Autokonzern Warum Staatshilfen Peugeots Probleme verschärfen würden

Absatzkrise, hohe Produktionskosten, Abschreibungen in Milliardenhöhe: Der französische Autobauer PSA Peugeot Citroën steuert auf den höchsten Verlust seiner Unternehmensgeschichte zu. Schon kursieren Spekulationen um eine Staatsbeteiligung - doch das würde die Probleme noch verschärfen.

Peugeot-Produktion: Größter Verlust der Unternehmensgeschichte
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Peugeot-Produktion: Größter Verlust der Unternehmensgeschichte

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Paris - Das Dementi kam prompt - und klang doch wie eine Bestätigung der Gerüchte, die sich derzeit um PSA Peugeot Citroën ranken. Eine Beteiligung stehe nicht auf der Tagesordnung, sagte der französische Ministerpräsident Jean-Marc Ayrault am Freitag. Der Autohersteller habe nicht darum gebeten.

Doch an den Börsenkursen konnte man ablesen, dass die Finanzmärkte eher Ayraults Kabinettskollegen Jérôme Cahuzac glauben. Der für den Haushalt zuständige Staatssekretär hatte am Abend zuvor in einem Interview mit dem privaten Fernsehsender BFM die Bedeutung des Konzerns für die französische Wirtschaft unterstrichen. "Dieses Unternehmen darf und kann nicht verschwinden", sagte Cahuzac. Man müsse alles Notwendige tun, damit Peugeot überlebe. Wenn nötig, auch durch Anteilskäufe, die der staatliche Investmentfonds FSI tätigen könnte. Peugeot-Papiere verzeichneten daraufhin zeitweise einen Wertzuwachs von rund fünf Prozent.

Dabei gibt es eigentlich keinen anderen Grund als die explizite Absicherung durch den Staat, warum Anleger sich für eine Beteiligung an PSA interessieren sollten. Bereits in den vergangenen zwölf Monaten haben die PSA-Aktien Chart zeigen knapp 60 Prozent ihres Wertes verloren. Sie werden mittlerweile nicht einmal mehr im französischen Leitindex CAC 40 geführt.

Und es wird nicht besser: Am Donnerstagabend hatte der Autobauer in einer Adhoc-Mitteilung die Abschreibung der gigantischen Summe von rund 4,7 Milliarden Euro bekanntgeben müssen. Der größte Teil davon entfällt mit knapp vier Milliarden Euro auf die notleidende Autosparte. Ein Sprecher betonte zwar, dass die Belastungen keinerlei Einfluss auf die Stabilität und Zahlungsfähigkeit des Unternehmens hätten. Doch mit der Abschreibung erhöht sich der absehbare Verlust für das vergangene Jahr auf fast sechs Milliarden Euro - das wäre der höchste Verlust in der Firmengeschichte.

Strategische Fehlentscheidungen

In der schwersten Absatzkrise in Europa seit Jahrzehnten bekommen die Franzosen die Quittung für strategische Fehlentscheidungen in der Vergangenheit. "Die schwerwiegendste ist zweifelsohne die Konzentration auf den europäischen Markt", sagt Jürgen Pieper, Autoexperte beim Bankhaus Metzler. Deutsche Hersteller wie Volkswagen Chart zeigen, BMW Chart zeigen oder Mercedes Chart zeigen verkauften inzwischen rund 50 Prozent ihrer Produktion in Wachstumsmärkten in den Schwellenländern, in Fernost oder in den USA. Peugeot sei allenfalls in Südamerika noch einigermaßen vertreten.

Anders als die Konkurrenten habe der Konzern deshalb den Nachfrageeinbruch kaum ausgleichen können. Von der aktuellen Krise auf dem europäischen Heimatmarkt wird PSA deswegen besonders schwer getroffen. 2012 brach der Absatz gegenüber dem Vorjahr um 16,5 Prozent auf 2,97 Millionen Fahrzeuge ein.

Aber auch in puncto Produktivität hinkt PSA gewaltig hinterher, nicht zuletzt weil kostensenkende Gleichteilestrategien weitgehend fehlen. Die Kooperation mit Opel soll hier Abhilfe schaffen. Entstehen sollen gemeinsame Plattformen, die die Basis für eine Van-Familie und einen neuen Kleinwagen bilden sollen. Die ersten Autos sollen bis Ende 2016 auf den Markt kommen. Doch die Zusammenarbeit dürfte alles andere als einfach werden. Denn mit Opel steht PSA ein Partner zur Seite, der ebenfalls mit den Folgen einer verfehlten Modellpolitik kämpft. Überdies gelten die Bosse des Mutterkonzerns General Motors Chart zeigen als schwer berechenbar.

Paris fordert Mitspracherecht

Mit einer Beteiligung der staatlichen Investmentgesellschaft FSI würde sich der PSA-Konzern einen weiteren schwierigen Partner ins Haus holen. "Auch die französische Regierung gibt nichts umsonst", sagt Stefan Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. So habe PSA bereits als Gegenleistung für staatliche Milliardengarantien für die auf Fahrzeugkredite spezialisierte Finanzsparte PSA einen Dividendenstopp und eine unabhängige Überwachung der Sanierungsbemühungen akzeptieren müssen.

