Mysteriöser Wall-Street-Crash Die Spur führt nach Kansas

Was oder wer verursachte den Börsenschock vom 6. Mai? Jetzt wollen US-Fahnder den Hauptverursacher identifiziert haben - eine traditionsreiche, risikoscheue Brokerfirma. Das Haus hat seinen Sitz nicht an der Wall Street - sondern im fernen Bundesstaat Kansas.
Händler an der Chicagoer Börse: "Ich habe das Gefühl, wir sind nicht mehr in Kansas"

Händler an der Chicagoer Börse: "Ich habe das Gefühl, wir sind nicht mehr in Kansas"

Foto: Kiichiro Sato/ AP

Jeder Amerikaner kennt die Geschichte. Ein Tornado befördert die kleine Dorothy von ihrer idyllischen Präriefarm ins wilde Zauberland Oz. Dort angekommen, greift sie ihren Terrier und murmelt: "Toto, ich habe das Gefühl, wir befinden uns nicht mehr in Kansas."

"I don't think we're in Kansas anymore": Diese legendären Worte, gehaucht von Judy Garland als Dorothy im US-Kultfilm "Der Zauberer von Oz" (1939), gehören zu den bekanntesten Kinozitaten Amerikas. Sie symbolisieren bis heute den Wandel von der Unschuld zum Erwachsensein, von der Idylle zum Chaos. Und sie dienen als Vorlage, um über das vermeintlich hinterwäldlerische Kansas zu spotten.

Nun bekommen sie eine weitere Dimension. Auf der Suche nach den Auslösern des schwindelerregenden Wall-Street-Crashs vom 6. Mai, der fast eine Billion Dollar Marktkapital vernichtete und die Welt in Atem hielt, haben die Börsenfahnder jetzt nämlich eine heiße Spur aufgenommen. Diese Spur führt vom wilden Kurszauberland New York City rund 2000 Kilometer zurück nach - Kansas, ausgerechnet.

Genauer gesagt nach Overland Park, eine Vorstadt von Kansas City mit rund 170.000 Einwohnern. Dort haben mehrere börsennotierte Unternehmen ihren Sitz, etwa der Telekommunikationskonzern Sprint Nextel   und Waddell & Reed, eine der ältesten, konservativsten US-Broker- und Fondsfirmen mit einem Portfolio von 70 Milliarden Dollar.

Und genau dorthin weist die Spur des Crashs.

Die Experten der US-Aufsichtsbehörden SEC und CFTC sowie der Futures-Börse Chicago Mercantile Exchange (CME) glauben inzwischen, dass ein einziger Handel dieses traditionsreichen Hauses, fern der Wall Street, den dramatischen "Flash Crash" auslöste.

Auffälliger Verkauf von Terminkontrakten

Ein internes Dokument der CME, die für die besagte Transaktion zuständig war, zeichnet jedenfalls nach, wie Waddell an jenem fraglichen Tag von Kansas aus in weniger als einer Stunde eine große Menge sogenannter E-Mini-Futures gehandelt habe. Dabei handelt es sich um ausschließlich an der CME gehandelte Terminkontrakte, mit denen Experten auf den künftigen Verlauf des S&P-500-Index wetten können. Solche Deals können als flankierende Absicherung anderer Transaktionen dienen.

Die Schockwelle pflanzte sich den CME-Akten zufolge unaufhaltsam durch die Märkte fort. Das geheime CME-Papier, das der Nachrichtenagentur Reuters zugespielt wurde, besagt zudem, dass der E-Mini-Markt als erster kollabiert sei und sich dann auch als erster wieder erholt habe - gefolgt vom Rest der Märkte.

Es ist eine ironische Wendung. Die Kurskapriolen des 6. Mai beschäftigen die Top-Experten der Finanzwelt seit zehn Tagen, ohne dass es bisher eine konkrete Erklärung gab. Alle denkbaren Ursachen wurden erwogen: Sabotage, defekte Computer, ein "fat finger trade", also der Tippfehler eines gestressten Händlers.

Sollte sich diese jüngste Spur bestätigen, war stattdessen ein Brokerhaus schuld, das Risiken scheut und auf seine Sorgfalt stolz ist.

1937 von einem früheren Reporter des "Wall Street Journal" sowie einem Aktienhändler und Kriegsveteran aus Kanada gegründet, rühmt sich Waddell als "eine der dauerhaftesten Firmen für Assetmanagement und Finanzplanung in den USA". Vier Millionen Kunden haben ihr Vermögen in Waddell-Fonds angelegt, welche die Rezession relativ glimpflich überstanden haben. Vorstandschef Hank Herrmann arbeitet seit fast einem halben Jahrhundert in der Branche, davon allein 38 Jahre bei Waddell. Die Portfolio-Manager haben durchschnittlich 20 Jahre Berufserfahrung.

