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23. September 2010, 06:37 Uhr

Neuer Lufthansa-Chef Franz

Talentprobe für einen Fast-Gescheiterten

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Es gibt nur wenige Spitzenmanager, die nach einem spektakulären Rauswurf noch einmal die Kurve kriegen. Christoph Franz ist das Kunststück gelungen: Als Bahn-Vorstand mit Schimpf und Schande davongejagt, rückt er jetzt an die Spitze der Lufthansa.

Berlin - Gradlinig, nüchtern, unprätentiös - wenn Wegbegleiter Christoph Franz beschreiben sollen, fallen diese Vokabeln am häufigsten. Bei der Bahn, wo er einst den Personenverkehr verantwortete, trauern ihm viele noch heute nach. Und das, obwohl sein unrühmlicher Abschied schon mehr als sieben Jahre zurückliegt.

Auch unter den Mitarbeitern der Schweizer Fluglinie Swiss, die inzwischen zum Imperium der Lufthansa gehört, genießt Franz hohes Ansehen - trotz der Zumutungen, die sie unter seiner Ägide hinnehmen mussten. "Seine Leute auf einem schwierigem Weg bei der Stange zu halten, das zeichnet einen wirklich guten Manager aus", sagt ein Analyst.

Fachlich ist Franz ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Der promovierte Wirtschaftsingenieur gilt als hochintelligenter und präziser Analytiker, der Zahlen und ihren Rahmenbedingungen einen höheren Stellenwert einräumt als Traditionen. Dass er beim Alte-Zöpfe-Abschneiden auf viele Widerstände stößt, hat ihn bislang noch selten angefochten. Statt mit Charme überzeugt er sein Gegenüber lieber mit Argumenten.

Jetzt hat Franz Gelegenheit, all seine Talente unter Beweis zu stellen: Der bisherige zweite Mann bei der Lufthansa rückt zum 1. Januar an die Spitze des Konzerns auf. Franz wird Nachfolger von Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber. Sein Vertrag läuft zunächst bis Ende Mai 2014.

Die Lufthansa kann einen wie Franz an ihrer Spitze gut gebrauchen - davon sind viele überzeugt, die das Unternehmen genauer kennen. Zwar ist die Fluglinie wie kaum eine andere in den vergangenen Jahren gewachsen. Gemeinsam mit den Neuerwerbungen Swiss, Brussels, British Midland und Austrian Airlines beförderte Lufthansa 2009 mehr als 76 Millionen Passagiere und setzte 22,3 Milliarden Euro um. Trotzdem waren die Kosten höher als die Einnahmen.

Antwort auf Billigflieger nötig

Nach offizieller Lesart gelten die Folgen der Finanzkrise als Ursache für die roten Zahlen. Auch die Integration und Sanierung der neuen Tochtergesellschaften habe hohe Kosten verursacht, heißt es. Franz dagegen hält eine ganz andere, viel unbequemere Wahrheit für die triste Bilanz parat: Die Konkurrenz der Billigflieger, auf die die Lufthansa bis heute noch nicht die richtige Antwort gefunden hat.

Vieles spricht dafür, dass Franz Recht hat. Die Lufthansa-Kunden erwarten weiterhin den gewohnten Service, sind aber nicht länger bereit, den happigen Aufpreis gegenüber einem Air-Berlin-Ticket zu bezahlen, jedenfalls nicht auf Kurzstrecken. Die Flughäfen Düsseldorf oder Nürnberg, einst klar von Lufthansa dominiert, wickeln längst mehr Starts und Landungen von der Konkurrenz ab. Auf einigen innerdeutschen Routen ist der Marktanteil der Lufthansa inzwischen auf unter 15 Prozent gesunken. Das Problem muss gelöst werden, und zwar schnell - darüber herrscht in der Konzernzentrale Konsens.

Es gibt natürlich auch diejenigen, die überzeugt sind, Franz sei in dieser Situation genau der Falsche. Weil er das unweigerliche Spardiktat allzu einseitig in den Vordergrund stellen oder zu wenig Rücksicht auf die Befindlichkeiten der stolzen Lufthanseaten nehmen könnte, lautet der Einwand. Er sei eben einer, der in der Lufthansa immer ein wenig außen vor geblieben sei, erklärt ein Branchenkenner.

Dabei hatte Franz 1990 nach seiner Studium in Darmstadt, Lyon und Berkley seine Karriere als Trainee bei der Lufthansa begonnen. Schon ein Jahr später hatte der damalige Lufthansa-Chef Jürgen Weber das Potential des jungen Wirtschaftsingenieurs erkannt und ihn in eine Expertenrunde berufen, die Strategien entwickeln sollte, um die Fluglinie aus der Krise zu führen. Doch nach drei Jahren genügt das dem ehrgeizigen Manager nicht mehr. Die Karriereaussichten bei der Deutschen Bahn erscheinen verlockender.

Franz wechselt nach Berlin und beginnt seinen schier unaufhaltsamen Aufstieg bis zum Vorstand Personenverkehr, dem wichtigsten Ressort der Bahn. Den Posten ist er jedoch los, als der Proteststurm gegen ein neues Preissystem losbricht, das Franz entworfen hat. Es ähnelt der Preisfindung in der Fliegerei: Wer lange im Voraus bucht, erhält hohe Rabatte, spontan Reisen wird viel teurer. Als massive Preiserhöhung empfinden Vielfahrer aber den geplanten Wegfall der BahnCard.

Viele wollen die Krise nicht wahrhaben

Sachliche Argumente zählen in dieser Situation nicht mehr. Mehdorn, der das Preissystem zuerst mitgetragen hatte, lässt Franz für die missglückte Revolution büßen. Der damals 43-jährige Top-Manager steht plötzlich vor dem Ende seiner Karriere.

Seine zweite Chance erhält er ein Jahr später, als ein Sanierer für die notleidende Swiss gesucht wird. Doch auch hier bleibt Franz sich treu. Er schenkt den Swiss-Leuten sofort reinen Wein ein. Den notwendigen Stellenabbau gestaltet er zwar sozial verträglich, aber er lässt sich nicht davon abbringen. Er fordert ein radikales Umdenken bei der Arbeit, aber knechtet die Mitarbeiter nicht.

Die Kritiker zweifeln trotzdem: Sie glauben nicht, dass sich das Erfolgsrezept so einfach auf die Lufthansa übertragen lässt. Was womöglich damit zusammenhängt, dass viele nicht wahrhaben wollen, dass der Lufthansa eine echte Rosskur bevorsteht. Immerhin muss die Fluglinie bei einigen Positionen mit um bis zu 80 Prozent höheren Kosten rechnen wie die Mitbewerber.

Dass Franz deshalb nahtlos an den Kurs seines Vorgängers Wolfgang Mayrhuber anknüpft, davon dürfte auch sein Mentor und Aufsichtsratschef Weber nicht ausgehen. Im Gegenteil: Viele Neuerungen werden kaum anders als Kritik an dem bisher eingeschlagenen Kurs zu begreifen sein.

Es spricht für Weber, dass er trotz des zu erwartenden Ärgers auf einen schnellen Wechsel an der Konzernspitze drängte. Franz wird den beliebten Mayrhuber deshalb schon zum Ende des Jahres folgen und nicht - wie zunächst geplant - Ende 2011.

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