Aktie eingebrochen Ein Kartenhaus namens Netflix

Netflix verspricht eine Revolution des Fernsehens, doch schwache Zahlen lassen die Anleger zweifeln, die Aktie stürzt ab. Und nun kommt auch noch Amazon.

"House of Cards"-Darsteller Kevin Spacey
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"House of Cards"-Darsteller Kevin Spacey


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"Vertrauen ist der Anfang von allem" war mal der Werbespruch einer großen deutschen Bank, der 20 Jahre und eine Finanzkrise später wie Hohn wirkt. Heute könnte Netflix Chart zeigen den Slogan adoptieren.

Denn Vertrauen stand am Beginn der Fernsehrevolution, die der US-Streaminganbieter auslöste - genauer gesagt: Vertrauen in David Fincher . Netflix kaufte dem Kultregisseur ("Fight Club") gleich zwei Staffeln der inzwischen legendären Serie "House of Cards" ab, für 100 Millionen Dollar - ohne mit einer Pilotfolge das Interesse seiner Abonnenten zu testen. Niemand in der Geschichte des Mediums Fernsehen habe das je gewagt, sagte Hauptdarsteller Kevin Spacey noch Jahre später erstaunt.

Die Geschichte über den Aufstieg des zynisch-skrupellosen US-Politikers Frank Underwood war im Februar 2013 die weltweit erste Serie, die exklusiv bei einem Streaming -Anbieter lief. Die erste, die sofort als komplette Staffel verfügbar war und so erst das sogenannte Binge-Watching schuf, das Verschlingen ganzer Serienstaffeln an einem Samstagnachmittag im Pyjama.

Gegen einen Monatsbeitrag von derzeit 7,99 Euro in Deutschland können Nutzer seitdem Serien und Filme über die Plattform streamen - so viele wie sie wollen, wann immer es ihnen passt.

Netflix ist zur Welteroberung verdammt

Heute müsste man mehrere Monate am Stück vor seinem Laptop verbringen, allein um "Orange is the New Black", "Narcos" und die 39 anderen originalen Netflix-Serien zu sehen. Wer das ernsthaft vorhat, sollte besser schnell anfangen: 51 weitere Serien hat der Online-Videodienst in der Pipeline, darunter auch seine erste deutsche Produktion: "Dark", die einen "Twin Peaks"-artigen Plot in die Provinz der alten BRD verlegt.

Vertrauen brauchen aber auch die Aktionäre des Unternehmens aus dem kalifornischen Los Gatos. Lange Zeit hatten sie reichlich davon: Stärker noch als die Zahl der Zuschauer - 81,5 Millionen weltweit, davon gut 47 Millionen in den USA - stieg der Netflix-Aktienkurs: seit dem Start von "House of Cards" um mehr als 450 Prozent.

Am Aktienmarkt ist der Streamingdienst mehr als 40 Milliarden Dollar wert - etwa 400-mal so viel wie sein in diesem Jahr erwarteter Gewinn. Beim durchschnittlichen Dax-Unternehmen liegt dieses Verhältnis aktuell bei 12,5. Um seinen Wert jemals zu rechtfertigen, muss Netflix die globale Fernseh- und Filmindustrie noch sehr viel gründlicher umpflügen als bisher.

Schafft der Streaming-Pionier das? Oder ist die Börsenstory von Netflix selbst ein Kartenhaus?

Deshalb schockierte das Unternehmen seine Anleger mit einer schwachen Prognose für das Kundenwachstum: Nur zwei Millionen neue Nutzer erwartet Netflix im nächsten Vierteljahr außerhalb der USA, nur gut halb so viel, wie Analysten geschätzt hatten. Die Aktie brach im vorbörslichen Handel um mehr als neun Prozent ein.

Der einstige DVD-Versender hat eine riesige Wette abgeschlossen, dass es sein schon jetzt hochprofitables US-Geschäft auf die ganze Welt übertragen kann. Im Januar weitete das Unternehmen seinen Dienst in praktisch alle Länder der Welt aus und verspricht Serien und Filme mit lokalen Stoffen, lokalen Schauspielern und Regisseuren für viele andere Länder - wie eben "Dark", bei dem der in Berlin lebende Schweizer Baran bo Odar Regie führen wird.

Sechs Milliarden Dollar steckt Netflix im laufenden Jahr in Eigenproduktionen. "Wir hoffen, dass wir eines Tages die besten Bollywood -Produktionen und die besten japanischen Animationsfilme machen", sagt Unternehmenschef Reed Hastings.

