Handysparten-Verkauf Das neue Nokia

Nokia schockiert seine verbliebenen Fans. Mit dem Verkauf des Smartphone-Geschäfts scheint nur noch eine Hülle des einstigen Handy-Pioniers zu überleben. Doch der Deal könnte für den finnischen Konzern zum Befreiungsschlag werden.

Handel mit Nokia-Aktien in New York: Der Verkauf füllt dem Konzern kräftig die Kassen
AP/dpa

Handel mit Nokia-Aktien in New York: Der Verkauf füllt dem Konzern kräftig die Kassen

Von manager-magazin.de-Redakteur


Hamburg - An wolkigen Worten spart das Duo Steve & Stephen nicht, um die Vorteile ihres Milliardendeals zu beschreiben. Die ständige "Neuerfindung" liege in "Nokias Blut", die Finnen und Microsoft Chart zeigen schlügen ein "neues Kapitel" auf - und gemeinsam wollten beide Konzerne "die Grenzen der Mobilität neu definieren". All diese Phrasen finden sich in einer Pressemitteilung, die der scheidende Microsoft-Chef Steve Ballmer und der ebenfalls scheidende Nokia-Boss Stephen Elop gemeinsam unterzeichnet haben.

Die verbliebenen Fans der Nokia-Handys sehen das anders. Sie laufen Sturm gegen den Verkauf - und sehen Nokia Chart zeigen nun endgültig als tot an. Doch dabei übersehen sie eines: Der einstige Handyriese hat bessere Überlebenschancen, wenn er sich auf seine beiden verbliebenen Sparten Netzwerkausbau und Kartendienste konzentriert, als wenn er weiterhin seine marode Handysparte durchfüttert und damit viel Geld verbrennt.

Zunächst füllt der Verkauf Nokia kräftig die Kassen. In den nächsten Monaten überweist Microsoft knapp 5,4 Milliarden Euro an die Nokia-Zentrale in Espoo - und der Deal hat für den Konzern gravierende Auswirkungen. Mit einem Schlag verliert er fast 50 Prozent seines Umsatzes und ein Drittel seiner Mitarbeiter. Rund 2,7 Milliarden Euro brachte der Verkauf von Nokia-Smartphones und Handys im zweiten Quartal dieses Jahres ein, Nokias gesamter Quartalsumsatz lag bei 5,7 Milliarden Euro.

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Erste Handys: Das war Nokia
Die Handy-Sparte ist dennoch seit langem Nokias großes Sorgenkind. Entwarnung konnte das Unternehmen auch im zweiten Quartal nicht geben. Von April bis Juni brach der Umsatz mit Mobiltelefonen im Vergleich zum Vorjahresquartal um satte 32 Prozent ein.

Fast 7,4 Millionen Lumia-Smartphones hat Nokia im vergangenen Quartal abgesetzt. Damit ist der Konzern meilenweit entfernt von den Platzhirschen Apple und Samsung, die das Geschäft dominieren. Selbst im Billigsektor, lange Zeit Nokias große Hoffnung, waren die Zahlen düster. Unter dem Strich schrieb die Handy-Sparte einen Verlust von etwas mehr als 30 Millionen Euro.

Kein Wunder also, dass sich Nokia schon seit Monaten nach einem Käufer für sein Handy-Geschäft umsieht - und jetzt mit dem langjährigen Partner Microsoft einen finanzstarken Käufer gefunden hat.

Nokia bleiben nun das Netzwerkgeschäft und die Kartendienste. Das klingt für viele zunächst nach einer Quasi-Abwicklung des einstigen finnischen Telekom-Giganten. Doch für beide Bereiche sind die Zukunftsaussichten deutlich besser als für das marode Handygeschäft.

Das Netzwerkgeschäft

Dass Nokia die Weichen für eine Zukunft abseits des Verkaufs von Mobiltelefonen stellt, zeichnete sich bereits Anfang Juli ab. Da übernahm Nokia den 50-Prozent-Anteil von Siemens am gemeinsamen Netzwerkausrüster NSN für 1,7 Milliarden Euro. Nach Meinung von Analysten war der Deal durchaus günstig. Die jahrelang Verluste schreibende Netzwerksparte hat sich in den vergangenen Quartalen berappelt. Laut der Analysefirma Gartner ist NSN mittlerweile im weltweiten Markt für Mobilfunkausrüstung die Nummer drei - nach dem schwedischen Konzern Ericsson und der chinesischen Huawei-Gruppe.

