NS-Vergangenheit VW entzweit sich mit kritischem Chefhistoriker

Die Kritik von VW-Chefhistoriker Manfred Grieger am Umgang mit der NS-Vergangenheit von Audi war dem krisengeschüttelten Wolfsburger Konzern zu scharf. Nun geht der profilierte Experte für Zwangsarbeit im Zwist.
Logo des Audi-Vorgängers Auto Union am Kühlergrill eines DKW Meisterklasse F7 von 1938

Logo des Audi-Vorgängers Auto Union am Kühlergrill eines DKW Meisterklasse F7 von 1938

Foto: Hendrik Schmidt/ picture alliance / dpa

Mit seiner Expertise zur Zwangsarbeit gewann Volkswagens Chefhistoriker Manfred Grieger Ansehen. Nun wurde sie ihm zum Verhängnis. VW hat sich mit dem Wissenschaftler entzweit, der zuvor eine Studie zur NS-Vergangenheit der Konzerntochter Audi kritisiert hatte. Er gibt seinen Posten zum Monatsende auf. Die Analyse spiele die Bedeutung der Beziehungen des Vorstands der Audi-Vorgängerfirma Auto-Union zu den Eliten des nationalsozialistischen Regimes herunter, hatte Grieger moniert.

Er verlasse das Unternehmen in beiderseitigem Einvernehmen, sagte ein VW-Sprecher zum Abgang Griegers, der die historische Kommunikation im Konzern seit 1998 aufbaute. Seine Aufgaben übernimmt vorübergehend Archivarin Ulrike Gutzmann.

Grieger wollte sich offenbar nicht die Freiheit nehmen lassen, seine Kritik offen zu äußern. Er hatte sich dabei nicht mit dem Konzern abgestimmt, heißt es. Die kritische Rezension des Historikers über die Studie zur Auto-Union sei Grund der Trennung, berichtet die "Braunschweiger Zeitung".

Grieger hatte bemängelt, der Studie fehle es an einer unvoreingenommenen Betrachtungsweise. Diese Interpretation sei im Volkswagen-Konzern auf Unverständnis und Unmut gestoßen, so die Zeitung. Das Unternehmen wird derzeit durch die negativen Auswirkungen des Dieselskandals auf das Image des Autokonzerns schwer erschüttert. Ein VW-Sprecher sagte, Hintergrund der Trennung sei ein unterschiedliches Verständnis über die Zusammenarbeit im Konzern zwischen Grieger und VW gewesen.

Vorwurf einer verengten Sichtweise in Auto-Union-Studie

Grieger hatte der Studie handwerkliche Fehler, eine verengte Sichtweise, einen lückenhaften Umgang mit Quellen und sprachliche Unschärfe attestiert. Das Werk habe einen "empathischen Kern". Es gebe "argumentative Windungen", die "eine abwehrende Haltung" nahelegten. So unterschlage sie zwar nicht "die Beziehungen zu den NS-Eliten durch die Vorstände Richard Bruhn, William Werner und Carl Hahn", jedoch werde dieser Aspekt "in der Bedeutung heruntergespielt". Geschrieben haben die Studie ein Audi-Historiker und ein Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der TU Chemnitz.

Audi hatte aufgrund der Studie seine Firmengeschichte umgeschrieben, da danach die Auto-Union, aus der die VW-Tochter einst hervorging, tiefer ins System der NS-Zwangsarbeit verstrickt war als bislang angenommen: Die SS richtete eigens für die Firma Konzentrationslager ein. Heute nennt Audi etwa bei der Bruhn-Vita im Internetauftritt die "Verantwortung für den Einsatz von Zwangsarbeitern, KZ-Insassen und Kriegsgefangenen bei der Auto Union AG". Ein ähnlicher Hinweis bei der Vita von Carl Hahn senior fehlt aber.

Grieger promovierte 1996 über "Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich" und gilt als profilierter Forscher zur Zwangsarbeit unter den Nationalsozialisten. Seine Generalkritik an der Untersuchung erschien in der "Zeitschrift für Unternehmensgeschichte (ZUG)" bereits Ende 2015. Die 518 Seiten starke Studie namens "Kriegswirtschaft und Arbeitseinsatz bei der Auto Union AG Chemnitz im Zweiten Weltkrieg" stammt von 2014.

Die Wurzeln des VW-Konzerns liegen im Nationalsozialismus. Adolf Hitler legte den Grundstein für das Stammwerk Wolfsburg, das mit Geld aus dem enteigneten Gewerkschaftsvermögen entstand. Audi gehört seit 1965 zum VW-Konzern. Seine Beziehungen zu Geschäftspartnern regelt der VW-Konzern heute in einem Vorgabenkatalog: "Volkswagen lehnt jegliche wissentliche Nutzung von Zwangs- und Pflichtarbeit einschließlich Schuldknechtschaft oder unfreiwilliger Häftlingsarbeit ab."

kig/dpa
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