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14. Februar 2011, 12:18 Uhr

Neuer IT-Hype

Tech-Investoren feiern Börsen-Boom

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Selbst Mini-Firmen sollen Milliarden wert sein, Aktienkurse schießen in die Höhe, Manager sind im Fusionsfieber: Droht der Welt die nächste Dotcom-Blase? Manches spricht dafür - trotzdem könnte es diesmal anders laufen als im Jahr 2000. Ein Überblick über die Gewinner und Verlierer des neuen IT-Hypes.

Es darf spekuliert werden. Groupon: 5,3 Milliarden Dollar. Twitter: 10 Milliarden Dollar. Facebook: 50 Milliarden Dollar. Internetfirmen werden in diesen Tagen extrem hoch bewertet - egal ob sie an der Börse notiert sind oder nicht.

Die Frage ist nur: Sind die gigantischen Summen, um die es geht, gerechtfertigt? Ist ein Unternehmen wie Facebook tatsächlich fünfundzwanzig Mal mehr wert, als es - optimistischen Schätzungen zufolge - pro Jahr umsetzt?

Der neue Hype in der IT-Branche erinnert an die Zeit des Dotcom-Booms in den späten neunziger Jahren. Damals endete die Immer-mehr-und-immer-größer-Wette im Desaster. Schätzungen zufolge hat der Crash vom 10. März 2000 die Welt fünf Billionen Dollar gekostet - so viel Aktienkapital und Unternehmenswerte sollen in den folgenden eineinhalb Jahren verbrannt worden sein. Es dauerte allerdings noch bis 2004, bis die Nachwehen gänzlich überwunden waren.

Vielen schwant darum Böses, wenn sie auf die aktuelle Wertentwicklung des Tech-Sektors sehen:

Also wieder Wahnsinn wie in den Jahren 1995 bis 2000? Oder steckt diesmal Substanz dahinter?

Klar: Es gibt auch heute Tech-Start-ups, die nicht viel mehr als einen coolen Namen in absurder SchRAIBwysE zu bieten haben, vielleicht eine Vision sowie einen kecken Chef, und deren Umsätze nicht gerade berauschend sind. Und ja, ausgerechnet Google-Noch-Chef Eric Schmidt warnt vor zu hohen Bewertungen. "Da sind klare Anzeichen einer Blase", sagte er dem Schweizer Magazin "Bilanz".

Trotzdem: 2011 ist nicht 2000. Denn die große Masse der Gründungen ist klein - und die meisten Firmen sind pragmatisch positioniert. Ihre Höhenflüge resultieren aus echten Alleinstellungsmerkmalen in boomenden Märkten. Das alles ist heute weit weniger irrational, als es zunächst erscheint.

Vom "Tal der Enttäuschung" zum "Hang der Erkenntnis"

Das auf IT-Themen spezialisierte Marktforschungsunternehmen Gartner geht davon aus, dass Erfolg im Tech-Markt etwas mit "Reife" zu tun habe. Die Marktforscher sehen die Phasen des Hyperventilierens als berechenbar zyklisch: Viele neue Produkte, Konzepte und Dienstleistungen werden demnach rituell überbewertet. Doch auf die Euphorie folge die Ernüchterung, der Einbruch - und dann, wenn die Sache das hergibt, eine Phase des normalen, stetigen, soliden Wachstums.

So niedlich wie treffend fallen die Bezeichnungen aus, die Gartner für diese Phasen fand: Auf den "technologischen Auslöser" folge der "Gipfel der aufgeblasenen Erwartungen". Abwärts gehe es danach ins "tiefe Tal der Enttäuschung", dann den "Hang der Erkenntnis" hinauf auf das "Plateau der Produktivität". Kurz: Am Anfang wird gezockt, doch am Ende wird nachhaltig Geld verdient.

Glaubt man dem Modell, sind Internet-TV, Augmented Reality und 3-D-Druckverfahren noch in der hysterischen Hechelphase, während Cloud Computing, 3-D-TV und 4-G-Mobilfunkstandards gerade vor dem Absturz stehen. E-Book-Reader befinden sich zwar noch im Sinkflug, nähern sich aber dem "Hang der Erkenntnis", könnten also doch etwas wert sein. Den Weg hinauf Richtung "Plateau der Produktivität" krauchen bereits Mobile App-Stores, Micropayment-Systeme und "Location Aware Applications" - Anwendungen, die sich auf GPS-Daten stützen und ähnliches.

Drei Wege führen zum Erfolg

Aber ist das wirklich so einfach? Nicht ganz, denn natürlich produziert der Markt jede Menge Blödsinn, der nie zum Erfolg wird. Für solche Dienste und Produkte ist der "Hang der Erkenntnis" unüberwindbar. Sie verschwinden im Orkus und tauchen nur manchmal wieder auf, um es - wie Tablet PC - im zweiten Anlauf noch einmal zu versuchen.

