Neuer Air-Berlin-Chef Große Aufgabe für den "kleinen Wolfi"
Hamburg - Und schon wieder rückt ein Österreicher an die Spitze einer deutschen Fluggesellschaft: Wolfgang Prock-Schauer war bei seinem früheren Arbeitgeber Lufthansa intern lange als der "kleine Wolfi" bekannt. Der "große Wolfi" war der frühere Lufthansa-Boss Wolfgang Mayrhuber, auch er ein Österreicher. Jetzt folgt Prock-Schauer auf Hartmut Mehdorn als Chef von Air Berlin.
Dass der 56-Jährige irgendwann eine solche Aufgabe übernehmen würde, war schon länger vermutet worden. Den richtigen Stallgeruch hatte Prock-Schauer, war er doch zunächst in seinem Heimatland im Management der späteren Lufthansa -Tochter Austrian Airlines tätig. Später leitete er kurzzeitig das Luftfahrtbündnis Star Alliance.
Um weiter aufzusteigen, wagte Prock-Schauer sich 2003 dann auf den stürmisch wachsenden und stark umkämpften indischen Markt. Er wurde Vorstandschef von Jet Airways, der damals zweitgrößten Fluglinie des Subkontinents. Doch auch dort spielte der Österreicher faktisch nur die zweite Geige. Der Gründer und Besitzer von Jet, der exzentrische Milliardär Nareesh Goyal, behandelte ihn auch in der Öffentlichkeit zuweilen wie einen Schuljungen, rief zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit an, um Weisungen und Aufträge zu erteilen.
Wolfgang Prock-Schauer nahm das hin. Er ist nach außen überaus freundlich und umgänglich, ohne eitle und herrische Aura - ein klarer Kontrast zu seinem Vorgänger Mehdorn. Doch Prock-Schauer ist auch ein kämpferischer Stratege. Sein Meisterstück waren die Sanierung und der höchst erfolgreiche Börsengang von Jet Airways. 2005 erlöste Nareesh Goyal dabei innerhalb von Stunden durch den Verkauf von 20 Prozent seiner Anteile 2,2 Milliarden Dollar.
Von solchen Zahlen kann Prock-Schauers neuer Arbeitgeber nur träumen, Air Berlin schreibt seit Jahren rote Zahlen. Unter Mehdorn wurde zwar mit der Sanierung begonnen, abgeschlossen ist sie aber keineswegs. Auf den neuen Chef warten zahlreiche Baustellen, dazu gehören:
- eine dünne Kapitaldecke,
- der Pannen-Airport BER,
- weitere Einsparungen.
Dass es Air Berlin überhaupt noch gibt, hat das Unternehmen vor allem dem Großaktionär Etihad zu verdanken. Mit dem Einstieg der Golf-Fluglinie Ende 2011 bekam Air Berlin frisches Geld, das dringend benötigt wurde. Die Eigenkapitalquote der Fluglinie erreichte zeitweise bedrohliche vier Prozent. Zum Vergleich: Bei Lufthansa liegt sie bei fast 30 Prozent. Über den Verkauf seines Meilenprogramms an Etihad erhielt Air Berlin kürzlich eine neue Geldspritze, doch auch die wird auf Dauer nicht ausreichen: Die Fluglinie muss wieder profitabel werden. Und zwar so schnell, dass die Passagiere nicht von Pleitegerüchten abgeschreckt werden.
Enttäuschte Hoffnung auf das Drehkreuz
Ein großes Problem von Air Berlin ist dabei die Positionierung im Markt. Mit dem Angebot des Platzhirschen Lufthansa konnte die Fluglinie nie mithalten, mit den Schleuderpreisen vieler Billigflieger aber auch nicht. Unter Mehdorn wurden nun unrentable Strecken gestrichen, zusammen mit dem neuen Partner Etihad will man sich auf Ziele mit stabiler Nachfrage konzentrieren. Prock-Schauer scheint geeignet, um diesen Kurs fortzusetzen. Schon Jet Airways machte er zur weltweit agierenden Größe, indem er 2007 ein Drehkreuz in Brüssel aufbaute.
Doch das Drehkreuz für Air Berlin soll der neue Hauptstadtflughafen BER werden und dessen Eröffnung wurde nahezu zeitgleich mit Mehdorns Abgang erneut verschoben. Schon jetzt schätzt Air Berlin die Verluste durch die Verzögerung auf eine zweistellige Millionensumme, Mehdorn kündigte Schadensersatzklagen an. "Air Berlin setzt weiterhin auf den BER", versicherte das Unternehmen nach der erneuten Verschiebung. Am Montag jedoch überschattete die neue Bauverzögerung an der Börse die Nachricht vom Chefwechsel, die Air-Berlin- Aktie verlor zeitweise fast drei Prozent.
Und auch um weitere Einsparungen wird Prock-Schauer nicht herumkommen. Das von Mehdorn geerbte Sparprogramm "Turbine 13" muss erst noch umgesetzt werden, dabei könnten mehrere hundert Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Mehdorn hatte kurz vor seinem Abtritt betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr ausschließen wollen. So konkret wollte Nachfolger Prock-Schauer an seinem ersten Tag an der Spitze zwar nicht werden, er sprach aber von "großen Herausforderungen", in deren Angesicht die Fluglinie "unseren Veränderungsprozess schnell vorantreiben" müsse.
Dass ein solcher Veränderungsprozess auch scheitern kann, weiß Prock-Schauer aus eigener Erfahrung. Fünf Jahre blieb er in Indien, von wo er stets zu seiner Ehefrau und den drei Kindern in Österreich pendelte. Dann besann sich der Manager auf seine alten Verbindungen zum "großen Wolfi" und kehrte zum Lufthansa-Konzern zurück. Statt auf den erhofften Chefposten bei Austrian Airlines schickte der ihn gleich an die nächste Front: zur chronisch verlustreichen Konzerntochter British Midland (bmi) nach Mittelengland. Prock-Schauer bezog ein Büro im idyllischen Herrenhaus Castle Donington, fuhr einen harten Sparkurs, schaffte die Kehrtwende aber nicht. bmi wurde schließlich von Lufthansa abgewickelt und im Frühjahr 2012 an British Airways verkauft.
Der Österreicher war frustriert, dass er im Lufthansa-Konzern auch nach Ende der Ära Mayrhuber keinen aussichtsreicheren Posten angeboten bekam. Verhandlungen über einen Wechsel an die Spitze der aufstrebenden Oman Air zerschlugen sich, nach dem Verkauf von bmi tauchte Prock-Schauer zunächst ab.
Als er dann im Herbst bei Air Berlin einen neuen Posten als "Chief Strategy & Planning Officer" übernahm, wurde umgehend über einen möglichen Sprung an die Firmenspitze spekuliert. Der kam nun schneller als erwartet. Es scheint, als sei es Wolfgang Prock-Schauers Schicksal, sein Berufsleben bei Problemfällen der Luftfahrt zu verbringen.