberatung KPMG zu Wirecard, zu einer Zeit als das damalige Start-up im Zuge des Dotcom-Crashs pleitezugehen drohte.

Braun richtete das Unternehmen auf den Zahlungsverkehr im Internet aus. Anfangs hatte Wirecard vor allem Kunden aus dem Kasino- und Pornobereich, weil diese Firmen die ersten waren, die den Onlinehandel nutzten. Zunächst haftete Wirecard deshalb ein schmuddeliges Image an, später kamen dann Kunden aus seriösen Branchen dazu.

Braun ist mit Wirecard extrem reich geworden. Denn als Vorstandschef ist er mit einem Aktienpaket von sieben Prozent zugleich größter Anteilseigner von Wirecard. Der Wert seines Anteils: Knapp 1,5 Milliarden Euro.

Was bedeutet Wirecards Dax-Aufstieg für die deutsche Finanzbranche?

Dass das Finanztechnologie-Start-up Wirecard mit der Commerzbank ausgerechnet einen altbackenen Finanzkonzern verdrängt, ist reiner Zufall. Doch viele Experten sehen in diesem Machtwechsel ein Symbol für den rasanten Strukturwandel der Finanzbranche: Dynamisch wachsende Digitalunternehmen verdrängen etablierte Großbanken, die es nicht schaffen, ihre Geschäftsmodelle zu digitalisieren.

Warum wird das Unternehmen seit Jahren von Spekulanten attackiert?

Der Börsenstar Wirecard steht auch immer wieder im Zentrum der Kritik. Seit Jahren veröffentlichen internationale Fachmedien und unbekannte Analysehäuser Berichte über dubiose Deals und finanzielle Unregelmäßigkeiten in der Wirecard-Bilanz.

2015 warnte etwa die renommierte britische Finanzzeitung "Financial Times" in einer großen Artikelserie, dass die Wirecard-Bilanz extrem wacklig sei. Wirecard stritt alle Vorwürfe ab. Kurze Zeit später folgte eine weitere Attacke. Das bis dahin völlig unbekannte Researchinstitut Zatarra veröffentlichte einen 100-seitigen Bericht. Die Vorwürfe gegen Wirecard reichten von Korruption und Geldwäsche bis hin zu illegalem Glücksspiel.

Das Muster ist immer wieder dasselbe: Unbekannte konfrontieren Wirecard mit Vorwürfen, der Aktienkurs sinkt, der Konzern dementiert, die Aktie steigt auf neue Rekordstände.

Dauerhaft geschadet hat es Wirecard jedenfalls nicht. An diesem Mittwoch notiert das Papier nahe seinem Rekordhoch von fast 200 Euro. Analysten von großen Banken und Fondsgesellschaften bescheinigen dem Unternehmen saubere Bilanzen.

Die Firmenzentrale von Wirecard in Aschheim bei München

Die Firmenzentrale von Wirecard in Aschheim bei München

Foto: Sven Hoppe/ picture alliance/dpa

Was hat der selbstbewusste Chef nun vor?

Vorstandschef Braun klingt wenig bescheiden, wenn er über die Zukunft von Wirecard spricht: "Alles, was wir bis jetzt erreicht haben, ist meines Erachtens nur ein müder Abklatsch dessen, was wir in den nächsten zehn Jahren erreichen können", sagte er im April auf der Bilanzpressekonferenz.

Mit solchen Worten weckt Braun die Kursfantasie vieler Anleger. Sie kaufen die Wirecard-Aktie, weil sie davon ausgehen, dass die Digitalisierung in vielen Bereichen erst am Anfang steht und die Möglichkeiten gerade beim elektronischen Bezahlen noch lange nicht ausgereizt sind. "Der Megatrend des elektronischen Bezahlens ist nicht mehr aufzuhalten und eröffnet Wirecard ein erhebliches Marktpotenzial", sagt Franz Weis, Fondsmanager bei der französischen Fondsgesellschaft Comgest.

Tatsächlich wächst Wirecard so stark wie kaum ein zweites deutsches Unternehmen: Allein im ersten Halbjahr 2018 stieg der Umsatz um mehr als 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Doch der rasante Kursanstieg der Wirecard-Akte birgt auch Absturzgefahr. Das Unternehmen wird derzeit an der Börse mit dem mehr als Sechzigfachen seines Jahresgewinns bewertet, kein anderes Dax-Unternehmen ist für Anleger so teuer. Zum Vergleich: Im Durchschnitt werden alle Dax-Unternehmen mit dem Dreizehnfachen ihres Gewinns bewertet.

Anleger, die jetzt noch auf das Unternehmen setzen, können also nur auf ein weiterhin überdurchschnittliches Wachstum spekulieren. Enttäuscht Wirecard aber die immer größer werdenden Erwartungen, droht der Absturz.

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