Start-up Nio Chinas Elon Musk lenkt im Markenstreit mit Audi ein

Die E-Auto-Firma Nio des Milliardärs William Li feiert in Berlin ihren Markteintritt in Deutschland. Und tauft für den Angriff auf die deutschen Platzhirsche ihre Modelle um.
Nio-Gründer William Li

Nio-Gründer William Li

Foto: STR / AFP

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Der chinesische Elektroautohersteller Nio hat an diesem Freitag in Berlin angekündigt, in den kommenden Monaten mit drei Modellen in den deutschen Markt einzusteigen. Ab sofort wird die Limousine ET7 vertrieben, Anfang 2023 soll der Verkauf des Luxus-SUV EL7 starten, Ende des ersten Quartals der ET5. Weitere Modelle sollen bald folgen.

Die Ankündigung des EL7 ist eine handfeste Überraschung. In China ist das Flaggschiff von Nio seit August auf dem Markt – allerdings unter dem Namen ES7. Und so sollte das Fahrzeug eigentlich auch in Deutschland heißen. Der deutsche Premiumhersteller Audi hatte Nio jedoch bereits vor Monaten vor dem Landgericht München verklagt. Nio verletze mit den Modellnamen ES6 und ES8 die Markenrechte von Audi. Weil die Namen der beiden Elektro-SUVs beim bloßen Hören mit dem S6 und dem S8 des deutschen Premiumherstellers verwechselt werden könnten, dürfe Nio die Bezeichnungen nicht verwenden. Im August monierte Audi dann schließlich beim Amt der EU für Geistiges Eigentum auch eine Markenrechtsverletzung durch den ES7, eine weitere Klage zeichnete sich ab.

»Wir wollen auf den Ausgang eines möglicherweise langwierigen Rechtsstreits mit unsicherem Ausgang nicht warten und haben deswegen unsere Modelle umbenannt«, sagte Co-Gründer Lihong Qin nun dem SPIEGEL. L stehe für Lifestyle und sei somit eine starke, zu Nio passende Marke.

Die Wahrung geistigen Eigentums habe für Nio einen hohen Wert. »Wir haben von Anfang an einen holistischen Markenauftritt geplant und bereits 2016 in Europa die Rechte für die ES-Serie beantragt.« Man habe nicht bedacht, dass ES im Deutschen wie S klinge und dies zu einem Problem werden könnte. »Wir können und wollen das Ergebnis des Verfahrens nicht vorwegnehmen, das ist Aufgabe des Richters.« Aber Nio wolle sich nun ganz auf »all die wichtigeren Dinge konzentrieren, die mit dem Verkaufsstart in Europa verbunden sind«.

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Lihong Qin hatte Nio zusammen mit dem Milliardär William Li 2014 gegründet. Li wird wegen seiner Ambitionen in der Branche gerne mit Tesla-Gründer Elon Musk verglichen. Er selbst weist solche Vergleiche von sich. »Tesla war nicht meine Inspiration« , sagte er vergangenes Jahr dem SPIEGEL.

2018 stand die Firma vor dem finanziellen Kollaps, wurde von der Provinz Anhui und der Stadt Hefei mit rund einer Milliarde Dollar gestützt und schaffte den Gang an die Börse. Dort war Nio zeitweise 60 Milliarden Dollar wert und damit mehr als BMW. Derzeit liegt die Bewertung bei rund 30 Milliarden Dollar.

Konkrete Verkaufsziele nennen sie nicht

Mittlerweile ist Nio in China auch kommerziell erfolgreich, die Verkaufszahlen gehen nach oben, insgesamt hat das Unternehmen bislang 239.000 Autos verkauft. Vor einem halben Jahr begann Nio in Norwegen als erstem europäischen Land Autos zu verkaufen, hat dort aber bislang weniger als tausend Fahrzeuge abgesetzt.

Konkrete Verkaufsziele für Deutschland möchten die Gründer bei ihrem Auftritt in dem gerade eröffneten Berliner Showroom nicht nennen. Direkt neben der Gedächtniskirche haben William Li und Lihong Qin ihr Nio-House eröffnet, so nennen sie die aufwändig gestalteten Niederlassungen, über die sie eine luxusaffine Community aufbauen wollen.

»Bis Ende nächsten Jahres wollen wir 120 Swap-Stationen in Europa haben, vor allem in und zwischen den großen Städten.«

Lihong Qin, Co-Gründer von Nio

Man werde Geduld brauchen und haben. »Wir wollen im Laufe der nächsten Jahre einer der führenden Anbieter im Premiumsegment werden«, sagt Lihong Qin.

Er sei zusammen mit seinem Gründerpartner in einem ET7 2500 Kilometer weit durch die fünf europäischen Länder gefahren, in denen man zeitnah Nio-Autos auf den Markt bringen wolle. Neben Deutschland und Norwegen sind das Schweden, Dänemark und die Niederlande. Er lobte die Ladeinfrastruktur, vor allem die Schnelladestationen an den Autobahnen seien technisch gut, allerdings sei das Netz nicht dicht genug. »Vor allem in den Städten fehlt es an Lademöglichkeiten.«

Nio glaubt, deshalb mit einem Netz von Batterie-Wechsel-Stationen erfolgreich sein zu können. Während in China bereits 1000 solcher Stationen stehen, in denen Batterien binnen weniger Minuten gewechselt werden können, gibt es in Deutschland bislang erst eine, an der A8 zwischen Stuttgart und München, zwei weitere in Norwegen. »Bis Ende nächsten Jahres wollen wir 120 Swap-Stationen in Europa haben, vor allem in und zwischen den großen Städten«, sagte Lihong Qin.

Das Batteriewechsel-System solle dazu beitragen, den potenziellen Kunden die Angst vor fehlenden Reichweiten ihrer Elektroautos zu nehmen, sagte Lihong Qin. »Batterien müssen aufladbar und wechselbar sein und die Möglichkeit zum Upgrade bieten.«

Die Kosten einer Station beziffert Nio in China auf 400.000 Euro, dort habe man also bisher 400 Millionen Euro in das Netzwerk investiert. In Europa rechnet Co-Gründer William Li mit höheren Kosten, im Vergleich zu den gesamten Kosten für die Ladeinfrastruktur sei das aber vernachlässigbar. Nio sei »offen für Partnerschaften« für den Aufbau eines Netzes für Wechselstationen.

Für den Verkauf in Deutschland setzt Nio vor allem auf ein Abo-Modell. Zwar sollen die Autos auch im Direktvertrieb über das Internet käuflich sein, die Gründer hoffen jedoch, über monatlich kündbare Abos die Einstiegshürde senken zu können.

Mit Blick auf die wachsenden geopolitischen Spannungen zwischen Europa und den USA auf der einen und China auf der anderen Seite sagte William Li: »Eine zunehmende Spaltung ist eine Herausforderung für die ganze Autoindustrie.« Für die deutschen Hersteller sei China der größte Markt, umgekehrt habe auch Nio in Europa mehr als hundert Partner und Lieferanten. »Diese Spannungen wünscht sich niemand. Wir sind nur eine kleine Firma, wollen uns in politische Diskussionen nicht einmischen und uns um unsere Kunden kümmern«, sagte Li. »Aber auch die Politik sollte die Verbraucher im Blick behalten, sie sind am Ende die Leidtragenden.«

Ob er glaube, im Wettbewerb mit den deutschen Premiumanbietern BMW, Mercedes und Audi bestehen zu können, wird Li gefragt. »Wenn ich es nicht versuche, werde ich die Antwort nie erfahren.«

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