Müllers Memo Warum Deutschland doch nicht auseinanderfällt

Die Debatte über die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen hat auch Deutschland erfasst. Dabei gibt es hierzulande wenig Anlass zu Alarmismus. Die Reichen sind sogar ein Vorteil für den Staat.

Porsche-Modelle in Ludwigsburg: Vermögen sind stark ungleich verteilt
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Porsche-Modelle in Ludwigsburg: Vermögen sind stark ungleich verteilt

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Verteilungsalarm in Deutschland: Die Thesen des französischen Ökonomen Thomas Piketty, der das "Kapital im 21. Jahrhundert" (so der Buchtitel) neu vermessen hat, ziehen aufgeregt durch Talkshows und Titelgeschichten.

Beim DGB-Bundeskongress am Montag wird Ungleichheit das große Thema sein. Dienstag veröffentlicht die OECD ihren neuen Deutschland-Bericht, in dem die gesamte Wirtschaftspolitik einem Check unterzogen wird; Sigmar Gabriel hat sich zur Vorstellungen angesagt. Topthema: "Wie kann Wachstum so gestaltet werden, dass alle daran teilhaben?"

Am kommenden Sonntag dürfte das Schweizer Mindestlohnreferendum, je nach Ausgang, auch hierzulande die Debatte noch mal anheizen, über Ausnahmen und Höhe der hiesigen Lohnuntergrenze.

Ein Eindruck entsteht: In Deutschland sei etwas ins Rutschen geraten - die Leistungsgerechtigkeit, der Anstand, die Mitte, das Fundament der bürgerlichen Gesellschaft und der Demokratie…

Die Wirklichkeit sieht anders aus, weniger dramatisch, aber umso interessanter. Ein Blick auf die Zahlen offenbart drei Trends:

  • Die Ungleichheit der Einkommensverteilung hat tatsächlich zugenommen, allerdings nur moderat.
  • Die Zahl der niedrigbezahlten Jobs ist deutlich gestiegen. Doch im Gegenzug hat die Beschäftigung zugenommen.
  • Vermögen sind stark ungleich verteilt. Das kann ein Problem sein, muss es aber nicht.

Wie in praktisch allen westlichen Ländern sind auch in Deutschland die Markteinkommen seit Anfang der neunziger Jahre auseinandergegangen. Der Gini-Koeffizient, das gebräuchlichste Verteilungsmaß, ist zwischen 1991 und 2005 von 0,4 auf 0,5 gestiegen, seither aber wieder etwas gesunken.

Anders sieht die Verteilung der tatsächlich verfügbaren Haushalteinkommen aus: nämlich relativ stabil, weil Steuern, Abgaben und Sozialtransfers die marktmäßige Ungleichheit teilweise einebnen. Zwischen 2000 und 2005 stieg der Gini-Koeffizient der verfügbaren Einkommen von 0,25 auf 0,29 und hat sich seither stabilisiert, wie Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigen.

Das wohlhabendste Zehntel der deutschen Haushalte konnte seine verfügbaren Einkommen zwischen 2000 und 2011 real um 13 Prozent erhöhen. Das klingt nicht dramatisch. Vergleicht man die Zahl aber mit der Entwicklung anderen Bevölkerungsgruppen, fällt der Zuwachs deutlich aus: In der Mitte der deutschen Einkommensskala (dem Median) sind die Einkommen im gleichen Zeitraum nicht mal gestiegen, sondern sogar leicht gesunken. Die Bürger am unteren Ende der Verteilung mussten gar Einkommensverluste von bis zu 5 Prozent hinnehmen.

Erstaunlich, dass Wohlstand als Problem angesehen wird

Der häufig zitierte Befund, wonach die Schere in Deutschland auseinander geht, stimmt also. Allerdings verläuft das Auseinanderdriften längst nicht so rapide wie häufig behauptet. Seit 2006, dem Beginn der wirtschaftlichen Erholung, ist die gemessene Ungleichheit sogar wieder leicht rückläufig, insbesondere weil immer weniger Menschen arbeitslos sind und folglich mehr Leute über ein Arbeitseinkommen verfügen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs ist seither um mehr als drei Millionen gestiegen. 30 Millionen Menschen haben 2014 in Deutschland einen Arbeitsplatz. Insgesamt gehen mehr als 42 Millionen Menschen einer Erwerbsarbeit nach.