Amazon kann auch Musik und Waren bieten

Sein großer Vorteil gegenüber Sendern und Filmstudios: Die Nutzerdaten kombiniert mit dem ständig wachsenden Angebot machen immer präzisere Vorschläge möglich, welche Serie als Nächstes angeschaut werden soll. Gleichzeitig kann Netflix dank seines Abo-Modells Regisseuren größere Freiheiten geben, originelle Charaktere und Plots auszuprobieren - ein Gegenmodell zu den endlosen "Superman"- und "Kung Fu Panda"-Fortsetzungen.

Doch Netflix ist nicht mehr der einzige Streamingdienst, der die Art, wie Menschen fernsehen, für immer verändern will. Auch Amazon Chart zeigen baut sein Film- und Serienangebot aus: Für "Transparent", eine Serie über einen transsexuellen Familienvater, gewannen die Amazon Studios mehrere Emmy -Fernsehpreise, für ihre erste deutsche Serie "Wanted" hat der E-Commerce-Riese Matthias Schweighöfer als Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller engagiert.

Bislang ist Amazons Videoservice vor allem ein Vehikel, um die Mitgliedschaft in seinem schnellen Lieferservice Prime attraktiver zu machen. Wie Netflix kostet der in Deutschland acht Euro im Monat - oder 49 Euro im Jahr.

Doch nun will Amazon-Boss Jeff Bezos den Druck auf Netflix erhöhen: Nutzer in den USA können den "Prime Video"-Service jetzt auch monatlich buchen: Alleinstehend für neun Dollar oder für elf Dollar das gesamte Prime-Paket, das zusätzlich Musik-Streaming und schnellere und kostenlose Paketlieferungen enthält. Prime sei ein so gutes Angebot, man sei "unverantwortlich, wenn man da kein Mitglied wird", sagte Chefverkäufer Bezos kürzlich.

Das neue Angebot kommt zu einer Zeit, in der Netflix den populärsten Tarif unter seinen US-Kunden auf zehn Dollar pro Monat anhebt. Für einen Dollar mehr bekommt man bei Amazon nun auch ein Musik- und ein Warenangebot.

Wenn der Bezos-Konzern einmal beginnt, sein "Sehen, Hören, Bestellen"-Bündel aggressiv zu bewerben, könnte Netflix' Kartenhaus ordentlich ins Wanken geraten.

Zusammengefasst: Die Netflix-Aktie bricht ein, weil das Unternehmen mit weniger neuen Nutzern rechnet, als Beobachter geschätzt hatten. Für den Video-Streamingservice ist das ein Riesenproblem: Er steckt Milliarden in die Produktion neuer Serien und Filme, die Zuschauer auf der ganzen Welt für den Dienst begeistern können. Außerdem hat Amazon ganz ähnliche Pläne.

Das Fernsehen der Zukunft: Multimedia-Reportage aus Los Angeles


insgesamt 102 Beiträge
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dominiks 19.04.2016
1.
Das Problem ist einfach, dass Netflix viel zu wenig Angebot besitzt. Keine Ahnung, weshalb, aber wenn eine Serie bereits in Deutschland die 5. Staffel ausstrahlt und auf Netflix noch nichtmal die 4. in Deutsch vorhanden ist, dann läuft da etwas schief.
hador2 19.04.2016
2. Amazon...
...solange sich Amazon weigert Android Nutzern vernünftige Apps zur Nutzung von Amazon Video zur Verfügung zu stellen haben sie ein großes Problem. Kaum jemand wird ein Fire Tablet oder Handy nur deswegen kaufen.
AndreHa 19.04.2016
3.
Man kann eben nur 24 Stunden pro Tag in den TV glotzen. Mehr geht nicht. Wer soll denn diese ganzen Dienste nutzen?
Lische 19.04.2016
4. Einbruch?
Ich wundere mich immer wieder über die Wortwahl der Finanzjournalisten. Da ist eine Aktie mit dem 400-fachen des Gewinns bewertet, der Kurs sinkt mal eben im einstelligen Bereich und es wird von einem "Einbruch" gesprochen. Das klingt so, als stünde Netflix kurz vor dem Konkurs und das gesamte Streaming-Geschäftsmodell müsse um seine Existenz bangen. Ich sehe da aber keine neue Erkenntnis. Netflix & Co. gehen ein hohes Risiko - die Anleger ebenfalls. Bestenfalls wird nun ein wenig Luft aus einer Blase gelassen. Das ist aber schon alles. Zugegeben - ich bin Laie. Aber diese Meldung klingt doch ein wenig aufgepumpt.
hador2 19.04.2016
5. Angebot
Netflix kann bei aktuellen Serien oft nur mit Verzögerung neue Staffeln liefern weil Fernsehsender teilweise Erstausstrahlungsrechte besitzen. Das ist einer der Gründe warum sie soviel in eigene Serien investieren
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