Neues von der Krise Spiel nicht mit den Schmuddelbonds

Die einen glauben, dass wir die Kurve kriegen, andere erwarten über Monate "jedes Wochenende Krisensitzung": Die jüngsten Kursabstürze sorgen unter Ökonomen für höchst unterschiedliche Prophezeiungen. Ein Überblick.

Demonstration vor dem Kanzleramt: Ist Merkel an allem Schuld?
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Demonstration vor dem Kanzleramt: Ist Merkel an allem Schuld?


Hamburg - Das soll ja vorkommen: Man hat ein paar Tage weder Zeitung noch Internet gelesen, kein Radio gehört und nicht einmal Fernsehen geschaut. Weil man im Urlaub war, zum Beispiel. Oder einfach keine Lust mehr hatte auf Dauerkrise.

In der Zeit ist aber einiges passiert. Die Aktienkurse gingen ein weiteres Mal auf Talfahrt, der Dax verzeichnete die schwersten Tagesverluste seit drei Jahren. Einstige Tabuthemen waren plötzlich Tagesgespräch: Eine gemeinsame Wirtschaftsregierung der Euro-Staaten oder gar das Ende der Währungsunion.

Spätestens seitdem die Aktienmärkten zeitweise verrückt spielen, lautet die große, bange Frage: Kommt die Krise zurück, droht gar ein neuer Crash? Also vereinfacht gesagt: Wird alles noch viel schlimmer?

Wie unterschiedlich Ökonomen diese Frage beantworten, zeigten gerade der Wirtschaftsweise Peter Bofinger und der Krisenprophet Max Otte (Autor von "Der Crash kommt") in einem Streitgespräch für die "Süddeutsche Zeitung". Bofinger hält es für möglich, "dass wir noch ein paar abenteuerliche Situationen erleben - aber am Ende wird wohl die Politik die Kurve kriegen". Ganz anders Otte: "Mit dem Euro richten wir mehr Schaden als Nutzen an. Auf Dauer bricht das zusammen."

Mancher scheint den Euro-Kollaps geradezu herbeizusehnen. "Bringt die D-Mark zurück", forderte schon kurz nach Beginn der Börsenturbulenzen ein Kolumnist des "Wall Street Journal". Vorerst überwiegt aber die Zahl der Experten, die den ganz großen Zusammenbruch ausschließen. Der Wirtschaftsweise Lars Feld - durchaus ein scharfer Kritiker hoher Staatsverschuldung - sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", er mache sich "wenig Sorgen, dass wir vor einer neuen Finanz- und Wirtschaftskrise stehen". Trotz hoher Schulden und schwächelnder Konjunktur müssten wir "keine große Rezession befürchten".

Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Euro-Krise


Also aufatmen? Nein, glaubt Norbert Walter. Der frühere Chef-Volkswirt der Deutschen Bank Chart zeigenprophezeite im ZDF: "Wir müssen uns als Bürger und als Märkte darauf einstellen, dass wir jetzt eigentlich für die nächsten Monate jedes Wochenende Krisensitzung haben."

Das klingt dann schon wieder ziemlich anstrengend, vor allem natürlich für Europas Politiker. Die haben schon so viele Rettungspakete gepackt, diverse Rettungsschirme aufgespannt - und wollten eigentlich endlich Ihren Sommerurlaub genießen. Aber nix da, schon ruft der Markt wieder um Hilfe - zum Beispiel mit der Stimme von George Soros.

Gut, dass wir nicht drüber reden

Die US-Spekulantenlegende gab zunächst im "Handelsblatt" Angela Merkel die Hauptschuld an der aktuellen Krise, weil sie nicht die EU als Ganzes für Pleitestaaten bürgen lassen wollte. Kurz darauf bürdete Soros im SPIEGEL-Interview der Bundeskanzlerin dann auch noch die gesamte Verantwortung für die Zukunft des Euro auf. Diese hänge "ganz allein von Deutschland ab". Die Bundesregierung müsse dafür sorgen, dass sich die EU-Staaten weitgehend zu gleichen Bedingungen finanzieren könnten. "Deswegen braucht es auch dieses schmutzige Wort: Euro-Bonds."

