Lieferengpässe Niedrigwasser im Rhein steigert die Rezessionsgefahr

Wegen des niedrigen Wasserstandes stockt auf Deutschlands wichtigster Wasserstraße der Güterverkehr. Ökonomen warnen: Das Bruttoinlandsprodukt könnte deshalb niedriger ausfallen.
Sandbank in Duisburg: Der niedrige Wasserstand wird für die Wirtschaft zum Problem

Sandbank in Duisburg: Der niedrige Wasserstand wird für die Wirtschaft zum Problem

Foto: Jochen Tack / IMAGO

Schon jetzt machen hohe Energiepreise und fehlende Waren der deutschen Wirtschaft schwer zu schaffen – nun könnte das Niedrigwasser die Situation noch verschärfen. Die niedrigen Pegelstände am Rhein – der wichtigsten deutschen Wasserstraße – machen Ökonomen zufolge eine Rezession der bereits schwächelnden Wirtschaft noch wahrscheinlicher.

»Wir erwarten ohnehin, dass die deutsche Wirtschaft ab dem dritten Quartal in eine leichte Rezession fällt und das Wachstum 2022 nur noch 1,2 Prozent betragen sollte«, sagte der Deutschland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Stefan Schneider, der Nachrichtenagentur Reuters. »Falls die Wasserstände weiter sinken, könnte das Wachstum auch knapp unter ein Prozent sinken«, warnte Schneider.

Aufgrund der angespannten Energiesituation sei diesmal der eingeschränkte Kohletransport für die Kraftwerke entlang des Rheins wohl das größte Problem. Höhere Transportkosten dürften zusätzlichen Aufwärtsdruck bei den Erzeugerpreisen der betroffenen Güter verursachen.

Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) sieht das Risiko ähnlich: »Man macht vielleicht keinen Fehler, wenn man zum jetzigen Stand vermutet, dass das Bruttoinlandsprodukt durch das Niedrigwasser um einen viertel bis einen halben Prozentpunkt belastet wird«, sagte LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch. Die Situation sei diesmal gefährlicher als beim Niedrigwasser 2018, »weil die Versorgungslage ohnehin angespannt ist und vor allem auch die Kohlekraftwerke stärker betreffen dürfte, die für die Stromerzeugung von herausragender Bedeutung sind«.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) sieht für die deutsche Industrie ebenfalls weiteres Ungemach aufziehen. »Seit Mitte Juli sind die Pegelstände im Rhein so niedrig, dass sie den Frachtverkehr spürbar beeinträchtigen«, sagte IfW-Ökonom Nils Jannsen. »In der Vergangenheit ist die Industrieproduktion um etwa ein Prozent gedrückt worden, wenn die Pegelstände eine kritische Marke für einen Zeitraum von 30 Tagen unterschritten haben.« Im Jahr 2018, als die Schifffahrt auf dem Rhein zuletzt für längere Zeit durch Niedrigwasser behindert wurde, sei die Industrieproduktion in der Spitze um etwa 1,5 Prozent gedrückt worden.

Der Rhein ist ein wichtiger Schifffahrtsweg für Rohstoffe wie Getreide, Chemikalien, Mineralien, Kohle und Ölprodukte wie Heizöl. Unternehmen beobachten die Pegelstände genau. Der Wasserstand auf dem Rhein ist zuletzt wegen des heißen Sommerwetters und ausbleibender Regenfälle weiter gesunken.

Besonders niedrig ist der Wasserstand an der Engstelle Kaub bei Koblenz: Der Referenzwasserstand liegt bei nur noch 52 Zentimetern. Schiffe brauchen aber etwa 1,5 Meter, um voll beladen fahren zu können. »Wir fahren weiter, können aber nur etwa 25 bis 35 Prozent der Schiffskapazität beladen«, sagte kürzlich der Direktor der Schifffahrtsgenossenschaft DTG, Roberto Spranzi, die rund 100 Schiffe auf dem Rhein betreibt. »Das bedeutet, dass Kunden oft drei Schiffe benötigen, um ihre Fracht zu transportieren – statt nur einem.«

mic/Reuters
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