Ölförderung in der Barentssee Norwegen verschiebt die Eiskante

Norwegen sieht sich als Vorreiter beim Klimaschutz - fördert aber viel Öl und Gas. Das soll nach einer neuen Definition auch weiterhin sehr weit nördlich möglich sein. Die Industrie dürfte das freuen.
Bäreninsel in der Barentssee: Öl und Gas sind trotz Ökowende noch immer der wichtigste Schmierstoff für die Wirtschaft des Landes

Bäreninsel in der Barentssee: Öl und Gas sind trotz Ökowende noch immer der wichtigste Schmierstoff für die Wirtschaft des Landes

Foto: Marcel Mochet / AFP

Es ist erst ein paar Jahre her, da behauptete die norwegische Regierungschefin Erna Solberg: "Wir haben die Eiskante nicht verlegt. Das hat sie selbst gemacht." Doch an diesem Ausspruch der rechtsliberalen Politikerin auf einer Arktiskonferenz 2015 gibt es Zweifel. Nicht nur, dass es auch Norweger geben soll, die durch ihren CO2-Ausstoß dazu beitragen, dass sich das Eis immer weiter in den Norden zurückzieht. Diesen Sommer hat das Land erneut die sogenannte Eiskante politisch neu definiert - und damit den Rahmen für das Gebiet gesteckt, in dem potenziell nach Öl und Gas gesucht werden darf.

Hinter der Entscheidung, wo das Eis auch amtlich anfängt, stehen handfeste wirtschaftliche Interessen. Weil die Förderfelder in der Nordsee weitgehend erkundet und seit den Siebzigerjahren auch zu einem großen Teil bereits gefördert sind, richtet sich der Blick der Industrie längst Richtung Arktis. Zwei Drittel der noch nicht erschlossenen Ressourcen Norwegens liegen in der Barentssee. Mit der Plattform "Goliat" erschlossen die Betreiber Eni und Equinor, ehemals Statoil, 2016 das weltweit nördlichste Ölfeld. Die Hoffnung auf weitere neue Quellen ist groß. Doch je weiter nördlich gebohrt wird, desto größer sind auch die Konflikte mit Umweltschützern.

Kann also eine neue Definition der Eiskante die Interessen von Wirtschaft und Natur befriedigen?

Schon der Begriff Eiskante ist schwierig. Je nach Wind- und Wetterverhältnissen schwankt die Lage um mehrere Kilometer. Und auch der Begriff Kante ist irreführend. Es geht um einen Gürtel aus Schollen und Treibeis - also den Übergang vom Meereis zum offenen Ozean. Das norwegische Parlament hat die Kante in einem alle vier Jahre neu aufzustellenden Managementplan für die gesamte Region nun als Linie festgelegt, an der mit einer Wahrscheinlichkeit von nicht mehr als 15 Prozent im April noch Eis anzutreffen ist.

Hinzu kommt: Öl und Gas sind trotz Ökowende noch immer der wichtigste Schmierstoff für die Wirtschaft des Landes. Und auch wenn Norwegen bis 2030 seine CO2-Emissionen um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 senken will, so gibt es vor allem bei der Förderung für den Export ein Comeback der fossilen Brennstoffe. Öl und Gas machen die Hälfte aller norwegischen Exporte aus, fast 200.000 Menschen arbeiten bei gerade mal fünf Millionen Einwohnern in der Branche. Das von ihnen erwirtschaftete Geld füttert nicht zuletzt den staatlichen Pensionsfonds.

Angst vor Ölpest in einer Melange aus Wasser und Eis

Warum also solch eine differenzierte Definition, wenn doch der Klimawandel wohl tatsächlich schon dafür sorgt, um bei Solberg zu bleiben, dass die Grenze in der Realität immer weiter nach oben wandert? Die Regierung sah sich politisch dazu gezwungen, die bisherige Definition, die von einer 30-Prozent-Wahrscheinlichkeit von Eis im Frühjahr - also noch weiter nördlich - ausging, neu zu fassen - auch wenn das staatliche Oljedirektoratet sie gern beibehalten hätte.

Umweltorganisationen , aber auch Wissenschaftler des Norwegischen Polarinstituts, das norwegische Meeresforschungsinstitut sowie die Umweltbehörde forderten in den langen Verhandlungen, die Ölfördergrenze auf der Karte drastisch nach Süden zu verlegen. Sie alle warnten vor katastrophalen Folgen einer Ölpest in einer Melange aus Eis und Wasser. Die Eiskante wollten sie deshalb entlang der Wahrscheinlichkeit von 0,5 Prozent für Meereis im Frühjahr festgeschrieben wissen.

Die 0,5 Prozent-Grenze entspricht einer Linie, bis zu der das Eis an nur etwa einer Handvoll Tagen innerhalb der vergangenen 30 Jahre überhaupt heranreichte, wie der Industrieverband Norsk Olje og Gass erschrocken feststellte . Damit wären auch bereits für Öl- und Gasprojekte freigegebene Felder wieder weggefallen.