NSN wurde in den vergangenen Jahren knallhart saniert. 17.000 Stellen wurden gestrichen. Gleichzeitig haben Siemens Chart zeigen und Nokia ihr Gemeinschaftsunternehmen stärker fokussiert: NSN ist mittlerweile führend bei Mobilfunknetzen der vierten Generation, und die Nachfrage nach dem schnellen Datenfunk LTE zieht weltweit an.

Eine echte Gewinnmaschine ist die Sparte zwar noch nicht: Ein Blick in die Zahlen zeigt, dass der Umsatz der Nokia-Netzwerksparte im ersten Halbjahr um elf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurückgegangen ist. Doch der operative Gewinn hat gedreht: Wo im ersten Halbjahr 2012 noch ein Verlust von 118 Millionen in den Büchern stand, glänzt nun ein Plus von 524 Millionen.

Die Kartendienste

Zweites Standbein der Finnen wird künftig das Geschäft mit Kartendiensten werden. Noch ist die Sparte allerdings im Vergleich zum Netzwerkgeschäft winzig. Auf gerade mal 233 Millionen Euro kam die Sparte mit dem schönen Namen Here im vergangenen Vierteljahr. Und im Vergleich zum Vorjahresquartal schrumpfte der Umsatz um 18 Millionen Euro.

Doch die auf den ersten Blick eher mauen Zahlen haben einen einfachen Grund: Die internen Umsätze mit den Here-Diensten gingen um zwei Drittel zurück. Grund dafür waren die deutlich gesunkenen Absatzzahlen bei Nokia-Mobiltelefonen.

In manchen Bereichen des Geschäfts mit digitalen Karten ist Nokia längst zum heimlichen Riesen aufgestiegen. Rund 80 Prozent aller weltweit ausgelieferten Fahrzeuge, die ein fest eingebautes Navigationsgerät an Bord haben, nutzen Nokia-Karten. Die Suchmaschinen Bing und Yahoo Chart zeigen setzen ebenso auf Nokias Kartendienste wie das soziale Netzwerk Foursquare, Amazon Chart zeigen oder das Software-Unternehmen Oracle Chart zeigen.

Problematisch dabei ist nur, dass die digitale Vermessung der Welt ziemlich teuer ist. Nokia ist dabei schon vor langem in Vorleistung gegangen: 2007 hat das Unternehmen für acht Milliarden Euro den Digitalkarten-Spezialisten Navteq gekauft, seither wurde massiv in den Ausbau investiert. Doch riesige Umsätze erzielt die Sparte noch immer nicht.

Dieses Problem haben auch die Wettbewerber. Hauptkonkurrent Google etwa hat dank seines brummenden Werbegeschäfts mehr Luft. Doch Nokia hat sich in den vergangenen Monaten kräftig ins Zeug gelegt. Anders als Google Chart zeigen hat der Konzern seine verschiedenen Dienste in einer Sparte gebündelt. Und die noch recht frische Fokussierung trägt erste Früchte: Vor kurzem kündigte Nokia etwa eine neue Auto-Plattform an. Sie soll neben der reinen Navigation auch Spritpreis-Informationen oder Musikdienste auf die Pkw-Displays bringen.

Das verspricht durchaus lukrative Geschäfte, wenn die Autoindustrie mitspielt. Eines steht aber für die Sparte bereits jetzt fest: Die Umsätze werden in nächster Zeit steigen. Denn Microsoft wird durch den Kauf der Nokia-Handysparte strategischer Lizenznehmer - und wird Nokia für eine Vier-Jahres-Lizenz bezahlen.

Noch lässt sich nicht absehen, ob die Einkünfte aus der Netzwerksparte und den Kartendiensten Nokia tatsächlich auf eine solide Basis stellen. Eine Neuerfindung ist es wohl nicht, eher eine Zäsur. Aber durchaus eine, die mehr Zukunftschancen bietet.

