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03. März 2011, 17:43 Uhr

Neue Währungsstrategie

China startet Yuan-Tuning

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Exportweltmeister ist China bereits, jetzt will das Land die Bedeutung des Yuan global ausweiten. Die Volksrepublik hat eine Strategie entwickelt, den Dollar als Leitwährung abzulösen. Doch der Plan hat Tücken.

Hamburg - Es ist ein großes Ziel, das China verfolgt. Die Volksrepublik geht dabei in vielen kleinen Etappen vor. Der Paukenschlag soll ganz am Ende kommen: Der Yuan soll den Dollar als Leitwährung ablösen. Die Schritte dahin wirken oft unscheinbar. Doch es gibt einen Masterplan, den die chinesische Notenbank am Mittwoch vorgestellt hat.

Ein zentraler Bestandteil: Exporteure und Importeure sollen noch in diesem Jahr die Geschäfte mit ihren ausländischen Partnern in Yuan abrechnen können. De facto stärkt China damit die internationale Rolle seiner Währung. Es sollen mehr Geschäfte in der chinesischen Währung abgewickelt werden - und damit weniger in Dollar . Langfristig will China den streng reglementierten Yuan schrittweise in eine frei konvertierbare Weltwährung aufbauen.

Bisher ist der Dollar als Leitwährung unumstritten. Die USA sind die Wirtschaftsmacht Nummer eins auf dem Weltmarkt. Doch die Machtverhältnisse verschieben sich gen Asien. Experten prognostizieren, dass die Volksrepublik den Vereinigten Staaten bis 2050 den Rang als größte Wirtschaftsmacht abläuft.

Schon jetzt sind die hochverschuldeten USA von China finanziell enorm abhängig. Washington hat in Peking Schulden in Höhe von 1,16 Billionen Dollar.

"Eine internationale Leitwährung bringt politische Macht mit sich", sagt Manfred Neumann von der Universität Bonn. Chinas Pläne seien eine Prestigefrage im politischen Machtkalkül. Doch ob Peking den Yuan tatsächlich als Leitwährung verankern kann, daran zweifelt der Währungsexperte.

Mit welcher Strategie will China seine Währung voranbringen? Welche Gefahren drohen der Volksrepublik? SPIEGEL ONLINE analysiert den Masterplan Pekings - und die Chancen, dass der Yuan den Dollar als Leitwährung ablöst.

Wie der Yuan zur asiatischen Handelswährung werden soll

Firmen der angehenden Supermacht können künftig Importe und Exporte in Yuan statt in Dollar abwickeln. Die Bedeutung des Yuan im Außenhandel nimmt dadurch deutlich zu. Schon jetzt stößt dieser Plan auf große Resonanz: Testweise wurde 67.000 Unternehmen in 20 Provinzen erlaubt, ihre Auslandsgeschäfte in Yuan abzuwickeln. Das Volumen der in Yuan gehandelten Güter nahm sprunghaft zu - von 77 auf 506 Milliarden Yuan. Umgerechnet sind das rund 56 Milliarden Euro.

Gemessen am gesamten Handelsvolumen Chinas macht dies nur 5,6 Prozent aus. Doch Experten rechnen damit, dass die Zahl der in Yuan gehandelten Waren rasch weiter steigt. "Vor allem in der Provinz Hongkong und auf anderen asiatischen Märkten hat der Yuan Chancen, zur bevorzugten Währung für Handelsgeschäfte zu werden", sagt Ulrich Leuchtmann, Devisenexperte bei der Commerzbank.

In Europa und den USA dürfte die Bedeutung der chinesischen Währung dagegen nicht so schnell zunehmen. "Für Unternehmen in diesen Märkten ist es oft einfacher, in der eigenen Währung zu handeln", sagt Leuchtmann. Rund 18 Prozent aller chinesischen Exporte gehen nach Europa, gut 17 Prozent nach Amerika. "Realistisch ist, dass der Anteil der in Yuan gehandelten Im- und Exporte in den kommenden Jahren auf 10 bis 15 Prozent steigt", prognostiziert Leuchtmann - das entspräche maximal einer Verdreifachung des aktuellen Wertes.

Wie Chinas Kapitalmarkt für Anleger geöffnet werden soll

Ein wichtiger Punkt im Masterplan der chinesischen Zentralbank ist die Öffnung des Kapitalmarkts für ausländische Investoren. Man wolle mehr Kanäle schaffen, über die Yuan-Beträge zurück nach China fließen können, heißt es.

Bislang gibt es für Investoren offiziell nur zwei Kanäle nach China: Sie können erstens Import- und Exportgeschäfte in Yuan abwickeln. Zweitens können sie einen Betrag ihrer eigenen Währung in Yuan umtauschen, wenn sie eine Direktinvestition in China tätigen - zum Beispiel eine Fabrik kaufen.

Dazu experimentiert die Regierung mit einer Mini-Öffnung des Kapitalmarkts. Seit 2003 dürfen ausgewählte Banken und Portfoliomanager auch Aktien kaufen, die sonst nur Chinesen erwerben können. Und sie dürfen - in sehr engem Rahmen - chinesische Staatsanleihen kaufen. Mit 18 Milliarden Dollar ist das Volumen solcher Geschäfte bislang gering.

Experten sehen ein gewaltiges Potential. "Vor allem der Kauf chinesischer Anleihen ist für Investoren attraktiv", sagt Commerzbank-Experte Leuchtmann. "Die Zinsen für Papiere mit kurzer Laufzeit liegen oft bei drei bis vier Prozent und damit deutlich höher als etwa bei Bundesanleihen. Hinzu kommt, dass der Yuan gegenüber anderen Währungen mittelfristig aufwerten dürfte. Investoren profitieren also doppelt."