Ein schmutziges Wort fürwahr. Vielen in der schwarz-gelben Koalition ist die Idee, dass sich alle Euro-Staaten gemeinsam Geld leihen könnten, höchst suspekt. Ganz unverständlich ist das nicht, schließlich hatten schon die sinkenden Zinssätze im Vorfeld der Euro-Einführung die heutigen Schuldenländer zum allzu sorglosen Geldausgeben motiviert.

Überraschend war es dennoch, dass Angela Merkel bei ihrem jüngsten Treffen mit Nicolas Sarkozy nicht einmal über die Schmuddelbonds reden wollte. Und dass Regierungssprecher und Ex-Journalist Steffen Seibert diese Nicht-Nachricht sogar vorab verkünden musste: "Wir werden das Thema nicht ansprechen und haben auch keine Hinweise, dass die französische Seite dies vorhat." Am Ende sprachen sie doch drüber.

Schützenhilfe für die Euro-Bonds-Gegner gab es vom Münchner Ifo-Institut. Das bezifferte die möglichen Mehrkosten der Gemeinschaftsanleihen für Deutschland mit 47 Milliarden Euro. Ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen bezeichnete die Bonds in der "Welt am Sonntag" als "hanebüchene Idee".

"Propaganda gegen den Euro"

Solch markige Worte ließ die Gegenseite nicht unerwidert: Ifo-Chef Hans-Werner Sinn betreibe "ganz offensichtlich Propaganda gegen den Euro", wetterte Ökonom und Vizechefredakteur Robert von Heusinger in der "Frankfurter Rundschau". Gehe man vom Vorkrisenniveau aus, so seien höchstens Mehrkosten von zwei Milliarden zu erwarten. Ähnlich sahen es die Ökonomen Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft und Torsten Niechoj vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Mehrkosten von maximal zehn Milliarden Euro seien zu erwarten, zitierte sie die "Financial Times Deutschland".

Merkel und Sarkozy wollten dennoch nichts von Euro-Bonds wissen. Stattdessen präsentierten sie das Konzept einer - Trommelwirbel - europäischen Wirtschaftsregierung. Moment, dachte man da, gibt es die Idee nicht schon länger? Doch, bestätigte im ZDF Thomas Straubhaar, Chef des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts: Die Idee sei "weder neu, noch in diesem Falle zielführend".

Aber vielleicht sollte sie das auch gar nicht sein. Die FDP jedenfalls betonte sogleich, die Wirtschaftsregierung solle sich keinesfalls um "Detailsteuerung" kümmern. Und für das ebenfalls nicht ganz neue Konzept einer Transaktionssteuer, so ein hörbar erleichterter Wirtschaftsminister Philipp Rösler im NDR, sei "zunächst einmal erst ein Arbeitsauftrag gegeben worden". Was in der EU bekanntermaßen selten zu Blitzentscheidungen führt.

Doch Merkel und Sarkozy sprachen sich ja auch noch für Schuldenbremsen in allen EU-Ländern aus - eine Forderung, die zuvor bereits der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, auf SPIEGEL ONLINE erhoben hatte. Alle sollen also künftig so wie Deutschland sparen - auch wenn wir hierzulande strenggenommen gerade selbst erst mit dem Schuldenbremsen angefangen haben.

Auch die Schuldenbremse muss freilich erst noch von den Parlamenten sämtlicher Euro-Länder abgenickt werden. Ob die unberechenbaren Märkte so lange zumindest halbwegs ruhig bleiben können? Falls nicht, wird Rudolf Hickel jedenfalls keine Gefühlsduseleien zu den Kurstürzen äußern. "Ich kann es nicht mehr hören, dass die Börsen hysterisch, sensibel oder gar bescheuert seien", wütete der Direktor des Bremer Instituts Arbeit und Wirtschaft in der "tageszeitung". Die Börse habe schlicht "rationale Gründe, die sie aber irrational übertreibt".

