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30. Oktober 2016, 20:23 Uhr

Österreichischer Bahnbetreiber

Darum glaube ich an Nachtzüge in Deutschland

Ein Interview von

Die Deutsche Bahn streicht alle Nachtzüge - das Geschäft übernehmen die Österreichischen Bundesbahnen. Hier erklärt deren Chef Andreas Matthä, warum er so große Hoffnungen auf die deutschen Kunden setzt.

SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Bahn sagt, für sie rechne sich der Nachtverkehr nicht. Die ÖBB übernimmt nun aber einen Teil der Strecken. Was können Sie besser als die Deutschen?

Matthä: Wir übernehmen etwa 40 Prozent der Strecken und haben alle Linien intensiv geprüft. Entscheidend ist für uns, Synergien zu unseren bestehenden Verbindungen zu generieren. Mit diesen Strecken werden unsere Kosten weniger stark steigen als die Umsatzzuwächse, die wir durch zusätzliche Fahrgäste haben werden. 17 Prozent unseres Umsatzes im Fernverkehr stammen schon heute aus dem Nachtverkehr. Daher hat dieses Nischengeschäft für uns einen höheren Stellenwert als für die Deutsche Bahn. Eine gute Kostenbasis ist im Nachtzugsegment entscheidend.

SPIEGEL ONLINE: Laut der Deutschen Bahn ist der Fuhrpark betagt und teilweise kaputt. Eine Erneuerung sei zu teuer. Nun übernimmt die ÖBB 42 Schlafwagen und 15 Liegewagen. Kaufen Sie Schrott?

Matthä: Nein. Die Schlafwagen, die wir kaufen, sind im Schnitt 13 bis 14 Jahre alt. Wir ersetzen damit bei uns Wagen, die schon 40 bis 60 Jahre alt sind. Wir bauen die Wagen in unseren Werkstätten um und sind froh, dass wir Waggons von der Deutschen Bahn erwerben konnten und investieren nun insgesamt 40 Millionen Euro in Kauf und Erneuerung.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen am 11. Dezember mit den für Sie neuen Strecken in Deutschland starten. Wird das nicht knapp, wenn Sie den deutschen Fuhrpark noch auf Vordermann bringen müssen?

Matthä: Wir übernehmen ja derzeit schon Wagen von der Deutschen Bahn. Ein paar Waggons werden wir vielleicht erst nach dem Stichtag umgerüstet haben, aber hier sind wir auf einem guten Weg.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland gibt es immer mehr schnelle ICE-Trassen, und auch das Fliegen ist heutzutage für viel mehr Leute erschwinglich. Warum sollte der Nachtverkehr da noch wachsen?

Matthä: Wir haben aktuell schon eine Millionen Reisende im Nachtverkehr und gehen von etwa 500.000 zusätzlichen Fahrgästen nach Markteinführung der neuen Strecken in Deutschland aus. Bis 2020 rechnen wir dann mit 1,8 Millionen zusätzlichen Fahrgästen. Es geht bei unserem Angebot nicht nur um den Nachtzug alleine, sondern auf vielen Strecken auch um die Möglichkeit, das Auto oder Motorrad auf der bequemen Bahnreise mitzunehmen. Wir glauben, dass der Autoreisezug gerade für Familien eine ideale Möglichkeit ist, entspannt in den Urlaub zu starten.

SPIEGEL ONLINE: Dann war die Deutsche Bahn also nicht wirklich clever, die Nachtzugverbindungen herzugeben?

Matthä: Es gibt unterschiedliche strategische Ansätze, was man mit dem zur Verfügung stehenden Netz macht. Für uns gibt es größere Möglichkeiten im Nachtreisezugverkehr, weil Wien geografisch doch etwas abseits der großen Metropolen Europas liegt. Ich schließe nicht aus, dass unser Nachtzugangebot in Deutschland in Zukunft auch noch größer wird, vorerst konzentrieren wir uns aber auf die Etablierung des neuen Angebots.

SPIEGEL ONLINE: Warum übernehmen Sie nicht gleich alle Strecken der Deutschen Bahn? Die sehr stark frequentierte Route zwischen Zürich und Düsseldorf etwa geben Sie auf. Genauso wie die vom Rheinland nach Berlin.

Matthä: Wir haben in den Analysen gesehen, dass es eine sehr gute Nachfrage für die Strecke von Zürich nach Hamburg sowie zwischen Zürich und Berlin gibt. Das ergänzt sich wunderbar mit unserem Programm, weil wir in der ersten Nacht von Wien nach Zürich fahren und dann weiter von Zürich nach Berlin und wieder zurück. So bleibt die Kostenseite für uns im Rahmen, können wir Synergien nutzen. Auch wir würden in eine wirtschaftlich schwierige Situation kommen, wenn wir alle Strecken übernommen hätten. Mit unserem selektiven Zugang schaffen wir eine Win-win Situation: Für uns ist eine wirtschaftlich gute Basis für die Nachtzüge wichtig, die Kunden können ein stabiles Angebot nutzen und weiterhin am nächsten Morgen ausgeschlafen am Reiseziel ankommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Bahn will nach dem Ende der eigenen Nachtzüge nun auf normale ICs und ICEs im Nachtverkehr setzen, die ausschließlich Sitzwagen führen. Ist das harte Konkurrenz für Sie?

Matthä: Diese Angebote überschneiden sich nicht mit unserem Nightjets. Es gibt sicher ein preissensibles Publikum, das lieber IC fährt. Die Fahrt im Bett eines Nightjet-Liege- oder Schlafwagens bietet ein anderes Komfortniveau.

SPIEGEL ONLINE: Mit einem Thema könnten Sie es sich sehr schnell bei den deutschen Bahnfahrern verscherzen: Sie wollen nur für ein Jahr die deutsche BahnCard anerkennen, dabei ist die eine Art deutsches Nationalheiligtum. Was passiert dann?

Matthä: Wir werden uns das gemeinsam mit den deutschen Kollegen ansehen, weil es dabei ja um die Wechselseitigkeit von Transferzahlungen geht. Die Zufriedenheit unserer Kunden ist uns sehr wichtig, daher werden wir zumindest im ersten Jahr die DB-BahnCard voll anerkennen, obwohl es ein ÖBB-Zug ist, der auf komplett eigenes wirtschaftliches Risiko im deutschen Netz unterwegs ist. Jedenfalls aber wird es in den Nightjets auch in Zukunft preisgünstige Angebote wie etwa die Sparschiene geben.

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