Niedrige Zinsen, unzufriedene Kunden Der schleichende Tod der Lebensversicherung

Millionen Menschen sorgen mit Lebensversicherungen fürs Alter vor, doch die Lieblingsanlageform der Deutschen ist in Verruf geraten. Die Zinsen sinken, die Kosten bleiben hoch. Die Politik hilft vor allem den Konzernen - und lässt die Kunden im Stich.
Euro-Scheine: Garantieverzinsung sinkt

Euro-Scheine: Garantieverzinsung sinkt

Foto: DPA

Hamburg - Am vergangenen Mittwoch war es mal wieder so weit: 3,2 Milliarden Euro lieh sich die Finanzagentur des Bundes am Kapitalmarkt - für fünf Jahre. Die Zinsen, die der Staat den Anlegern dafür jährlich zahlt, sind verschwindend gering: Bei den jüngst versteigerten Anleihen waren es gerade einmal 0,42 Prozent. Das ist historisch niedrig. Vor wenigen Jahren brachten solche Papiere noch rund vier Prozent Rendite.

Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) kann das freuen. Schuldenmachen ist für ihn deutlich billiger geworden. Die Leidtragenden der Entwicklung sind unter anderem die Lebensversicherer. Sie sind die klassischen Käufer solcher Anleihen. Die Unternehmen legen darin das Geld ihrer Kunden an, denen sie teilweise hohe Renditen versprochen haben. Doch die Minizinsen der sicheren Staatsanleihen machen es immer schwerer, diese Renditeversprechen zu erfüllen.

Laut einem Schreiben an den Finanzausschuss des Bundestags warnen die Experten des Bundesfinanzministeriums vor den Folgen einer dauerhaften Niedrigzinsphase. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Unternehmen künftig in Schwierigkeiten gerieten, heißt es darin.

Um den Versicherern zu helfen, beschloss der Bundestag am Donnerstagabend einige Erleichterungen. Unter anderem müssen die Versicherer sogenannte Bewertungsreserven in geringerem Umfang als bisher an die Kunden auszahlen. Diese Reserven entstehen etwa, wenn sich der Kurs von Anleihen im Portfolio des Versicherers erhöht. Bisher mussten die Kunden an den Kursgewinnen beteiligt werden. Dies wird nun eingeschränkt

Ob so viel Hilfe überhaupt nötig ist, ist umstritten. Die Branche selbst will von einer drohenden Schieflage jedenfalls nichts wissen. "Die deutsche Lebensversicherung ist sicher", teilte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) mit. Es bestehe kein Grund zum Alarmismus. Tatsächlich spricht vieles dafür, dass die meisten Lebensversicherer nicht vor dem unmittelbaren Infarkt stehen. Wenn überhaupt, dann droht ihnen in den kommenden Jahren eher ein schleichender Tod.

Die Verzinsung sinkt immer weiter

Dass sich 2012 mit Lebensversicherungen immer noch Geld verdienen lässt, zeigte am Freitag die Allianz  : Der Konzern verdiente im abgelaufenen dritten Quartal in der Lebens- und Krankenversicherungssparte operativ mehr als 800 Millionen Euro - fast 60 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Experten wie der Grünen-Finanzpolitiker Gerhard Schick sehen deshalb nicht ein, warum die Bundesregierung allen Versicherern pauschal das Geschäft erleichtert. Er will für die Hilfe zumindest eine Gegenleistung sehen - und zwar im Sinne der Verbraucher. Denn während die Politik den Unternehmen zur Seite springt, müssen die Kunden bisher alleine damit klar kommen, dass ihre fest eingeplante Altervorsorge dahin schmilzt.

Seit Jahren sinkt die sogenannte Garantieverzinsung, also die jährliche Rendite, mit der die Versicherten sicher rechnen können. Die Höchstgrenze für diesen Zins wird vom Bundesfinanzministerium festgelegt: Im Jahr 2000 lag sie noch bei vier Prozent, mittlerweile ist sie auf 1,75 Prozent gesunken - und liegt damit unterhalb der aktuellen Inflationsrate.

Hauptgrund dafür ist die Niedrigzinspolitik der Notenbanken. Um die Finanzkrise zu lindern und die Wirtschaft anzukurbeln, haben sie weltweit die Leitzinsen, zu denen sich die Banken Geld bei der Zentralbank leihen können, immer weiter gesenkt - und damit das Zinsniveau in der gesamten Volkswirtschaft gedrückt. Doch damit allein lässt sich der Niedergang der Lebensversicherung nicht erklären.

Das Thema betrifft Millionen Menschen in Deutschland: 280 Milliarden Euro haben sie in 93 Millionen Lebensversicherungsverträgen angelegt - allerdings ist die Zahl rückläufig. Das Produkt hat in den vergangenen Jahren erheblich an Attraktivität verloren.

Einen schweren Schlag bekam die Anlageform bereits Ende 2004. Bis dahin galt das sogenannte Steuerprivileg: Erträge aus Lebensversicherungen mit einer Laufzeit von mindestens zwölf Jahren waren steuerfrei. Heute muss die Hälfte des Geldes versteuert werden.

"Seit dem Wegfall des Steuerprivilegs ist eine Kapitallebensversicherung nur noch bedingt interessant", sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Durch die niedrige Verzinsung hat sich die Lage noch einmal verschlechtert. "Im Moment raten wir gar nicht mehr zu solchen Verträgen."

"Es gibt kaum ein intransparenteres Produkt"

Ein Problem der Lebensversicherung sind die langen Laufzeiten. Sie schrecken viele Kunden ab. Wer weiß schon, ob er in 20 Jahren noch die gleichen Beiträge leisten kann wie heute.

Doch das ist längst nicht alles. Experten monieren vor allem die hohen Kosten und die mangelnde Transparenz der Versicherungen. "Sie können als Kunde nicht nachvollziehen, was Sie letztendlich rausbekommen", sagt Grünen-Finanzexperte Schick. Er fordert mehr Klarheit in den Verträgen.

Das sieht auch Verbraucherschützer Nauhauser so. "Es gibt kaum ein intransparenteres Produkt als eine Lebensversicherung", sagt er. Die genaue Anlagestrategie der Versicherer bleibe weitgehend im Dunkeln. Und die Höhe des sogenannten Garantiezinses stehe gar nicht erst im Vertrag. Der Kunde müsse sich ihn mühsam selbst ausrechnen.

Auch die Überschussbeteiligung, mit der die Anbieter die Kunden locken, ist laut Nauhauser mit Vorsicht zu genießen. "Die Zahlen täuschen", warnt der Verbraucherschützer. "Nach Abzug von Provisionen und Verwaltungskosten bleibt viel weniger übrig."

Kunden mit besonders ungünstigen Verträgen rät Nauhauser sogar zur Kündigung. Auch wenn das erst einmal Verluste bedeutet - wer das Geld aus dem Rückkauf der Versicherung gut anlegt, steht am Ende womöglich besser da als mit dem alten Vertrag.

Als Alternativen empfiehlt der Verbraucherschützer zum Beispiel Rentenfonds - aber auch Festgeld oder Sparbriefe. Wichtig sei, dass Anleger auf eine gute Streuung ihrer Altervorsorge achteten. Neben Rentenversicherungen oder Sparverträgen sollten auch Sachwerte dazugehören, zum Beispiel Aktien oder offene Immobilienfonds.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.