Öko-Manager Die Elite bläst zur grünen Revolution

Öko-Rebellen kämpfen für die Energiewende? Das war einmal. Die Elite-Uni St. Gallen bildet Profi-Manager für die grüne Revolution aus. Hauptmotiv der Studenten: Geld verdienen - die gute Tat ist nur ein Nebeneffekt.
Glühbirne: "Ingenieure sind vorhanden - aber beim Management hapert es"

Glühbirne: "Ingenieure sind vorhanden - aber beim Management hapert es"

Foto: Armin Weigel/ dpa

Schon die Lage der Universität St. Gallen sagt einiges aus: Auf einem Berg thront sie über der kleinen Stadt am Rande der Schweiz. Andere Hochschulen sind stolz, wenn sie einen Vorplatz mit Brunnen haben. Die etwa 7000 Studenten der Uni St. Gallen (HSG) können auf einer "Piazza" die Blicke über Häuser, Berggipfel und den Horizont schweifen lassen.

An diesem Ort sollen die Impulse für die globale Energiewende entstehen. Eine kleine Truppe von Führungskräften und Entscheidern büffelt seit Februar an der Universität St. Gallen, um den Wandel hin zu einer nachhaltigen Energieversorgung voranzubringen.

Wer in St. Gallen studiert, versteht sich als Elite. Das zeigt ein Blick in den Image-Shop der Uni. Andere Hochschulen verkaufen Schlüsselbänder und Rucksäcke mit ihrem Logo, in St. Gallen werden Golfbälle, Manschettenknöpfe und Champagner mit eigenem Label angeboten.

Einige HSG-Absolventen haben in der Finanzwelt bereits das Sagen. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat in St. Gallen gelernt, auch Commerzbank-Chef Martin Blessing und Allianz-Vorstand Paul Achleitner studierten hier. Die Universität hat keine Scheu vor hohen Ansprüchen und Superlativen. Kein Wunder also, dass sie nun auch die Anführer der Energiewende hervorbringen will.

Nur was sich lohnt, setzt sich durch

"Es gibt ein riesiges Marktpotential, das jemand nutzen muss. Unser Anspruch ist es nicht, die Welt zu retten, aber wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass die Chancen genutzt werden", sagt Rolf Wüstenhagen. Der Professor leitet den Lehrstuhl für Management erneuerbarer Energien und hat die neue Ausbildung mitentwickelt.

Seit Jahren schon stecken Idealisten Geld und Mühe in den grünen Wandel, spätestens seit Fukushima haben Politiker weltweit erkannt, dass sie mehr für den Ausbau regenerativer Energien tun müssen. Doch auf Ankündigungen will sich Wüstenhagen nicht verlassen. Auch das ehrenwerte Engagement von Öko-Rebellen reicht ihm nicht. "Wir haben gesehen: Ingenieure und die entsprechende Technik sind vorhanden - aber beim Management hapert es", sagt er.

Mit dem "Renewable Energy Management Programm" will Wüstenhagen Führungskräfte für den grünen Wandel fit machen. "Die Hauptmotivation ist die Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg in einer Wachstumsbranche." Dass die jungen Männer und Frauen dabei Gutes tun können, sei nur "ein angenehmer Nebeneffekt". Für grüne Träumer ist St. Gallen ohnehin der falsche Ort. "Wenn nur diejenigen die Energiewende wollen, denen es nicht ums Geld geht, dann wird sich wenig ändern", sagt Wüstenhagen.

Lobbyarbeit gehört zum Studienprogramm

Dass es seinen 14 Studenten um Erfolg und Geld geht, liegt auf der Hand. Schließlich gehen sie in Vorleistung: Etwa 28.000 Schweizer Franken kostet das Programm, umgerechnet sind das rund 22.000 Euro. Aus sieben Ländern kommen die Teilnehmer, fast die Hälfte der Leute stammt aus Deutschland. Im Schnitt haben sie schon zwölf Jahre Berufserfahrung. Sie kommen nicht aus der klassischen Energiebranche, sondern von Softwarekonzernen, Autozulieferern, aus der Medizintechnik, der Finanzbranche, aus der öffentlichen Verwaltung, oder sie haben sich als Unternehmer selbständig gemacht.