Und auch bei den akut anstehenden Sanierungsschritten werde Paris ein Mitspracherecht einfordern, schätzt Bratzel. Etwa wenn es um weitere Stellenstreichungen oder den Aufbau von Produktionsstätten außerhalb Frankreichs gehe.

Dabei ist die Gesundschrumpfung ohnehin schon schwierig genug. Im Kampf um die Schließung des Werks in Aulnay-sous-Bois bei Paris, dem rund 8000 Arbeitsplätze zum Opfer fallen, scheint derzeit kaum eine einvernehmliche Lösung in Sicht. Nach einem Streik Mitte Januar herrscht auf dem Werksgelände eine extrem angespannte Stimmung.

Bereits in dieser Situation sorgte Paris dafür, dass PSA-Chef Philippe Varin von seiner anfangs kompromisslosen Haltung abrückte. Jetzt verhandeln beide Seiten zumindest über eine Art Restproduktion. Auf sanften Druck der Regierung liegt auch eine zweite geplante Schließung eines Werkes in Rennes erst einmal auf Eis.

Dem Einfluss der hohen Beamten wird auch die Liaison mit Opel zugeschrieben. Gemeinsam mit Opel könne PSA sogar Volkswagen Konkurrenz machen, phantasieren die Einflüsterer von Staatspräsident François Hollande im Elysée. In Wolfsburg würde man über eine solche Kampfansage wohl nur müde lächeln.



insgesamt 23 Beiträge
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brux 08.02.2013
1.
Es fehlt der Hinweis auf das EU Wettbewerbsrecht: Als Anteilseigner muss sich der französische Staat wie ein privater Investor verhalten. Das kann auch Hollande nicht einfach ignorieren.
ColoradoAvalanche 08.02.2013
2.
PSA und Renault sind genauso wie Opel in Deutschland nicht nüchtern zu sehen, man möge sich doch nur mal die Polemik bei SPON über Opel ansehen. Sowohl PSA als auch Opel werden auf mittlere Frist vom Markt bereinigt werden.
shokaku 08.02.2013
3.
Zitat von sysopREUTERSAbsatzkrise, hohe Produktionskosten, Abschreibungen in Milliardenhöhe: Der französische Autobauer PSA Peugeot Citroën steuert auf den höchsten Verlust seiner Unternehmensgeschichte zu. Schon kursieren Spekulationen um eine Staatsbeteiligung - doch das würde die Probleme noch verschärfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/moeglicher-staatseinstieg-peugeot-kaempft-mit-schwierigen-helfern-a-882352.html
Sicher würde das die Probleme verschärfen, für Opel und Fiat. Die überflüssigen Kapazitäten würden dann nämlich woanders abgebaut.
glücklicher südtiroler 08.02.2013
4. Mögliche Lösungen...
Zitat von ColoradoAvalanchePSA und Renault sind genauso wie Opel in Deutschland nicht nüchtern zu sehen, man möge sich doch nur mal die Polemik bei SPON über Opel ansehen. Sowohl PSA als auch Opel werden auf mittlere Frist vom Markt bereinigt werden.
Das kann natürlich sein; das muß aber nicht sein... Die Probleme die PSA hat werden im Artikel gut angesprochen; zu teure Fertigung und die Beschränkung auf den europäischen Markt. Zusätzlich ist PSA einfach zu klein; die Stückzahl unterhalb der 3 Mio. Marke ist ein deutliches negatives Zeichen. Meiner Ansicht hat PSA eine gute Chance wenn es wie es Marchionne mit Fiat gemacht hat einen international gut aufgestellten Partner sucht; oder besser eine sich bietende Gelegenheit beim Schopf ergreift. Ideal wäre ein Partner der Prämium produziert und international gut aufgestellt ist. Mercedes hat ein Abkommen mit Renault geschlossen; aus Daimlers und Renaults Sicht ergänzen sich die Partner perfekt; Fiat und Chrysler ergänzen sich ebenfalls perfekt; Renault fehlt Prämium und Mercedes der richtige Partner um kostengünstig im mittleren und kleinem Segment zu produzieren. Es ist ein bißchen wie VW-Audi. Der VW Konzern profitiert enorm von der bisherigen Gleichteilpolitik und nun vom MQB; Audi ist da voll dabei... Damit erhöht sich der Druck auch auf die anderen Prämiumhersteller. Aus dieser Sicht wäre der ideale PSA Partner BMW. Aber ob die Bayern auch wollen? Und Opel? Wäre eine Lösung. Das Statement daß zwei Kranke auch einen (fast) Gesunden ergeben können hat ja Fiat-Chrysler bewiesen. :) Schian Gruaß...
Zügler 08.02.2013
5. An den Produkten liegts nicht...
Mein 2005 neu gekaufter Citroën hat inzwischen 190.000 km absolviert und fühlt sich noch immer frisch an, nichts klappert. Er hat mich nie im Stich gelassen und deshalb ist auch mein nächstes Fahrzeug wieder ein (neuer) Citroën. Unternehmerische Fehlentscheidungen mögen PSA in die Krise getrieben haben, nicht aber die durchaus respektablen Produkte. Ich wünsche dem Unternehmen deshalb die rasche Konsolidierung und hoffe, dass sie aus Gründen des Erhalts der charakterlichen Eigenständigkeit ohne Allianz mit Rüsselsheim gelingt…
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