Nordseekabel Bürokratie-Streit bremst deutsche Energiewende

Eine Energie-Vision wird von einem Streit um Behördenauflagen aufgehalten: Investoren haben Anträge für den Bau eines Nordsee-Stromkabels zurückgezogen - aus Ärger über bürokratische Vorgaben. Das Projekt soll deutschen Ökostrom in Norwegen speicherbar machen.

ddp

Hamburg - Die Verkabelung der Nordsee ist ein wichtiger Bestandteil der deutschen Energie-Vision: Möglichst rasch sollen die Leitungen verlegt werden, damit Strom zwischen Norwegen und Deutschland hin- und herfließen kann.

Die gewaltigen Wasserkraftwerke des nördlichen Nachbarn sollen so zur Batterie für deutschen Ökostrom werden: In wind- und sonnenreichen Zeiten wird in der Bundesrepublik oft mehr davon produziert, als gebraucht wird. Diese überschüssige Energie soll in Norwegens Wasserkraftwerken zwischengespeichert werden. In wind- und sonnenarmen Zeiten soll Deutschland dafür Ökostrom aus Norwegen erhalten.

Seit die Bundesregierung einen schnelleren Ausstieg aus der Atomenergie erwägt, ist die Verkabelung der Nordsee noch wichtiger geworden. Jetzt aber hat das Projekt einen herben Rückschlag erlitten. Laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung" hat das schweizerisch-norwegische Konsortium Norger, das ab 2015 das erste Wasser-Stromkabel betreiben will, seine Anträge bei der EU-Kommission und der Bundesnetzagentur zurückgezogen.

Es habe Streit darüber gegeben, ob auch Dritte Strom durch das Kabel leiten dürfen, berichtet die Zeitung. Das Konsortium hatte um eine entsprechende Ausnahmegenehmigung gebeten, diese jedoch im November zurückgezogen. Offenbar habe es Widerstände aus der Generaldirektion des EU-Energiekommissars Günther Oettinger gegen die Ausnahmegenehmigung gegeben.

Das überrascht, da Oettinger stets für einen raschen Ausbau eines europäischen Stromnetzes eingetreten war. In einem Interview mit SPIEGEL ONLINE warb er explizit für eine Entbürokratisierung des Netzausbaus.

Gewaltiges Hightech-Netz für Ökostrom

Eine Sprecherin Oettingers sagte der "FAZ", man habe nicht vor, den Ausbau der Netze zu verzögern. Doch es gibt neben dem Norger-Projekt noch zwei weitere Vorhaben für Nordsee-Leitungen: Nordlink nach Deutschland und Norned in die Niederlande. Diese würden im Wettbewerb mit Norger benachteiligt, wenn man hier auf eine Regulierung verzichte.

Die drei erwähnten Projekte sind nur der Anfang: Deutschland und acht weitere europäische Staaten wollen in der Nordsee ein Hightech-Netz für Ökostrom verlegen. In den kommenden zehn Jahren wollen sie Tausende Kilometer Hightech-Kabel auf dem Meeresgrund verlegen. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll so ein Unterseenetz entstehen: die Infrastruktur für Europas Energiezukunft.

Der Bau von Supergrids wird schon seit längerem diskutiert. Es gibt eine Analyse von Greenpeace, die "North sea electricity grid"-Studie, laut der das Netz eine Gesamtlänge von 6200 Kilometern Kabel haben werde. Auch der Europäische Windenergie-Verband hat eine umfangreiche Studie zu dem Thema veröffentlicht. Ihr Titel: "Oceans of Opportunity".