Wie stark Kapitalströme aus dem Ausland zunehmen sollen, sagt die Zentralbank allerdings nicht. Aus gutem Grund: Würde sie schlagartig alle Reglementierungen abschaffen, dürften Unmengen ausländischen Kapitals ins Land strömen.

Wie ausländische Zentralbanken zu Yuan-Bunkern werden sollen

Die Zentralbank in Peking verspricht in ihrem Masterplan außerdem, sie werde "aktiv" auf Anfragen ausländischer Notenbanken reagieren, die ihre Devisenreserven mit Yuan-Anleihen ergänzen wollen.

Das Interesse an solchen Geschäften dürfte groß sein. Viele Notenbanken halten derzeit vor allem Dollar- und Euro-Reserven. Beide Währungen sind durch Schuldenkrisen in US-Bundesstaaten und Ländern der Euro-Zone schwer unter Druck. Mehrere Notenbanken tendieren daher dazu, ihre Währungsreserven zu diversifizieren. Der Kauf von Yuan wäre eine attraktive Ergänzung für ihre Portfolios.

Auch für China wäre ein Yuan-Verkauf an Zentralbanken reizvoll. Notenbanken legen ihre Gelder konservativer an als alle anderen Investoren. Das mindert die Gefahr einer Blasenbildung.

Wie China mehr ausländische Investoren anlocken will

Die Notenbank prüft, ausländischen Unternehmen Direktinvestitionen in Yuan zu erlauben. Bislang müssen Investoren ihre eigene Währung erst in Yuan umtauschen, ehe sie Geschäfte machen können.

Künftig sollen sie sich dafür verstärkt eigene Yuan-Bestände halten. Theoretisch wäre das auch jetzt schon möglich - nur können Investoren mit ihren Yuan noch nichts anfangen, da Geschäfte in China immer einen neuen Währungstausch voraussetzen.

Etwas unklar ist eine andere Formulierung im Masterplan der Zentralbank. So ist davon die Rede, man wolle bilaterale Währungstauschgeschäfte unterstützen und Investoren dadurch dazu ermutigen, mehr Geschäfte in Yuan abzuwickeln.

Das könnte bedeuten, dass eine asiatische Notenbank einen Yuan-Betrag erwirbt und garantiert, diesen zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückzuzahlen. Innerhalb dieser Zeitspanne kann sie über die Yuan allerdings frei verfügen - also auch an Banken weiterreichen. Auf diesem Weg könnten Unternehmen und Investoren mit Yuan versorgt werden.

Welche Probleme bringt ein freier Yuan mit sich

Für China bedeutet ein freier Yuan vor allem Kontrollverlust. Denn damit würde eine Öffnung der Märkte einhergehen. Indem Peking die Währung kontrolliert, steuert sie auch die Wirtschaft. So feuert die Volksrepublik ihre Exporte an, indem sie den Yuan niedrig hält. Eigentlich funktionieren die Gesetze des Marktes anders: Wenn Exporte steigen, wird auch die Währung stärker. Weil damit die Produkte teurer werden, lässt in der Regel die Nachfrage nach. Das Wachstum wird gebremst. Für andere Länder würden sich dagegen die Importchancen verbessern.

Die chinesische Regierung will das Wachstum im eigenen Land fördern. Sie ist darauf bedacht, den Wohlstand der Bürger zu steuern. Denn welche Unzufriedenheit Wirtschaftskrisen und Armut auslösen können, zeigt sich derzeit in Nordafrika.

China fürchtet die Folgen des freien Marktes: Etwa, dass die Währung zu schnell zu stark wird. Ein frei konvertierbarer Yuan könnte China zudem zum Ziel von Spekulanten werden lassen.

Ein freier Yuan hätte für die Volksrepublik aber auch Vorteile: Denn China könnte im Ausland mit eigener Währung zu günstigeren Bedingungen einkaufen, sei es auf dem Rohstoffmarkt oder beim Einstieg in Unternehmen.

Löst der Yuan den Dollar ab?

Die neuen Pläne der chinesischen Zentralbank sind zunächst bloße Absichtserklärungen. Einiges spricht aber für eine rasche Liberalisierung der Währung. Noch ist sie nicht frei konvertierbar. Um sie stabil zu halten, muss die Zentralbank gewaltige Devisenreserven anhäufen - das aber heizt die ohnehin hohe Inflation an.

Währungsexperte Neumann glaubt nicht an eine schnelle Ablösung des Dollars als Leitwährung. "In den nächsten 10 bis 15 Jahren wird der Yuan keine großen Chancen haben", sagt er. Denn mit der Konvertibilität der Währung müsste Peking auch den Kontrollverlust in Kauf nehmen - und dass damit eine politische Liberalisierung einhergehen könnte.

Eine Leitwährung könne sich nur auf dem freien Markt durchsetzen, sagt Neumann. "Wäre China eine Demokratie, wäre das kein Problem." Der liquide und liberale Finanzmarkt in den USA garantiert derzeit, dass der Dollar trotz aller Probleme die Leitwährung ist.

Würde der Yuan ihn ablösen, würde China als Supermacht mehr politischen Einfluss geltend machen. Die Vorbehalte der westlichen Länder gegen das kommunistische Regime dürften den Yuan-Aufstieg bremsen. "Eine Leitwährung hängt davon ab, ob die Partner sie möchten", sagt Neumann.

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