Nokia-Werksschließung in Rumänien "Das klingt wie 2008 in Bochum"

Nokia streicht Tausende Stellen weltweit, die Produktion in Rumänien macht der Handybauer aus Kostengründen gleich ganz dicht. So sehr sich die Parallelen zur Werksschließung in Bochum vor drei Jahren auch aufdrängen: Dem Konzern geht es heute wesentlich schlechter.
Nokia-Beschäftigte in Jucu nach Versammlung am Donnerstag: 2200 Jobs fallen weg

Nokia-Beschäftigte in Jucu nach Versammlung am Donnerstag: 2200 Jobs fallen weg

Foto: MIRCEA ROSCA/ REUTERS

Hamburg - Für die Gewerkschafterin Ulrike Kleinebrahm sind die Parallelen erschreckend: Der finnische Handyhersteller plant offenbar seit Monaten die Schließung seines rumänischen Werks in Cluj, hat dies aber erst am Donnerstag publik gemacht. 2200 Beschäftigte verlieren bald ihre Jobs, der Hersteller könnte die Produktion teilweise nach Asien verlagern. "Das klingt wie 2008 im Nokia-Werk Bochum", sagt Kleinebrahm. "Die Bilder von damals kommen bei dieser Nachricht sofort wieder hoch."

Die Nokia-Fabrik in Jucu nahe der Stadt Cluj war erst vor drei Jahren eingeweiht worden. Dort werden Handys aus importierten Fertigteilen zusammengesetzt. Der Standort Bochum musste damals schließen, weil die Produktion in Deutschland nach damaligen Konzernangaben zu teuer geworden war. Mehr als 2000 Beschäftigte wurden auf die Straße gesetzt.

Jetzt führt die Konzernleitung in Helsinki die gleichen Argumente für Cluj an. Die Fabrik in Rumänien solle nun geschlossen werden, da sich der Markt für Basis-Handys und auch die Lieferkette inzwischen nach Asien verlagert hätten, hieß es. Die Fabrik solle Ende Dezember dichtgemacht werden, die Angestellten würden ihr Gehalt aber bis März 2012 bekommen. "Die Leute waren schockiert, einige haben geweint", berichtete eine Nokia-Arbeiterin dem Sender Realitatea TV.

Rumänien will einen Teil der Zuschüsse wieder zurück

"Für die Menschen in Bochum war es damals furchtbar, für die Menschen in Rumänien muss das jetzt noch schlimmer sein", sagt Kleinebrahm. Die Gewerkschafterin, die in Deutschland für die IG Metall die Nokia-Beschäftigten vertritt, war 2008 Sprachrohr der Mitarbeiter in Bochum. Sie hatte die wochenlangen Proteste am Standort mitorganisiert und an den Verhandlungen für einen sozialverträglichen Arbeitsplatzabbau mitgewirkt.

Ähnlich wie in Bochum 2008 sorgen die staatlichen Zuschüsse, die Nokia   gewährt wurden, für Unmut. Auch Rumänien will nun seine Zuschüsse zurück - es geht um wenigstens einen Teil der 20 Millionen Euro, die die Regionalverwaltung und der Staat zur Einrichtung der notwendigen Infrastruktur beigesteuert haben. Ein am Donnerstag gegründeter Sonderausschuss des Regionalparlaments in Cluj soll die Lage prüfen. Modell sei ausgerechnet Bochum, wo Nokia nach der dortigen Werksschließung Kompensationszahlungen an die Region geleistet habe, sagte ein Regionalabgeordneter, der den Sonderausschuss initiiert hatte.

So sehr sich die Parallelen zum Fall Bochum aufdrängen - einen entscheidenden Unterschied gibt es: Anders als 2008 steht der Konzern heute nicht mehr so glänzend da. Torsten Gerpott von der Universität Duisburg-Essen gibt dem Konzern daran aber eine erhebliche Mitschuld: "Dass das Werk in Rumänien nun geschlossen wird, liegt schlicht daran, dass Nokia den Trend zu Smartphones verschlafen hat", sagt der Telekommunikationsexperte.

"Nokia hat in diesem Segment nichts, mit dem es gegenhalten könnte"

Der Konzern sei geblendet gewesen vom eigenen Erfolg, das könne man sich in einem Marktumfeld mit extrem schnellen Verschiebungen nicht leisten. In Deutschland etwa betrage der Anteil der Smartphones am gesamten Mobiltelefon-Markt in diesem Jahr mehr als die Hälfte, weltweit schätzt Gerpott ihn auf 35 bis 40 Prozent .

"Nokia hat in diesem Segment nichts, mit dem es gegenhalten könnte", sagt Gerpott. Erst im ersten Halbjahr 2012 sei mit neuen Geräten mit Microsofts Mobil-Betriebssystem zu rechnen. Und dass der Konzern nun ein erst drei Jahre altes Werk endgültig dichtmacht, in das rund 60 Millionen Euro investiert wurden, wertet der Experte zudem als "ein Indiz dafür, dass man selbst nicht mehr an die Wende glaubt".

Für die Mitarbeiter in Cluj dürfte es angesichts der prekären Arbeitsmarktlage in Rumänien äußerst schwierig werden, wieder einen Job zu finden. Den ehemaligen Nokia-Werkern in Bochum blieb nach dem Aus 2008 immerhin ein Trostpflaster: Die meisten der 2300 Beschäftigten haben inzwischen einen neuen Arbeitsplatz gefunden.

yes/fdi/dpa