Nabucco-Pipeline Schröder warnt vor Abhängigkeit von iranischem Gas

Die Nabucco-Pipeline soll die EU mit Gas aus Asien versorgen und so die europäischen Staaten unabhängiger von Russland machen. Jetzt ätzt Altkanzler Gerhard Schröder gegen das Mammut-Projekt: Man sei dafür auf Iran angewiesen. Heftig widerspricht sein ehemaliger Vize Joschka Fischer.

Skeptisch: Altkanzler Schröder sagt, für Nabucco brauche man Gas aus Iran
AP

Skeptisch: Altkanzler Schröder sagt, für Nabucco brauche man Gas aus Iran


Moskau - Die europäischen Staaten wollen sich mit dem Mammut-Projekt emanzipieren und weniger abhängig von Russland machen: Eine riesige Pipeline soll die EU mit asiatischem Gas versorgen, Nabucco heißt das Projekt.

Aber so einfach ist das alles nicht, findet Altbundeskanzler Gerhard Schröder. Er halte das nur machbar mit Gas aus dem Iran, sagte er. Es gebe bislang ausreichend Gas für die geplanten Leitungen Nord Stream und South Stream, nicht aber für Nabucco, sagte Schröder nach Angaben russischer Agenturen. Alle drei Vorhaben hätten ihre Berechtigung, weil Europa immer mehr Gas benötige. Allerdings müsse die EU ihre politischen Differenzen mit dem Iran überwinden, um eine Vereinbarung über Gaslieferungen vom Kaspischen Meer zu treffen.

Schröder ist Vorsitzender des Aktionärsausschusses der europäisch-russischen Nord Stream AG. Er hatte wie der mit ihm befreundete russische Regierungschef Wladimir Putin betont, dass Nabucco keine Konkurrenz für die anderen Gasleitungen sei. Allerdings hatten auch Putin und Kremlchef Dmitri Medwedew gesagt, dass unklar sei, woher das Gas für Nabucco kommen solle.

Russlands früherer Regierungschef Viktor Tschernomyrdin bezeichnete das Nabucco-Projekt als "perspektivlos". Die Pipeline werde eine Leitung "von Irgendwoher nach Nirgendwohin", kritisierte der einstige Minister für die Gasindustrie.

Die früheren Regierungspartner Schröder und Fischer liefern sich ein Fernduell

Ex-Außenminister Joschka Fischer widersprach Tschernomyrdin scharf. Die nervösen Reaktionen aus Moskau würden zeigen, dass die Pipeline ein vielversprechendes Projekt sei, sagte er nach Angaben der Agentur Interfax. Fischer berät die Nabucco-Konsortiums-Mitglieder RWE und OMV.

Nach wiederholten Gaskonflikten zwischen Kiew und Moskau sollen die neuen Leitungen Europa auch helfen, unabhängiger von der Ukraine als bisher wichtigstem Transitland zu werden. Schröder erinnerte daran, dass das Leitungsnetz in der Ukraine dringend sanierungsbedürftig sei. Die Ostseepipeline Nord Stream soll künftig 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr nach Europa pumpen, South Stream 63 Milliarden Kubikmeter.

Russland tut alles, um sich den Zugriff auf die Gasvorkommen in den früheren Sowjetrepubliken Turkmenistan, Usbekistan und Aserbaidschan zu sichern. Der Baubeginn für die 3300 Kilometer lange Nabucco-Leitung ist für 2011 geplant, die Fertigstellung für 2014. Jährlich sollen rund 30 Milliarden Kubikmeter Gas nach Europa strömen. Die Kosten des Projekts, an dem auch der deutsche Energiekonzern RWE beteiligt ist, werden mit acht Milliarden Euroveranschlagt. Als Gaslieferant wird auch der Irak genannt.

In einer Stellungnahme widersprach RWE der Darstellung. Nabucco sei nicht auf iranisches Gas angewiesen, hieß es. Die geplante Pipeline speise sich grundsätzlich aus mehreren Quellen. Klare Lieferabsichten gebe es aus Aserbaidschan, Turkmenistan und dem Nord-Irak. Allein mit diesen Mengen könne Nabucco mehr als ausreichend gefüllt werden.

otr/dpa



insgesamt 104 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Sag_ich_doch 13.07.2009
1.
Russland ist der zuverlässigste Geschäftspartner, den es geben kann. Die Russen halten sich grundsätzlich strikt an gemachte Vereinbarungen. ABer wenn Europa solche Räuber wie die Ukraine moralisch unterstützt und nicht als Dieb brandmarkt, darf man sich hier nicht wundern, wenn kein Erdgas mehr ankommt, so wie im letzten Winter. Die EU war selbst an den Lieferengpässen schuld, da sie den Dieb nicht beim Namen nennen wollte und sich vornehm mit einer Verurteilung zurückgehalten hat.
Baikal 13.07.2009
2.
Zitat von sysopEuropa ist extrem abhängig von russischem Erdgas. Jetzt soll die Nabucco-Pipeline zentralasiatisches Gas in die EU transportieren - und damit für mehr Wettbewerb sorgen. Ein sinnvoller Plan- oder unrentabel?
Sich lieber von der Türkei oder der Ukraine erpressen lassen? Dann doch lieber Nordstream, damit fällt auch Polen als Erpresser weg.
Nov 13.07.2009
3. ...
Zitat von sysopEuropa ist extrem abhängig von russischem Erdgas. Jetzt soll die Nabucco-Pipeline zentralasiatisches Gas in die EU transportieren - und damit für mehr Wettbewerb sorgen. Ein sinnvoller Plan- oder unrentabel?
Ökonomisch betrachtet ist es schwachsinnig, weil Russland bislang ein alles in allem zuverlässiger Lieferant war. Politisch kann man das Projekt aber als interessanten Schachzug betrachten. Länder wie Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan mögen zwar keine Traumpartner sein, aber da die Erdgas exportierenden Länder auf der anderen Seite auch von den Märkten in Europa abhängig sind, kann man hier schön die einzelnen Versorger gegeneinander ausspielen. Russland macht auf der anderen Seite ja genau das gleiche, indem es versucht seine fossilen Energieträger verstärkt in China abzusetzen.
AndyH 13.07.2009
4.
Unrentabel aber sinnvoll.
Stahlengel77, 13.07.2009
5.
Zitat von sysopEuropa ist extrem abhängig von russischem Erdgas. Jetzt soll die Nabucco-Pipeline zentralasiatisches Gas in die EU transportieren - und damit für mehr Wettbewerb sorgen. Ein sinnvoller Plan- oder unrentabel?
Allein als ich las, das Joseph Maria "Joschka" Fischer Berater des Projekts ist, rollten sich mir innerlich die Fußnägel auf. Ab jetzt sind wir nicht nur von Russland abhängig. Jetzt geben wir der Türkei noch ein Druckmittel in die Hand, mit der sie einen EU-Beitritt quasi erzwingen können. Wenn wir nicht spuren, gibts halt kein Gas mehr. Tolle Show und Danke an Schröder und Fischer *würg*
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.