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13. Mai 2016, 15:16 Uhr

Infografik der Woche

Bitte, nehmt meinen Strom! Ich zahl auch dafür!

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Strom verbrauchen und dabei reich werden? In Deutschland geht das immer besser: Seit 2011 hat sich die Zahl der Tage, an denen die Preise für Elektrizität ins Minus drehten, mehr als vervierfacht.

Wenn Sie die Grafik mobil schauen, drehen Sie Ihr Smartphone bitte quer.

Märkte folgen ihren eigenen Gesetzen. Während die meisten Menschen sich über sonnige Tage mit kühlender Brise freuen, schrillen an der Strombörse bei entsprechenden Bedingungen immer öfter die Alarmglocken.

Denn wenn gleichzeitig die Sonne scheint und der Wind weht, produzieren Deutschlands Ökostromanlagen massig Strom. Und da die großen Versorger in solchen Phasen ihre Kohlekraftwerke meist weiterlaufen lassen, entsteht ein Überangebot - und die Strompreise rutschen ins Minus.

Heißt konkret: Wer Elektrizität verkauft, muss seinen Abnehmern dann Geld zahlen. Der Markt steht kopf.

Zuletzt so geschehen an der Leipziger Börse am 8. Mai. Im jüngsten Fall lag der Tiefstand, wie die Infografik der Woche von Statista und SPIEGEL ONLINE zeigt, gegen 14 Uhr bei rund minus 130 Euro pro Megawattstunde.

Streitthema bei der EEG-Reform

Der 8. Mai ist nur ein Beispiel für einen immer stärkeren Trend: Die Zahl der Tage mit negativen Strombörsenpreisen hat sich seit 2011 mehr als vervierfacht. Während der Preis 2011 lediglich sechs Mal ins Negative abdriftete, war dies im vergangenen Jahr bereits 25 Mal der Fall. Je mehr Windräder sich in Deutschland drehen und je mehr Solaranlagen Strom ins Netz speisen, desto öfter stürzen die Preise ab.

Börsenpanik stellt sich deshalb noch nicht ein. "Negative Strompreise sind ein natürliches Phänomen des kurzfristigen Stromhandels", sagt ein Sprecher des European Power Exchange (EEX). Sie seien Bestandteil eines freien Markts.

Die privaten Stromverbraucher profitieren von den kurzfristigen Einbrüchen an der EEX allerdings nicht. Sie zahlen für die Kilowattstunde ja einen fixen Tarif. Die ohnehin angeschlagenen Energieversorger indes erleiden durch die Preisstürze zusätzliche Verluste.

In der Regierung sorgt die wachsende Negativwelt derweil für Streit. Am Donnerstag forderte die Unionsfraktion in einem Brief an das Wirtschaftsministerium, man dürfe neu gebauten Wind- und Solaranlagen bei negativen Strompreisen keine Vergütung zahlen. Die Regierung arbeitet derzeit am Umbau des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das den Ausbau der Ökostromanlagen in Deutschland regelt.

Speicher und Lastmanagement sollen Strommarkt stabilisieren

Ob die Regierung die Negativpreise eingrenzen kann, ist allerdings ungewiss. Zwar sollen in den kommenden Jahrzehnten immer mehr alte Kohlemeiler vom Netz gehen; und es sollen neue Speicheranlagen gebaut werden, die überschüssigen Strom so lange bunkern können, bis die Nachfrage wieder steigt.

Moderne Technologien sollen obendrein dafür sorgen, dass ganze Fabriken, aber auch kleine Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen in stromarmen Zeiten stillstehen und in stromreichen Zeiten verstärkt arbeiten.

Gleichzeitig gehen aber massig neue Ökostromanlagen ans Netz. Manch Ökonom sieht bereits eine Zeit anbrechen, in der es Strom zum Nulltarif geben könnte - ähnlich wie die Flatrate beim Telefonieren. Sollte es so kommen, würde man beim Stromverkauf nicht mehr draufzahlen. Man würde einfach gar kein Geld mehr verdienen.


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