Insolvente Air-Berlin-Tochter Chancen für Niki-Rettung steigen

Für die Rettung der Fluglinie Niki ist mehr Zeit als gedacht. Nach SPIEGEL-Informationen darf die insolvente Air-Berlin-Tochter ihre Start- und Landerechte vorerst behalten.
Niki-Maschine

Niki-Maschine

Foto: Adam Berry/ Getty Images

"Air Berlin" steht in meterhohen Lettern auf dem Airbus, der seit Tagen auf dem Vorfeld des Flughafens Wien-Schwechat parkt. Am Heck klebt die rot-weiß-rote österreichische Flagge: Der A320 ist die letzte Maschine, die für die Air-Berlin-Tochter Niki im Einsatz war. Als sie um 23.18 Uhr am vergangenen Mittwoch hierher rollte, empfingen sie Dutzende Menschen in gelben Neonwesten. Die Niki-Mitarbeiter waren gekommen, um sich zu verabschieden. Und um zu trauern. Denn kurz zuvor hatte Niki Insolvenz beantragt.

An jenem Mittwoch, als die Lufthansa ihr Angebot fallen ließ, schien alles vorbei zu sein für Niki und die etwa 1000 Mitarbeiter. Heute ist das nicht mehr so eindeutig. Die Chancen, dass der österreichisch-deutsche Ferienflieger doch noch gerettet wird, sind stark gestiegen in den letzten Tagen.

Denn erstens buhlen nun mehrere Interessenten um Flotte, Personal sowie vor allem um die Start- und Landerechte auf überfüllten Flughäfen wie Berlin-Tegel oder Düsseldorf. Und zweitens müssen die Mitarbeiter nicht mehr bangen, dass diese begehrten Slots ihrem Unternehmen in den nächsten Tagen entzogen werden. Potenzielle Käufer und die Gläubigervertreter bekommen mehr Zeit, um einen Deal zu schmieden.

Kurz nach dem Insolvenzantrag hatte Niki-Betriebsrat Stefan Tankovits erklärt, binnen sieben Tagen müsse ein Käufer gefunden werden, da sonst Nikis Start- und Landerechte verloren gehen würden. Kurz darauf wurde im Unternehmen kolportiert, die österreichische Luftfahrt-Aufsichtsbehörde Austro Control habe Niki eine Frist bis Mittwoch dieser Woche eingeräumt, in der die Betriebsgenehmigung trotz Insolvenz aufrecht erhalten werde. Bis zum Wochenende glaubten sogar Gläubigervertreter an dieses Gerücht.

Nun aber stellt sich heraus: Ein solches Ultimatum existiert gar nicht. "Das Verkehrsministerium in Wien hat nach dem Insolvenzantrag ein Prüfverfahren eingeleitet", sagt Markus Pohanka von Austro Control dem SPIEGEL. "Für dieses Verfahren gibt es keine Fristen."

Rückhalt in Österreichs Regierung

Solang die Prüfung läuft, behält Niki ihre Betriebsgenehmigung - und damit die unentbehrlichen Start- und Landerechte. Dies gilt nicht nur für Österreich, sondern auch für Deutschland, wie die zuständige Flughafenkoordination in Frankfurt auf Anfrage des SPIEGEL bestätigt.

Der Prüfprozess kann sich hinziehen. Zumal das österreichische Verkehrsministerium just an diesem Montag einen neuen Chef bekommen hat. Der heißt Norbert Hofer, kommt von der rechtspopulistischen FPÖ und wurde vergangenes Jahr europaweit berühmt, als er um ein Haar Bundespräsident geworden wäre. Längst nicht so bekannt ist sein Leben vor der Politik: Hofer ist ausgebildeter Flugtechniker. Als junger Mann arbeitete er drei Jahre lang bei Lauda Air als System- und Bordingenieur.

Bis heute ist Hofer Fan von allem, was fliegt. Dass ausgerechnet der Populist als erste Amtshandlung der Niki den Todesstoß versetzt, noch dazu in der Weihnachtszeit, ist höchst unwahrscheinlich. Eher könnte sogar das Gegenteil passieren: dass Wien Niki mit Notkrediten noch ein paar Wochen über Wasser hält.

