Ölpest an US-Golfküste Rohstoff-Roulette in der Tiefsee

Die Ölpest im Golf von Mexiko offenbart ein Dilemma der Industriestaaten: Bohrungen in der Tiefsee sind hochriskant - doch viele Regierungen dulden sie in der Hoffnung auf energiepolitische Unabhängigkeit.

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Hamburg - Der amerikanischen Golfküste droht eine Umweltkatastrophe ungeahnten Ausmaßes. Ein gewaltiger Ölteppich breitet sich im Golf von Mexiko aus, erste Ausläufer haben die Küstengewässer erreicht. Die Fischerei und der Tourismus, zwei Branchen, die sich gerade erst von den Folgen des verheerenden Hurrikans "Katrina" von 2005 erholt haben, erwarten neue schwere Schäden.

Ursache der Katastrophe ist die Havarie einer Ölplattform im Golf von Mexiko. Die "Deepwater Horizon" war nach einer Explosion im Meer versunken, elf Menschen kamen nach derzeitigen Erkenntnissen ums Leben. Mit der "Deepwater Horizon" hatte der Tiefsee-Bohrspezialist Transocean für den Energieriesen BP nach Öl gebohrt. Nach der Explosion speit der Meeresgrund nun in gut 1500 Meter Tiefe riesige Mengen Öl. 800.000 Liter, gut 700 Tonnen, sprudeln täglich aus drei Lecks.

Die Energiewirtschaft stellt das Desaster vor essentielle Fragen: War die Technik zur Ölförderung in der Tiefsee wirklich ausgereift? Waren die Sicherheitsvorkehrungen streng genug? Oder haben Konzerne und Regierungen bei ihrer Rohstoffjagd zu große Umweltrisiken in Kauf genommen?

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Fakt ist: Konzerne wie Exxon Mobil Chart zeigen oder BP haben sich in den vergangenen Jahren zu immer waghalsigeren Hochseeabenteuern hinreißen lassen. Immer tiefer wird das Meer, in dem sie nach Öl bohren. Und am Meeresgrund ist noch lange nicht Schluss: Dort schrauben sich die Rohstoffsauger noch viele Meter weiter ins Gestein, um zu neuen, unerschlossenen Ölfeldern vorzustoßen.

Technische Hybris?

"Technische Fortschritte und ein steigender Ölpreis machen die Förderung Hunderte Meilen vor der Küste rentabel", sagt Steffen Bukold vom Beratungshaus Energycomment. Nicht nur im Golf von Mexiko, auch vor den Küsten Brasiliens und Angolas drängten die Bohrinseln immer tiefer vor.

Für die Konzerne lohnt sich die Rohstoffjagd in der Tiefsee. "Zwar sind die Investitionen immens", sagt Bukold. Im Golf von Mexiko koste eine Bohrung bis zu 100 Millionen Dollar. "Doch die Felder, die aufwendig erschlossen werden, sind riesengroß. Die Konzerne können Öl im Wert von vielen Milliarden Euro fördern."

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Allerdings bewegen sich die Energiemultis bei der Förderung hart an der Grenze des technisch Machbaren. "In der Tiefe herrschen extreme Druck- und Temperaturverhältnisse", sagt Bukold. "Die Umgebungsbedingungen sind extrem." Fehler bei der Bohrung könnten schnell unbeherrschbar werden. Noch immer seien Tiefseebohrungen ein riskantes Unterfangen.

Schon in seichteren Gewässern ist die Offshore-Technik enorm störanfällig. Nach Angaben der US-Regierung gab es zwischen 2001 und 2007 mehr als 1400 Unfälle auf Ölplattformen mit 41 Toten und Hunderten Verletzten.

Jetzt ist eine Tiefseebohrung spektakulär gescheitert - und es wird zu klären sein, ob technische Hybris die Ursache war oder menschliches Versagen.

Katastrophe historischen Ausmaßes

Schon jetzt steht fest: Die Havarie der "Deepwater Horizon" ist einer der schlimmsten Ölunfälle in der Geschichte Amerikas. Wird das Leck nicht bald gestopft, könnte die Katastrophe die Ausmaße der bislang schlimmsten Ölpest übertreffen: die Havarie der "Exxon-Valdez". 1989 setzte ein betrunkener Kapitän den Tanker auf ein Riff. 40.000 Tonnen Öl verseuchten fast 2000 Kilometer Küste.

Sprudeln die Lecks am Meeresgrund noch gut 50 Tage weiter, wäre der bisherige Negativrekord eingestellt. Und schnell reagieren kann BP offenbar nicht. "Das Öl-Gas-Gemisch schießt mit gewaltigem Druck aus der Erde", sagt Bukold. Die übliche Methode, die Lecks zu schließen, sei, ein neues Loch zu bohren und das Öl in die neue, intakte Leitung abzulenken. Doch bis der Konzern das Material für eine neue Bohrinsel an die Unfallstelle geschafft hat, bis diese aufgebaut ist und im Untergrund eine geeignete neue Bohrstelle identifiziert ist - bis dahin wird wohl noch viel Öl aus dem Untergrund sprudeln.