Parallel zum Beschäftigungsaufbau ist die Zahl der Beschäftigungsverhältnisse zu niedrigen Löhnen deutlich gestiegen, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ermittelt hat. Fast ein Viertel der Arbeitnehmer in Deutschland arbeitet inzwischen zu Bruttostundenlöhnen, die bei bestenfalls 60 Prozent des mittleren Lohneinkommens liegen. Zuletzt 9,54 Euro pro Stunde.

Die Ausweitung des Niedriglohnsektors hat zur Wende am Jobmarkt beigetragen. Hält die günstige Entwicklung an, ist zu erwarten, dass die Löhne auch im Niedrigsegment spürbar steigen werden.

Armut ist in der Tat ein gesellschaftliches Problem. Die Betroffenen haben mit gesellschaftlicher Ausgrenzung zu kämpfen; Kinder, die in einkommensschwachen Milieus aufwachsen, haben schlechtere Startchancen. Aber Reichtum? Erstaunlich, dass in der deutschen Verteilungsdebatte auch großer Wohlstand als Problem angesehen wird. Das ist nicht unmittelbar einleuchtend.

Reiche als Investoren, Sparer und Steuerzahler sind von Nutzen

Es stimmt schon: Vermögen sind stark ungleich verteilt. 2012 besaß das reichste ein Prozent der Bundesbürger im Schnitt 817.000 Euro. Hingegen hatte das ärmste ein Prozent Schulden in Höhe von 24.000 Euro. Sogar die Haushalte in der Mitte der Einkommensverteilung verfügten über gerade mal 16.000 Euro, so hat das DIW berechnet. Im internationalen Vergleich gehört Deutschland zu den vermögensungleicheren Gesellschaften.

Dennoch ist der häufig vermittelte Eindruck, die gesamte soziale Struktur sei ins Rutschen geraten, definitiv falsch: Die Zahlen für die Vermögensverteilung sind seit Anfang der 2000er Jahre weitgehend konstant.

Dazu kommt: Große Betriebsvermögen sind seit der Jahrtausendwende stark gewachsen - es ist die Kehrseite der Globalisierungserfolge des industriellen Mittelstands. Eine Entwicklung, die allerdings kaum jemand ernstlich als problematisch ansieht. Im Gegenteil. Solange Reiche ihre ökonomischen und sozialen Rollen als Investoren, Sparer und Steuerzahler ausfüllen, ist die Ansammlung von Wohlstand ein volkswirtschaftlicher Vorteil.

Es besteht wenig Anlass, akuten Verteilungsalarm auszulösen. Dieser Befund sagt allerdings nichts über die Zukunft aus. Möglich, dass niedriges Wachstum bei ordentlichen Kapitalrenditen die Schere stark auseinandergehen lässt, wie Piketty prophezeit. Möglich, dass die fortschreitende Digitalisierung einen ungeahnten Wachstumsschub mit sich bringt, von dem weite Kreise der Bevölkerung profitieren.

Eines aber ist völlig klar: Diese Entwicklungen werden langsam vonstatten gehen. Es bleibt Zeit, sich darauf einzustellen.

Die Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

BERLIN - Ansage - Zweiter Tag des DGB-Bundeskongresses mit Neuwahl des Vorstands und Pressekonferenz des neu gewählten Geschäftsführenden Bundesvorstands.

BRÜSSEL - Absage? -Treffen der EU-Außenminister im Zeichen der Russland-Krise.

DIENSTAG

Berlin - Deutschland-Test - Die OECD veröffentlicht ihren Bericht zur Wirtschaftspolitik in Deutschland.

PEKING - Konjunkturtest - Neue Zahlen zur chinesischen Industrieproduktion.

MÜNCHEN - Immer linke Spur - Fortsetzung des Prozesses am Landgericht München gegen Formel-1-Chef Bernie Ecclestone.

ESSEN - Stahlharte Zahlen - ThyssenKrupp veröffentlicht die Zahlen fürs erste Halbjahr des Geschäftsjahrs 2013/14.