Tradition trifft High-Tech. Ergebnis: ein Crash.

Die Aufseher hatten Abermillionen von elektronisch dokumentierten Handelsgeschäften durchkämmt, um den Mai-Schock aufzuklären. Dabei konzentrierte sich die CFTC schon bald auf den E-Mini-Markt.

Bestandteil einer "Hedging"-Strategie

In jenen 20 Minuten, in denen die US-Börsen dramatisch abstürzten, wechselten exakt 842.514 E-Mini-Verträge den Besitzer, wie das CME-Papier dokumentiert. Von den 250 beteiligten Händlern - darunter auch Finanzhaie der großen Wall-Street-Banken Goldman Sachs   und JP Morgan Chase  - unterzog die CFTC anschließend zehn einer näheren Überprüfung.

Schnell konzentrierten sich die Kontrolleure demzufolge auf den Verkauf von 75.000 E-Mini-Futures durch Waddell: Der Vorgang "scheint zumindest auf den ersten Blick eine abnormale Transaktion" zu sein, heißt es in dem Dokument. CFTC-Chef Gary Gensler bestätigte vorige Woche vor dem Kongress, dass seine Fahnder einen einzelnen Händler identifiziert hätten, der für rund neun Prozent des gesamten E-Mini-Handels in jenem Zeitraum verantwortlich gewesen sei. Das sei aber weder Fahrlässigkeit noch ein Fehler gewesen, sondern offenbar Bestandteil einer legitimen "Hedging"-Strategie, um sich gegen Verluste abzusichern. Einen Namen nannte er damals nicht.

"Dieser Trader kam gegen 14.32 Uhr auf den Markt und beendete den Handel gegen 14.51 Uhr", sagte Gensler. "Ab 14.40 Uhr begannen Hochfrequenz-Trader, ihre Aktivitäten einzuschränken." Innerhalb von fünf Minuten fiel der E-Mini-Markt den Angaben zufolge um mehr als fünf Prozent. Um 14.45 Uhr habe die CME ihren Handel für fünf Sekunden gestoppt. Danach habe sich der Markt langsam erholt.

Sonst werden pro Stunde durchschnittlich nur rund 50.000 E-Minis gehandelt, die Waddell-Transaktion lag also um 50 Prozent über der Norm. "Das ist eine enorme Position, egal für wen", zitierte die "New York Times" einen anonymen Händler. "Wenn sich der Markt plötzlich ändert und es nicht mehr so viele Kaufangebote gibt, können 75.000 Stück dem Markt einen ziemlichen Schock versetzen."

Hinzu kam, dass nicht alle US-Börsen in jenen Schreckminuten elektronische Atempausen einlegten, was zur Überlastung der Handelscomputer führte. Auch ist noch offen, weshalb Hunderte von Titeln kurz um 60 Prozent unter ihrem bisherigen Wert notierten.

Waddell kein Alleintäter

Experten sehen Waddell jedoch keineswegs als Alleintäter, zumal noch viele andere Broker den E-Mini-Markt befeuerten: Ihre Computer handelten automatisch, als bestimmte Werte erreicht wurden - eine Kettenreaktion, die zur Eskalation führte. "Wenn es je einen Fall gab, der den Bedarf an stärkerer Regulierung verdeutlicht", schreibt der Börsen-Blog BloggingStocks, "dann ist es dieser."

Waddell bestätigte in einer Erklärung, dass man am 6. Mai mit E-Minis gehandelt habe: "Waddell & Reed verfolgte mehrere Trading-Strategien, darunter Index-Futures-Verträge." Dies sei eine "bewährte und streng überwachte Praxis", um "Investoren vor Verlustrisiko zu schützen". Man sei aber "nicht jemand, der vorhat, die Märkte zu stören". Auch Waddell sei "am 6. Mai negativ betroffen" gewesen.

Dabei blieb es nicht. Am vergangenen Freitag, als die ersten Gerüchte über Waddells Verwicklung in den Crash zu kursieren begannen, bekam die Firma eine Dosis ihrer eigenen Medizin verabreicht: Ihre Aktie verlor 5,3 Prozent. 1,28 Millionen Waddell-Aktien wurden dabei gehandelt - mehr als das Dreifache eines regulären Tages.

Oder, wie Dorothy sagen würde: "Toto, ich habe das Gefühl, wir befinden uns nicht mehr in Kansas."

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