Gerade solche Beispiele aber zeigen, dass es noch andere Kriterien gibt, um einen möglichen Markterfolg einzuschätzen. Eine Methode dafür propagiert der Analyst Om Malik. Für ihn entscheiden sich die Chancen eines Konzepts an drei Punkten. Demnach muss ein Produkt

Klingt wie Apple, doch es ist komplexer. Malik sieht Zweckbestimmtheit, Usability und Entertainment-Wert als Felder mit Schnittmengen. Ein Produkt kann schon dann erfolgreich sein, wenn es nur eines dieser Felder abdeckt, seine Erfolgschancen steigen jedoch, wenn es sich in den Schnittmengen positioniert. Googles Suche läge demnach zwischen "Zweck" und "einfach zu handhaben". Facebook wäre deshalb erfolgreich, weil es diesem Duo noch den Faktor "Fun" hinzuaddiere - so wie Groupon oder Netflix. Der Facebook-Spieleentwickler Zynga würde von einem Mix aus Einfachheit und Spaß leben. Die meisten Börsen-Highflyer des vergangenen Jahres aber wären Anbieter von klar zweckbestimmten Produkten.

Mit anderen Worten: All die Unternehmen, denen unterstellt wird, sie seien Teil einer Blase, hätten durchaus ihre Daseinsberechtigung - ihr Kurserfolg wäre durch echte Nachfrage gedeckt.

Im Vergleich zum Dotcom-Boom der neunziger Jahre ist dies ein essentieller Unterschied. Die heutigen Start-ups sind deutlich pragmatischer als die der letzten Generation: Nichts läuft mehr ohne Strategie und Ziel. Nutzwertorientierung steht im Vordergrund, vor dem Investment steht die Geld- und Sinnfrage. Und wenn die noch so einfach ausfällt: Bei Facebook gibt es Huckepack-Fahrer wie Zynga, die angeblich sogar mehr Profit machen als die Plattform, die sie nutzen.

Was soll da platzen?

Es gibt also mehr solide Modelle als früher - und weniger mit Risikokapital überfütterte, rein experimentelle Start-ups. Das unterscheidet den Hype vom Boom, die hirnlose Hausse vom berechnenden Kalkül: Wenn es jetzt zum Crash käme, ließen Firmen Federn, für deren Dienste es tatsächlich Nachfrage gibt. Das schützt nicht vor eventuellen Einbrüchen, erhöht aber die Überlebenschancen.

Natürlich sind Firmen wie Facebook, Twitter oder Groupon sehr hoch bewertet. Sie sind dies aber nicht voraussetzungslos: Sie haben Geschäftsmodelle, die nachvollziehbar sind, und können Marktdaten vorweisen, die ihren Erfolg - zumindest mittelfristig - plausibel erscheinen lassen. Facebook mit 50 Milliarden Dollar zu bewerten ist Spekulation, also eine Wette auf die Zukunft: Man traut der Firma zu, ihren Kundenstamm von angeblich 600 Millionen Menschen weiter auszubauen und diese astronomischen Zahlen irgendwann in Gewinne umzumünzen.

Konservativ gedacht bewegt sich auch der Kurs von Apple auf hohem Niveau. Wo aber auch sonst? Anfang Januar stieg der Börsenwert der Firma auf über 300 Milliarden Dollar. Apple machte im vergangenen Jahr 65 Milliarden Dollar Umsatz und 14 Milliarden Profit. Die Bewertung fällt im Vergleich zu den Umsatzzahlen also hoch aus. Doch die Umsatz- und Gewinnsteigerungen der Firma sind beispiellos; ihre Geschäftsmodelle verschieben sich hin zu Provisionseinkünften, bei denen Apple auch noch an der Kreativität anderer mitverdient (iTunes, App-Store).

Hinzu kommt: Die Apple-Kundschaft ist so sozialisiert, dass die Firma ihr ganz eigenes Preisniveau definieren kann - 30 Prozent Apple-Aufschlag auf jeden Hardware-Preis sind nicht Standard, sondern vom Kunden akzeptiertes Minimum. Deren Zahl steigt trotzdem rapide. Was soll da platzen?

Im Crash von 2000 verloren Unternehmen hypothetische Werte, obwohl sie real gar keine besaßen. Das ist heute anders: Natürlich dauert kein Boom ewig. Aber eine Blase ist der Tech Boom 2011 nicht. Es ist wie mit Gartners Hype Cycle: Über-Euphorie mag zu Ernüchterung führen - aber ernüchtert beginnt dann auch das solide Geschäft.

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