DÜSSELDORF - Energiebremse - E.on präsentiert Zahlen fürs erste Quartal.

HANNOVER - Auf dem Weg zur Nummer eins? - Volkswagen bittet zur Hauptversammlung.

MITTWOCH

MÜNCHEN, ESSEN, HERZOGENAURACH - Neue Zahlen - Die Allianz, RWE und Puma zeigen neue Zahlen fürs erste Quartal und kämpfen jeder seinen Kampf für die Unsterblichkeit.

DONNERSTAG

WIESBADEN - Deutschlandtest - Deutschlands Statistiker schätzen das BIP im ersten Quartal.

KÖLN, FRANKFURT, MÜNCHEN - Kapitalistische Demokratie - Hauptversammlungen von Deutscher Telekom, Deutscher Börse, BMW, Fresenius Medical Care.

FREITAG

BRÜSSEL - Überschüsse - Neue Zahlen zur Handelsbilanz der Euro-Zone

FRANKFURT - Wie die Tochter… - Nach der Präsentation von FMC meldet sich die Mutter zur Wort: Fresenius SE & Co. KGaA. Man hat zur Hauptversammlung geladen.



insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
zeitmax 11.05.2014
1. Nicht der Wohlstand ist das Problem
sondern dessen zunehmend ungleiche Verteilung. Der Teufel scheißt stets auf den größten Haufen, das wußten schon die alten. Wie wars noch gleich? "Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!"
rabenkrähe 11.05.2014
2. nene
Zitat von sysopDPADie Debatte über die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen hat auch Deutschland erfasst. Bisher gibt es zu Alarmismus wenig Anlass. Aber das sagt nichts über die Zukunft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/muellers-memo-einkommensverteilung-a-968792.html
....... Vor allem müßte mal hingeschaut werden: In den EU-Krisenländern Griechenland, Portugal und Spanien haben die Reichen weit mehr zur Verfügung als ihre Staaten an Schulden aufgetürmt haben, in den USA wächst die Zahl der Milliardäre und deren Reichtum genauso schnell wie die Schulden dieses Schuldenweltmeisters. Und bei uns sieht das kaum anders aus. Während also Rendite und Profite steigen, steigen die Schulden mit. Die allerdings müssen von der Masse, den Steuerzahlern irgendwann und irgendwie ausgeglichen werden. Es handelt sich also um ein Schneeballsystem, bei dem schamlos von unten nach oben verteilt wird. Erschreckend, daß Politik und Stimmvieh das mitmachen! rabenkrähe
wpstier 11.05.2014
3. Egal was wir schreiben ..
.. es bleibt wie es war! Oder wir 90% legen alle unser Geld zusammen und merken dass wir doch noch nicht genügend haben, um eine wirksame Kontrolle zu haben! Leider.
2bing 11.05.2014
4. Warum die Fleißigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden
heißt es im Untertitel eines genialen Bestsellers der letzten Jahre. Alles wird akribisch in diesem Meisterwerk schon vor zwei Jahren beschrieben, was jetzt erst in der breiten Pressemasse diskutiert wird. In ihrem neuen Buch geht es auch wieder zu Sache ist aber leider erst am 16. Mai verfügbar. Ich bin sicher sie werden wieder viele Sachen richtig vorraussagen und Wellen auslösen.
mcvitus 11.05.2014
5. Bitte keinen Sozialneid!
In unserem Land verhungert niemand, es gibt ein kostenloses Bildungssystem, die medizinische Grundversorgung ist für alle gesichert, Kindergeld und zugehörige Ersatzleistungen fließen reichlich und wer arbeiten will kann das in der Regel auch. Dass man mit Arbeit nicht reich werden kann war zuletzt im Spiegel ausführliches Thema. Aber es reicht nicht, immer ist es einigen zuwenig was sie besitzen oder wie sie leben. Statt ständig bei solchen Themen zu jammern könnte diese Gruppe ja auch mal ihr unternehmerisches Geschick versuchen. Und bei genau dieser Jammergruppe fehlt entweder der Mumm oder die Fähigkeit oder beides. Mein Rat: besinnt euch auf all das gute das ihr habt und heult nicht darüber was ihr nicht habt
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