In acht Modulen sollen sie innerhalb eines Jahres lernen, wie sie die Energiewende in die Welt hinaustragen können. Ein wichtiges Thema ist deshalb Marketing. Nur wenn man den Menschen die Vorteile regenerativer Energien nahebringen könne, werden diese akzeptiert, sagt Wüstenhagen. Außerdem sollen die Teilnehmer in Praxisprojekten Finanzierung und strategisches Management lernen.

Auch politische Lobbyarbeit steht auf dem Programm. Wie wichtig diese ist, hat die deutsche Atombranche im vergangenen Jahr gezeigt, als sie bei der schwarz-gelben Regierung die Laufzeitverlängerung durchdrückte. Wüstenhagen schickt seine Teilnehmer deshalb auch eine Woche nach Berlin. Sie sollen der Atombranche die Stirn bieten können. In St. Gallen setzt man traditionell auf Netzwerke und die Nähe zu Mächtigen.

Selbst Ölkonzerne müssen sich wandeln

Udo Roos lobt den guten Mix von Theorie und Praxis sowie den intensiven Austausch zwischen Politik und Wirtschaft. "Es werden Multiplikatoren ausgebildet, die das Thema beeinflussen können", sagt der 45-jährige SAP-Finanzmanager über das St. Gallener Energiemanagement-Programm. Roos gehört zum ersten Jahrgang und sieht die Ausbildung als ideale Brücke, um in den Markt für erneuerbare Energien einzusteigen. "Das Programm bietet sicherlich gute Voraussetzungen, um an der Energiewende mitzuwirken", sagt er. Die Weichen würden derzeit aber noch am effektivsten von der Politik gestellt. Auch SAP hat die Energiewende schon als Chance entdeckt. Das Unternehmen will führender Anbieter für Softwareprodukte werden, die Firmen dabei helfen sollen, auch im Energiebereich nachhaltig zu wirtschaften.

Konzerne, die den Wandel verpassen, droht der Untergang, sagt Wissenschaftler Wüstenhagen. Als Beispiel zieht er Kodak heran. Das Unternehmen wurde als Fotopionier bekannt, doch im digitalen Wandel verlor es den Anschluss.

Ähnlich könnte es beim grünen Wandel den Ölkonzernen gehen. Der französische Energiekonzern Total reagiert bereits und übernimmt für 1,4 Milliarden Dollar die Mehrheit am US-Photovoltaikunternehmen Sunpower. Selbst die deutsche Autoindustrie investiert in erneuerbare Energien. Audi will in Windanlagen investieren, der Mutterkonzern Volkswagen zieht wohl nach.

Siemens ist bereits auf den Zug aufgesprungen

Als Ideal-Typus eines Energiemanagers der neuen Generation präsentiert sich Barbara Kux. Die Siemens-Vorstandsfrau ist bei dem Industriekonzern für Nachhaltigkeit zuständig. Kux arbeitete schon für Ford, ABB, Nestle, McKinsey und Philips - allesamt keine Öko-Vorreiter. Doch auf dem St. Gallen Symposium, einem Treffen von Wirtschaftsführern und dem Nachwuchs, präsentiert sich Kux als überzeugte Managerin des grünen Wandels.

"Wir können zeigen, was technologisch möglich ist", sagt Kux. Sie präsentiert Charts mit Kurven, die zeigen, wie die Welt grüner werden könnte. Siemens gibt sich als Vorreiter bei alternativen Energien. Kux' Botschaft: Der grüne Wandel muss sich auszahlen. Bis 2014 soll der Umsatz bei Siemens mit nachhaltigen Produkten auf 40 Milliarden Euro nach oben schnellen. Im vergangenen Jahr waren es 28 Milliarden Euro. Der Konzern zählt Windkraftanlagen genauso zum Umweltportfolio wie Züge, intelligente Stromnetze, effiziente Gas- und Dampfturbinen und Energiesparlampen. In einem neuen Sektor bündelt der Konzern alle Geschäfte rund um eine umweltfreundliche Stadtentwicklung.

Zufrieden beobachtet Wüstenhagen, wie sich Banker und Studenten von Kux' grüner Begeisterung anstecken lassen. Wenn die etablierten Konzerne und Wirtschaftsführer rechtzeitig auf den Zug aufspringen, können sie die Energiewende vorantreiben und davon profitieren. "Wir können als Firma nicht die Welt verändern", sagt Kux. "Doch wir können eine Veränderung an den Märkten bewirken, etwa wenn Investoren in Firmen investieren, die ein nachhaltiges Konzept haben."

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