Angesichts dieser Pole scheint die nun vom Parlament verabschiedete Grenze auf den ersten Blick als fairer Kompromiss: 15 Prozent als Wert etwa in der Mitte von 0,5 und 30. Bis 26. August, vor Beginn der nächsten Konzessionsrunde , nimmt die Minderheitsregierung noch Eingaben auf Veränderungen und Kritik entgegen. Doch daraus dürften wohl nur noch kleinere Änderungen oder Auflagen entstehen.

Allerdings entspricht die 15-Prozent-Grenze laut Tor Eldevik in diesem Fall so gar nicht der Mitte. In einem Beitrag für die Wirtschaftszeitung "Dagens Næringsliv " schrieb der Klimaforscher und Professor an der Universität von Bergen: Um fair zu sein, müsste die Kante bei einer Wahrscheinlichkeit von etwa vier Prozent liegen. Schließlich liege das Risiko für die Häufigkeit von Eis bei 30 Prozent achtmal so hoch wie vier Prozent - und bei vier Prozent achtmal so hoch wie bei 0,5 Prozent.

Bohrplattform Stratfjord A in der Nordsee: Sorgt seit den Siebzigerjahren für Wohlstand in Norwegen

Bohrplattform Stratfjord A in der Nordsee: Sorgt seit den Siebzigerjahren für Wohlstand in Norwegen

Foto: Statoilhydro / Oyvind Hagen / Ho/ DPA

Wohl auch deshalb kritisieren Umwelt- und Naturschutzorganisationen die Pläne heftig. Karoline Anduar, Chefin des WWF in Norwegen, sprach von einem "wirklich traurigen Moment für die Natur" und das norwegische Ozeanmanagement. Norwegen breche mit seiner langen Tradition wissenschaftsbasierter Entscheidungen. Entlang der Eiskante gebe es seit Millionen von Jahren eine einzigartige Artenvielfalt aus verschiedenen Planktonarten, Fischen, Eisbären, Vögeln, Robben und Walen. Die Erschließung von Öl- und Gasvorkommen stelle eine zusätzliche Gefahr für diese Natur dar.

Wie lange hält das Geschäftsmodell?

Bei Norsk Olje og Gass ist dagegen kaum Ärger wahrzunehmen. Zwar sei man statt für eine starre Grenze für eine flexible Definition der Eiskante eingetreten, die sich immer entlang der aktuellen Ausdehnung des Eises orientiere. Doch Sprecher Tommy Hansen lobt, dass die Politik Klarheit geschaffen habe: "Eine breite Mehrheit war uns und der Industrie wichtig, und die hat sich gefunden." Er betont, dass auf dem norwegischen Kontinentalsockel seit Jahrzehnten sicher gefördert werde - und verweist darauf, dass sich auch auf der anderen Seite der Grenze in der Barentssee inzwischen einiges tue. Tatsächlich fördert auch der russische Konzern Gazprom Öl in der Barentssee.

Selbst wenn Norwegen schon bald neue Lizenzen für Bohrungen vergibt, bedeutet das aber noch lange keinen neuen Ölrausch in der Barentssee. Es geht erst mal um Erkundung und Probebohrungen.

Ob die abgelegenen Gebiete mit harschen Wetterbedingungen tatsächlich wettbewerbsfähig werden, liegt Erlend Hermansen zufolge an mehreren Faktoren. "Das hängt von den Energiekosten und der Nachfrage, der Infrastruktur für die Erkundung sowie für den Abtransport des Öls und Gases ab, auch von möglichen Auflagen, etwa Reinigungsmöglichkeiten im Fall eines Spill-outs", sagt der Forschungsdirektor beim norwegischen Center for International Climate Research  (Cicero). "Und nicht zuletzt am erwarteten Ölpreis und den Investitionskosten. Wird es in 20 Jahren noch eine gleich hohe Nachfrage nach Öl geben?"

Aktuell sei die Lage gut. Norwegische Ölfirmen förderten selbst in Brasilien. Hinzu kommt: Die ambitionierten Klimaziele Norwegens spielen für die Ölproduktion im eigenen Land nur eine geringe Rolle, da es keine konkreten Regeln gibt, wie diese innerhalb Norwegens zu erfüllen sind. "Die Ölförderung kann sich trotz Zertifikathandels lohnen", sagt Hermansen, "denn mehr als 90 Prozent der Emissionen fallen erst an, wenn das Öl verbrannt wird - und das passiert überwiegend im Ausland." Dennoch: Die Risiken steigen, dass sich das Geschäftsmodell in wenigen Jahrzehnten nicht mehr lohnt.

Die Industrie scheint davon bislang noch unbeeindruckt. Obwohl die Megaplattform "Goliat" mit Pannen zu kämpfen hat und bislang hinter den Erwartungen zurückbleibt, soll in der Barentssee schon 2022 Öl aus dem weiteren Förderfeld "Johan Castberg" sprudeln.

Dass sich das verzögern könnte, liegt aber nicht an den harschen Bedingungen im Norden Norwegens. Medien berichteten von Qualitätsproblemen beim Bau des Förderschiffs.