ssu



insgesamt 18 Beiträge
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Reformhaus, 12.04.2011
1. Unberechenbarer Oettinger
Herr Oettinger hat "gute Freunde". Möglicherweise mussten diese bei der Entscheidung berücksichtigt werden? http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.organisiertes-verbrechen-in-der-region-stuttgart-unsere-nachbarn-von-der-mafia.a2359bcf-1d17-4592-abd7-b1862c516dc1.html http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E046A07B621174F239C5F322C3372619C~ATpl~Ecommon~Scontent.html
barcadero 12.04.2011
2. Bürokratie als Selbstzweck
Warum überhaupt Regulierung? Wenn sich Stromerzeuger und Netzbetreiber einig sind sind wird durchgeleitet. Wer als erster sein Netz betriebsbereit hat, geniesst einen Wettbewerbsvorteil. Gibt es später mehrere Netzbetreiber, stehen sie im Wettbewerb. Wozu braucht man da Bürokraten?
radiofan 12.04.2011
3. Doch kein Sinneswandel
Zitat von sysopEine Energie-Vision wird von*der Brüsseler Bürokratie aufgehalten: Investoren haben Anträge für den Bau eines Nordsee-Stromkabels zurückgezogen - aus Ärger über Auflagen. Mit dem Projekt soll deutscher Ökostrom in Norwegen speicherbar werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,756481,00.html
Ich müsste lügen, wenn ich jetzt sagen würde, dass mich das Verhalten von Herrn Oettinger überrascht. Die Wandlung vom Saulus zum Paulus habe ich Herrn Oettinger nicht abgenommen. Schöne Worte (sofern nicht auf Englisch) können wir von ihm hören, doch Taten waren bisher Fehlanzeige. Da predigt der schwäbische, zum Paulus gereifte, Vollblut Kernkraftbefürworter den Netzausbau, um die Versorgung mit regenerativen Energien über Speichertechnik zu forcieren und blockiert anscheinend deren Umsetzung. Wie "verstrahlt" muss man sein, um zu glauben, dass man in einer aufgeklärten Informationsgesellschaft mit solchen "Untaten" durchkommt? Hier ist der Einfluss der Bundesregierung auf die EU gefordert und allen voran Bitteschön Herr Brüderle als zuständiger Minister für das EEG. Da findet sich ein Konsortium, die den Bau der bilateralen Stromleitung finanzieren und betreiben und somit einen Beitrag zum Netzausbau leisten und die Verantwortlichen in Brüssel und Berlin blockieren. Wennn wieder einmal ein "Kleinkoalitionär" den Umweltverbänden und der Partei Bündnis 90/Die Grünen vorwirft, dass sie auf kommunaler Ebene den Netzausbau verhindern, sollten die aufgeklärten Bürger und Medienvertreter mit diesem Beispiel kontern. Schönen Tag noch. radiofan
radiofan 12.04.2011
4. Es fehlt eine Verordnung
Zitat von barcaderoWarum überhaupt Regulierung? Wenn sich Stromerzeuger und Netzbetreiber einig sind sind wird durchgeleitet. Wer als erster sein Netz betriebsbereit hat, geniesst einen Wettbewerbsvorteil. Gibt es später mehrere Netzbetreiber, stehen sie im Wettbewerb. Wozu braucht man da Bürokraten?
Lieber barcadero, es fehlt zum möglichen Betrieb eine Verordnung. Wie alles muss auch hier der bürokratische Weg eingehalten werden. Du kannst ohne Baugenehmigung auch nicht einfach bauen und die Genehmigung erfolgt nach Maßgabe von Verordnungen. Bitte schau doch auch hier: http://www.swr.de/report/-/id%3D233454/nid%3D233454/did%3D6770834/1uxeb5l/index.html Gruß, radiofan
lynx999 12.04.2011
5. Liberalismus = Bürokratie
Hier zeigt sich doch mal wieder, dass der Liberalismus im Punkto von Netzen & Infrastrktur nur sehr schwer handhabbar ist. Kein Wunder sträubt sich der Betreiber und Investor das Unterseekabel auch für die Wettbewerber zu vorgeschriebenen Preisen öffnen zu müssen. Nicht "dürfen und einigen" wie hier fälschlicherweise im Forum angenommen wird. Die Aufnahme von Fremdkapazitäten ist verpflichtend. Liberal, Öffnung der Strommärkte nennt man das. Oder auch staatlich verordneter Wettbewerb. Ein Daimler würde auch zögern einen neuen Standort zu bauen, wenn Daihatsu dort auch Autos an dem Band produzieren darf. Im Gegenzug kann ich die EU aber auch sehr gut verstehen. Diese kann ja nicht für alle Kabelbetreiber dies vorschreiben und dann punktuell Außnahmen machen. Kurzum werden aber Investitionen zurück gehalten und damit unsere Energiewende erschwert.
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