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24. Mai 2012, 07:42 Uhr

Probleme mit Nasdaq

Facebook prüft Wechsel zu anderer Börse

Der Börsenstart an der Nasdaq war chaotisch, nun wirbt die Konkurrenz um Facebook: Laut US-Zeitungen will die New York Stock Exchange die Aktie des sozialen Netzwerks handeln. Facebook prüft das Angebot - ausgerechnet eine Online-Firma würde dann dem computergestützten Handel abschwören.

San Francisco - Der verpatzte Facebook-Börsengang hat ein Nachspiel für die Technologiebörse Nasdaq : Gerade vier Tage ist die Facebook-Aktie im Handel, schon hat offenbar die Konkurrenz begonnen, das soziale Netzwerk zu umwerben. Die New York Stock Exchange (NYSE) habe Facebook-Vertretern E-Mails geschickt, berichtet das "Wall Street Journal". In diesen habe die NYSE angeboten, künftig den Handel der Facebook-Aktie zu übernehmen.

Einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge will die NYSE Facebook vollständig von der Nasdaq abwerben. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters prüft Facebook das Angebot.

Ein Facebook-Sprecher lehnte eine Stellungnahme ab. Die NYSE dementierte die Berichte und erklärte, Gespräche dieser Art seien zu diesem Zeitpunkt unangemessen. Vertreter der Nasdaq äußerten sich nicht.

Die Berichte über das Angebot sind dennoch bemerkenswert: Ausgerechnet eine Firma, die wie kaum eine andere für Computerisierung und Internet steht, soll zu einer Börse wechseln, die noch einen Parketthandel besitzt, an der teils noch Menschen die Order entgegennehmen. Ausgerechnet die traditionsreiche NYSE bekommt im Wettbewerb um die Facebook-Aktie eine zweite Chance, weil die Rechner der Technologiebörse Nasdaq versagten.

Verkäufer forderten niedrigeren Preis, als Käufer zu zahlen bereit waren

Bei der Technologiebörse Nasdaq wickeln ausschließlich Computer die Aktienkäufe ab. Das sagt schon ihr Name: Nasdaq ist ein Akronym für National Association of Securities Dealers Automated Quotations. Ausgerechnet beim größten IT-Börsengang der Geschichte kam es zu Systemfehlern. Die Software hängte sich auf.

"Buy"- und "Sell"-Order seien nicht erfüllt und Stornierungen seien ignoriert worden, zitierten das "Wall Street Journal" und die "New York Times" anonyme Trader. Sprich: Händler tappten im Dunkeln, zum Teil über Stunden. Die Börse sah sich gezwungen, auf manuelle Transaktionen umzusteigen. Einige Händler seien schließlich ausgestiegen, weil sie nicht genau gewusst hätten, was sie gekauft oder verkauft hätten, hieß es.

Die spätere Datenanalyse zeigte, dass es dank der Funkstille vorübergehend sogar einen bizarren "crossed market" gab: Die Verkäufer schienen einen niedrigeren Preis zu fordern, als die Käufer zu zahlen bereit waren. Zeitweise war die Aktie offenbar sowohl für 38 Dollar zu haben, den Einstiegspreis, wie auch für 42 Dollar, fast den Höchstwert - und das zur gleichen Zeit.

Der Börsengang von Facebook stand damit von Anfang an unter keinem guten Stern. Am Montag und Dienstag war die Aktie um 18 Prozent gegenüber dem Ausgabekurs von 38 Dollar eingebrochen. Erst am Mittwoch stoppte der freie Fall, bei Börsenschluss stand das Papier bei 32 Dollar.

Es ist durchaus üblich, dass Unternehmen ihren Börsenplatz wechseln. NYSE und Nasdaq verlangen etwa unterschiedliche Gebühren und bieten unterschiedliche Leistungen an. Allerdings wäre ein Wechsel nach so kurzer Zeit ein Novum.

Anleger klagen wegen Börsengang

Der Facebook-Börsengang hat auch ein rechtliches Nachspiel. Mehrere Anwaltskanzleien haben inzwischen Sammelklagen eingereicht - gegen das Unternehmen und die Großbanken Morgan Stanley, JPMorgan Chase und Goldman Sachs, die den Börsengang organisiert haben.

Sie werfen Facebook vor, die Börsenunterlagen schlampig zusammengestellt und wichtige Informationen verschwiegen zu haben. Insbesondere monieren die Anwälte, dass die beteiligten Banken kurz vor dem Börsengang ihre Gewinnprognosen für Facebook gesenkt hätten. Ausgewählte Großanleger seien darüber informiert worden, Kleinanleger nicht.

Große Investmentfonds wie Capital Research and Management wurden laut "Wall Street Journal" gewarnt und reduzierten ihre Aktienkäufe deutlich. Kleinanleger dagegen sitzen nun auf hohen Verlusten.

ssu/dpa/Reuters

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