dab

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kdshp 19.08.2011
1. Börsen
Zitat von sysopDie einen glauben, dass wir die Kurve kriegen, andere*erwarten*über Monate "jedes Wochenende Krisensitzung": Die jüngsten*Kursabstürze sorgen unter Ökonomen für*höchst unterschiedliche Prophezeiungen.*Ein Überblick. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,781075,00.html
Hallo, das ist mal ein wort das mit "Prophezeiungen". Was anderes geht bei dem ganzen globalen finazchaos ja gar nicht mehr.
weltbetrachter 19.08.2011
2. Gerede von gestern
Das ist doch alles Gerede von gestern und hat sich schon überholt. Die Realität ist bereits einige Schritte weiter. U.a zur Pfandgestellung von Griechenland für Finnland. . Hab ich da eigentlich was verpaßt oder hat SPON noch gar nicht über die Verabredung von Finnland und Griechenland zur Pfandgewährung für EURO-Hilfen berichtet. . Auf andenen Seiten ist das Thema Nr. 1 seit einigen Tagen.
JaguarCat 19.08.2011
3. Schwarzmalerei ...
Das Hauptproblem der aktuellen Situation ist die Inflation von Wörtern wie "Krise", "retten", "Bankrott", "Infarkt" usw. usf. Kam es wegen der aktuellen angeblichen "Krise" in Deutschland zu Hungersnot oder Wohnungsnot oder Vesorgungsmangel mit Brennstoffen für die Heizung? Nein! Musste dann wegen der aktuellen angeblichen "Krise" irgendjemand für längere Zeit auf Mobilität oder Telekommunikation verzichten? Waren ganze Orte von der Außenwelt abgeschnitten? Nein! Im Vergleich zu der Weltwirtschaftskrise ab 1929 ist die aktuelle Krise vor allem eine Krise in den Köpfen. Weil die meisten weder Krieg noch Krise erlebt haben, wird schon die Angst, man könnte das sorgsam ersparte Geld ganz oder teilweise verlieren, zu einer "Krise" hochstilisiert. In der Folge meändern die Anlegerscharen, nicht wissend, wie sie ihr Guthaben retten können, durch die Finanzwelt und schaffen einen Extremzustand nach dem Anderen: Griechenland, Irland, Portugal, Italien, Spanien auf der einen Seite, die Schweiz auf der anderen Seite und keiner von beiden ist damit glücklich, weil zum Beispiel die Aufwertung des Franken den Schweizern viele Probleme bringt. Die einfache Lösung: Sondervermögenssteuer von z.B. 10% auf ALLES Barvermögen und geldwerte Güter (Aktien, Goldbarren, Anleihen etc. pp.). Die Staaten gesunden damit ihre Finanzen etwas, die Investoren haben weniger Spielgeld, und die "Reichen" stehen vor der Wahl, ihr Geld für Sachwerte auszugeben (und damit die Wirtschaft anzukurbeln) oder eben die Vermögenssteuer zum Stichtag zu bezahlen. Jag
frunabulax 19.08.2011
4. .
Hokuspokus. Das Lesen in den Eingeweiden von Schlachttieren bringt eine genauso hohe Trefferquote. Unglaublich das Publikum überall an exponierter Stelle mit diesen Quacksalbereien zu belästigen.
jonimuc 19.08.2011
5. Expertenschätzungen...
Zitat von sysopDie einen glauben, dass wir die Kurve kriegen, andere*erwarten*über Monate "jedes Wochenende Krisensitzung": Die jüngsten*Kursabstürze sorgen unter Ökonomen für*höchst unterschiedliche Prophezeiungen.*Ein Überblick. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,781075,00.html
Man kann es kaum noch hören und schon gar nicht mehr verstehen. Da schätzen renommierte Ökonomen die Folgekosten von Eurobonds zwischen 2 Mia. und 47 Mia. ein. Wenn man als Ökonom keine Ahnung hat, wie sich Eurobonds wirklich auswirken würden, warum nicht einfach mal die Klappe halten, oder zugeben, dass sich die Kosten für Deutschland einfach nicht errechnen lassen? Ohne Eurobonds, das scheinen ja alle gleich einzuschätzen, wird es den Euro mittelfristig nicht mehr geben. Mit Eurobonds, wird es auch für die starken Staaten nicht einfach sein, das Schuldendesaster, das von den Banken angerichtet und von den Staaten übernommen wurde, zu bereinigen. Es bleibt also spannend, so oder so!
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