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25. August 2011, 14:39 Uhr

Neuer Apple-Chef Tim Cook

Auf Genie folgt Effizienzmaschine

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Steve Jobs tritt ab, und die Tech-Welt ist in Aufruhr: Ist das jetzt das Ende des sagenhaften Apple-Erfolgs? Gemach, gemach. Nachfolger Tim Cook ist zwar kein Visionär - doch er ist am Aufstieg des profitabelsten IT-Konzerns der Welt maßgeblich beteiligt.

Hamburg - Tim Cook soll durchaus fähig zur Fröhlichkeit sein. Dennoch ist seine Standard-Gesichtseinstellung das Stirnrunzeln. In Manager-Meetings ist sein Markenzeichen die lange, ungemütliche Pause, in der alles, was man hört, das Knistern von Verpackungsfolie sei. Der Verpackungsfolie jener Energieriegel, die Cook ständig isst.

Diese Beschreibung des neuen Apple-Chefs hat etwas Bedrohliches. Sie stammt aus einem Porträt des Managers im US-Wirtschaftsmagazin "Fortune", dem ausführlichsten und vielleicht besten, das je über Tim Cook geschrieben wurde.

"Fortune" bezeichnete den drahtigen Mann mit dem kurzen, grauen, gescheitelten Haaren seinerzeit als das "Genie hinter Steve". Als Macher hinter Jobs, dem Visionär, unter dessen Führung sich Apple von einer maroden Computer-Klitsche zum zeitweise wertvollsten Unternehmen der Welt aufgeschwungen hat. Andere bezeichnen Cook als Effizienzmaschine, als Mr. Excel-Tabelle, als den Mann, der Apples globale Vertriebs- und Lieferantenkette zu einer der besten unserer Zeit machte.

Und viele sagen, Cook sei Jobs' logischer Nachfolger. Immerhin habe er Apple schon dreimal eine zeitlang geführt. 2004 saß er zwei Monate im Chefsessel, als Jobs an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte. 2009 vertrat er Jobs ein knappes halbes Jahr, als er sich von einer Lebertransplantation erholte. Seit Januar 2011 steht er an der Konzernspitze, weil Jobs eine nicht näher bezeichnete gesundheitliche Auszeit nimmt.

Am Mittwoch nach US-Börsenschluss kürte Jobs seinen Chief Operating Officer Tim Cook offiziell zum neuen Apple-Chef. Und vielen Experten kommen plötzlich Zweifel. Cook mag der logische Nachfolger sein, heißt es nun. Aber ist er auch der richtige? Gibt es einen solchen überhaupt? Kann irgendjemand, und sei es der hochgelobte Tim Cook, das Genie Jobs wirklich ersetzen?

Der perfekte Konsument

Steve Jobs hat eine einzigartige Stärke: Er ist der perfekte Konsument. Ein Mann, der die Musikindustrie mit dem iPod und dem iTunes-Store revolutionierte, weil er selbst Musikfetischist ist und es keine wirklich komfortable Lösung gab, Musik überall mitzunehmen. Ein Mann, der mit dem iPhone einen neuen Markt schuf, weil ihm alle Mobiltelefone dieser Welt zu kompliziert waren.

Ein Mann, dem Händler, Konkurrenten und Journalisten nachsagen, er könne ein reality distortion field erzeugen, er könne die Wirklichkeit kraft seiner Vision zu den eigenen Gunsten verformen. Immerhin schaffte es Jobs, Geschäftspartner für sich zu gewinnen, die in der Branche gemeinhin als unnahbar gelten: Große Plattenlabels, Zeitungsverlage und Fernsehsender verkaufen ihre Premium-Produkte mittlerweile in seinem iTunes-Store, zum Teil für 99 Cent das Stück.

Auch Cook bekam Jobs' reality distortion field schon zu spüren. 1998 überredete Jobs ihn, seine aussichtsreiche Stelle als Vize-Präsident der Abteilung Materialbeschaffung beim Computerhersteller Compaq hinzuschmeißen und zur damals völlig maroden Firma Apple zu wechseln. Im Gespräch mit Jobs habe er nach nur fünf Minuten den starken Wunsch verspürt, für Jobs Unternehmen zu arbeiten, sagte Cook später einmal. Was er auch tat.

Nun tritt Cook in Jobs' übergroße Fußstapfen. Und kaum jemand traut ihm zu, ähnliche Funken zu erzeugen wie der scheidende iGod. Trotzdem sehen viele Apple bei ihm in guten Händen. Denn ebenso wie Cooks Schwäche die große Vision ist, war Jobs' Achillesferse das operative Geschäft. Cooks Aufgabenbereich.

Für die kommenden Jahre hat Apple im Kreativbereich mit aktuellen Entwicklungen noch ausgesorgt. Sollte es dem Unternehmen gelingen, in dieser Zeit neue Visionäre anzuziehen, und sollte Cook sein Team weiter so brillant managen wie bisher, hat Apple gute Chancen, in der IT-Branche eines der führenden Unternehmen zu bleiben. Mit dem Produkt-Designer Jonathan Ive beschäftigt das Unternehmen bereits einen Kreativ-König des Silicon Valley. Zudem arbeiten einige der besten Ingenieure, Programmierer und Marketingspezialisten für Apple.

"Warum sind Sie eigentlich noch hier?"

Cooks Domäne, das operative Geschäft, ist für den Außenstehenden zwar trocken; für den Aufstieg Apples war sie von zentraler Bedeutung.

Im Arbeitsalltag gilt der Junggeselle und Fahrradfanatiker Cook als ähnlich treibend wie Jobs. Die ersten E-Mails schreibt er Berichten zufolge oft schon um 4.30 Uhr morgens, gern trommle er sein Team auch am Wochenende zu Telefonkonferenzen zusammen, wird kolportiert. Seine Mitarbeiter überschütte er mit Tausenden Fragen, den Grad seiner Detailverliebtheit beschrieb ein näherer Angestellter laut "Fortune" einmal so: Es sei, als säße man im Auto, und Cooks Nase klebe direkt an der Windschutzscheibe.

Legendär ist auch eine Anekdote aus Cooks Anfangszeiten bei Apple: Der Manager sitzt in einem Meeting, es geht um ein Problem in Asien. "Das ist schlimm", sagt Cook. "Jemand sollte sich direkt in China darum kümmern." Eine halbe Stunde später blickt er einem der Anwesenden ins Gesicht und fragt: "Warum sind Sie eigentlich noch hier?"

Der Legende nach stand der Mann wortlos auf, fuhr, ohne sich umzuziehen, zum San Francisco Airport und buchte einen Flug nach China. Ohne Rückflugticket.

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