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sigmaplus 03.09.2013
1. Ich sehe das eher negativ
Tja, wie geht es weiter mit Finland ? Der einzige - mir bekannte - finnische (Multimedia-) Konzern von Weltrang wird jetzt geschluckt....und dann? Zurück zum Holzfällen und Rentiere züchten ? Klar haben sie erstmal gesagt, daß 32000 Mitarbeiter übernommen werden, aber für die Führungskräfte wird das bald heißen, ab nach Redmond oder weg, und die Fertigung wird eh vollständig nach Südostasien gehen. Und dann bleiben den Finnen noch die Karten, die kaum jemand braucht und die Netzwerksparte, bei der es längst genug Konkurrenz auf dem Weltmarkt gibt mit viel mehr Erfahrung und festen Kundenbindungen. Sicher wird man noch 3 oder vier Jahre vom finnischen Staat subventioniert werden, aber spätestens wenn auch die letzte finnische Sauna ans Internet angeschlossen wurde, wird die Netzwerksparte überflüssig sein und schliessen. Sehr schade für die finnischen Arbeitnehmer und für uns, hoffentlich wird das kein zweites Griechenland in einigen Jahren...
jurgenweigt 03.09.2013
2. optional
Ein zweites Griechenland?? Da kennen sie die Finnen aber sehr schlecht! Die haben schon einmal eine für sie einschneidende Zäsur - den Zusammenbruch ihres wichtigen Handelspartners Sowjetunion - mit Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit bestens überstanden.
derKrebs 03.09.2013
3.
Wer Finnland mit Griechenland vergleicht war sicher noch nicht in diesem Land. Hier zeigt sich nur wieder unsere deutsche Überheblichkeit. Ich lebe jetzt seit ca. einem Jahr in Finnland und ich muss sagen, dass hier vieles schon existiert was in Deutschland erst diskutiert wird. Und genügend grosse Konzerne gibt es durchaus. Nur um ein paar zu nennen: UPM Kymmene (einer der grössten Papierhersteller der Welt), KONE (einer der grössten Produzenten von Rolltreppen, Fahrstühlen etc.), Wärtsilä (so ziemlich jedes Schiff hat irgendwelche Teile davon verbaut), NORDEA (wenn auch nur teilweise finnisch)... Sicher ist das nicht mit der deutschen Konzernlandschaft zu vergleichen, aber dafür leben hier ja auch nur 5 Millionen Menschen :) Und es ist es nicht auch in D der Mittelstand der eigentlich für die wirtschaftliche Stärke steht? Die Konzerne haben doch eh nur noch ihre Zentralen aus Repräsentationszwecken in den westlichen Ländern und Steuern werden auch nicht all zu viele gezahlt...
bluemetal 03.09.2013
4. Zwangskauf
80% aller Windows Phone8 Smartphones weltweit kommen nur von Nokia. Wäre Nokia pleite gegangen oder von einer anderen Firma aufgekauft worden, dann hätte dies auch das sofortige Aus für das Betriebssystem von Microsoft bedeutet. Insofern blieb Microsoft nichts anderes übrig als diesen Kauf zu tätigen. Nokia hätte gut daran auf die mahnenden Stimmen zu hören und vor drei Jahren nicht auf das sinkende Schiff zu setzen sondern hochwertige Androids zu verkaufen. Oder noch besser: 2007 nach Vorstellung des iPhones sofort ein konkurrenzfähiges neues Betriebsystem und Geräte zu entwickeln. Dies hätten sie noch vor Android angesichts ihrer extremen Marktmacht ohne Probleme erfolgreich platzieren können. Aber wie Microsoft ruhte man sich erfolgsverwöhnt viel zu lange auf seinem Symbian und Windows Mobile Schrott aus bis iOS und Android mit Vollgas vorbeizogen.
spon_2318831 03.09.2013
5. hin oder her
Nokia hat es schwer. In einem der für die Finnen wichtigsten Märkte hat sich die Firma für lange Zeit disqualifiziert, nämlich Deutschland. Der unverschämte Abgang der Finnen aus dem deutschen Werk wird lange nachhallen, sehr lange. Mit wem man auch über Handy u. Co. sprach: Nokia- nie wieder, kam der Kommentar. Inzwischen ist dieses Beispiel von "Unternehmenskultur" zwar schon Geschichte, nichtsdestotrotz aber durchaus im Bewusstsein der Handykäufer in Deutschland verblieben. Und so könnten die Finnen mir ihr Handy schenken, ich würds nicht nehmen wollen. So wird auch Microsoft mit neuen Produkten made by Nokia in Deutschland seine böse Überraschung bezüglich der zukünftigen Verkaufszahlen erleben. Der Abgang der Finnen hat die Marke bei uns nachhaltigst beschädigt.
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