Schließlich wird das Geld immer knapper bei Niki, seit die Lufthansa ihre Zahlungen eingestellt hat. Auch wenn die Jets gerade stillstehen, müssen sie doch erhalten und gepflegt werden. Der vorläufige Insolvenzverwalter Lucas Flöther hat die Interessenten deshalb am Montag aufgefordert, bis Donnerstagmittag verbindliche Gebote einzureichen. "Wir brauchen einen Investor, der - wie bislang die Lufthansa - Niki finanziell unterstützt", sagte Flöther der Nachrichtenagentur dpa. "Es muss bis Jahresende eine Lösung her."

Perle der Air Berlin-Gruppe

Insidern zufolge buhlen mehrere Interessenten um das Unternehmen. Favorit ist der einstige Gründer Niki Lauda. Er will zusammen mit dem Reisekonzern Thomas Cook und dessen Tochter, dem Ferienflieger Condor, ein Angebot einreichen. Auch der Luftfahrtkonzern IAG (British Airways, Iberia, Vueling) sowie der Billigflieger Ryanair haben ihr Interesse bekundet - ebenso wie ein Konsortium um den Berliner Logistiker Zeitfracht, der bereits Teile der Techniksparte von Air Berlin übernommen hat.

Niki war seit Langem die Perle in der Air Berlin-Gruppe. Während die Mutter in den vergangenen Jahren immer höhere Verluste erwirtschaftete, schrieb Niki 2015 und 2016 Gewinn. "Piloten und Flugbegleiter haben deutlich weniger verdient als bei Air Berlin, und die vielen Routen aus dem wachsenden Markt Berlin sind sehr attraktiv", sagt der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt.

Entscheidend im Geschacher um Niki könnten die etwa 20 Flugzeuge der bisherigen Flotte werden. Die hat nämlich die Lufthansa schon in ihrem Besitz: Nach Auskunft eines Konzernsprechers hat sie vier Maschinen gekauft. Und für den Rest der Flotte hatte mit den Leasing-Gesellschaften neue Deals verhandelt, ehe sie die Übernahme abbrach

Lauda wirft dem deutschen Beinahe-Monopolisten vor, er wolle die Jets nicht rausrücken. Das dementiert die Lufthansa. Mit der EU-Kommission sei vereinbart worden, dass im Falle des Scheiterns der Niki-Übernahme die Flugzeuge einem Erwerber "zu Marktkonditionen zur Verfügung gestellt werden müssen", erklärte der Konzern. "Selbstverständlich wird sich die Lufthansa Gruppe an diese Vorgaben halten."

Nur: Was sind "Marktkonditionen"? Welchen Preis verlangt die Lufthansa vom Niki-Käufer? Und welche Leasingraten muss der künftige Betreiber zahlen? "Wenn die Lufthansa einen Leasingvertrag verhandelt, kriegt sie mit ihrer guten Bonität sehr gute Marktkonditionen", sagt Branchenkenner Großbongardt. "Ein Lauda hat ein höheres Ausfallrisiko. Er müsste eine höhere Leasingrate zahlen - und vorweg womöglich auch eine Abschlagzahlung, vielleicht zwei bis vier Monatsraten."

Bei einer geschätzten Leasingrate von 300.000 Euro pro Monat wären das schnell 10 bis 20 Millionen Euro. Obendrauf kommen Großbongardt zufolge Investitionen in hoher zweistelliger Millionenhöhe für die Wiederaufnahme des Flugbetriebs. Schließlich brauchen die Maschinen erst einmal wieder Passagiere: Alle Buchungen bei Niki sind mit der Insolvenz erloschen.

Ob das Lauda-Konsortium oder ein anderer Bieter so viel Geld bereitstellen können, ist unklar. Bislang habe noch kein einziger Interessent ein verbindliches, durchfinanziertes Angebot vorgelegt, sagt Insolvenzverwalter Flöther. In ein paar Tagen wird er es als Erster wissen. Ob es wirklich jemand ernst meint mit Niki? Ob der in Wien gestrandete Airbus wirklich bald wieder losfliegen darf?

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels hieß es, die Lufthansa habe einige Niki-Maschinen "geleast". Als die Lufthansa die Übernahme von Niki abblies, hatte sie mit den Leasing-Gebern neue Deals verhandelt, diese Maschinen aber noch nicht geleast.

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