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Von allein wird die Quelle wohl nicht so schnell versiegen. "Die undichte Lagerstätte befindet sich vermutlich in einem gewaltigen Ölfeld", sagt Bukold. Es gebe die vage Möglichkeit, dass die Lagerstätte nicht mit dem gesamten Feld verbunden sei - doch Informationen darüber habe BP bislang nicht gegeben. "Es zeichnet sich ab, dass eher Monate denn Tage vergehen werden bis zu einer Lösung", sagte auch Dougie Youngson, Ölanalyst bei Arbuthnot.

Umweltexperten graut vor diesem Szenario. "Ich habe Angst", sagte David Kennedy, seit mehr als 20 Jahren in Diensten der amerikanischen Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA. "Das ist eine sehr, sehr große Sache." Der schiere Umfang der Bemühungen, die zur Eindämmung der Katastrophe nötig sind, sei "überwältigend".

Milliardenkosten für BP

Das wird auch BP zu spüren bekommen. Für die Katastrophe muss der Konzern, der inzwischen die Übernahme der Kosten zugesagt hat, wohl Milliarden berappen:

  • Allein die gesunkene Bohrinsel war mehrere Hunderte Millionen Euro wert.
  • Hinzu dürften hohe Schadensersatzforderungen kommen. In der betroffenen Region werden jährlich Meeresfrüchte und Fisch im Wert von 1,8 Milliarden Euro gezüchtet und gefangen. Krabbenfischer aus Louisiana und Alabama haben bereits eine Sammelklage gegen BP eingereicht.
  • Die Umweltkosten sind beträchtlich. BP hat sich bereiterklärt, die Kosten zur Beseitigung der Ölpest im Golf von Mexiko zu übernehmen.
  • Das US-Präsidialamt warnte zudem davor, dass der Ölteppich die Schifffahrt im Golf von Mexiko massiv behindern könnte. Schiffe könnten die Seewege nicht mehr uneingeschränkt befahren.
  • Durch Förderausfälle dürften dem Konzern Umsätze von vielen Millionen Euro entgehen.

Wie hoch die Gesamtkosten sind, ist unklar. Insider sprechen von bis zu 14 Milliarden Dollar. Die US-Großbank Goldman Sachs hält diese Schätzung in einer ersten Analyse für übertrieben - und empfiehlt, weiter BP-Aktien zu kaufen.

Tatsächlich dürfte die Katastrophe dem Konzern die Bilanz verhageln - in Existenznöte bringen wird sie ihn nicht: Allein im ersten Quartal verdiente das Unternehmen 5,6 Milliarden Dollar; im Gesamtjahr 2009 nahm BP 13,9 Milliarden Dollar ein.

Zudem erhöht die Katastrophe paradoxerweise die Margen anderer Förderfelder. "Es gibt Grund zur Annahme, dass der Ölpreis steigt", sagt Carsten Fritsch, Energieanalyst bei der Commerzbank. Spekulanten dürften den Preis nach der Katastrophe in die Höhe treiben. Entsprechend mehr Geld verdient BP an seinem Öl.

Experten erwarten keine ernsthaften politischen Konsequenzen

Bleibt die Frage, was die Katastrophe für die Energiewirtschaft bedeutet. Experten sagen: vermutlich nichts. Denn die Entdeckung neuer Quellen im sogenannten Tiber-Feld 400 Kilometer südöstlich der US-Stadt Houston gilt nicht nur für die Konzerne als Goldgrube - auch die Regierung setzt große Hoffnungen in sie.

Erst Ende März hatte US-Präsident Barack Obama angekündigt, erstmals seit den sechziger Jahren Ölbohrungen vor der amerikanischen Ostküste und in zusätzlichen Gebieten im Golf von Mexiko zu genehmigen.

Jetzt setzen die USA neue Tiefseebohrungen vorerst aus. Die Bohrarbeiten in neuen Feldern würden erst wieder genehmigt, wenn die Ursache des Unglücks geklärt sei, sagte Präsidenten-Berater David Axelrod am Freitag dem Fernsehsender ABC.

Dass dieses Moratorium von Dauer ist, glauben Experten indes nicht. "Die US-Regierung wird den Vorfall genau prüfen", sagt Fritsch von der Commerzbank. "Es ist aber unwahrscheinlich, dass sie die Förderung in der Tiefe auf Dauer aussetzt."

Denn die Erschließung der Ölfelder schafft nicht nur Arbeitsplätze, sie erhöht auch die Unabhängigkeit Amerikas von anderen Energielieferanten. Die größte Industrienation der Welt führt viel Energie aus krisenanfälligen Staaten wie den Opec-Ländern ein.

Als wahrscheinlich gilt daher, dass die Regierung die Sicherheitsvorschriften erhöht - und die Tiefsee wieder für Bohrungen freigibt. Die Konzerne dürften die Ausbeutung des Meeresbodens dann rasch vorantreiben: Erst kürzlich übernahm BP vom US-Rivalen Devon Energy zahlreiche Ölfelder im Golf von Mexiko.

Mit jedem technisch heiklen Bohrprojekt aber wächst die Gefahr von neuen ökologischen Katastrophen.

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