Goldman-Studie Billiges Öl könnte für Lieferengpässe sorgen

Der rapide Preissturz beim Rohöl könnte Konzerne hart treffen. Laut Goldman Sachs lohnen sich bei den aktuellen Preisen viele Förderprojekte nicht mehr. Gefährdet seien Investitionen von fast einer Billion Dollar.

Ölplattform in der Nordsee bei Schottland: Versorgung zunehmend unsicher
REUTERS

Ölplattform in der Nordsee bei Schottland: Versorgung zunehmend unsicher


Hamburg/London - Ein derartiger Absturz hat Seltenheitswert: Seit Mitte Juni ist Öl um rund 45 Prozent billiger geworden, derzeit kostet ein Fass der Nordseesorte Brent lediglich rund 61 Dollar. Verbraucher und die meisten Unternehmen können sich über günstige Kosten freuen.

Für die Ausrüster der Ölindustrie allerdings könnten einer Analyse der US-Bank Goldman Sachs zufolge schwierige Zeiten anbrechen: Demnach sind Förderprojekte mit einer Investitionssumme von bis zu 930 Milliarden Dollar gefährdet, berichtet die "Financial Times".

Die Experten gehen bei ihrer Schätzung von einem Preis für ein Fass Brent von etwa 70 Dollar aus - also von einem deutlich höheren als dem derzeitigen. Für die Analyse untersuchten sie laut dem Bericht 400 Gas- und Ölfelder weltweit, für die mehrheitlich noch die letzte Entscheidung über Investitionen in Förderprojekte ausstehen.

Bis zum Jahr 2020 beträgt demnach die Menge an Öl, deren Förderung sich nicht mehr lohnen würde, 2,3 Millionen Fässer pro Tag. Im Jahr 2025 wären es bereits 7,5 Millionen Fässer am Tag, die nicht gefördert werden würden, weil es sich nicht rechnet. Denn viele Ölvorkommen sind inzwischen nur noch mit einem erheblichen technischen - und damit auch finanziellen - Aufwand auszubeuten, etwa die in der Tiefsee. Ausgenommen haben die Experten von Goldman Sachs die Schieferölreserven in den USA. Der relativ junge Boom der US-Ölindustrie trägt auch zum Preisverfall auf dem Weltmarkt bei.

Vor allem Ausrüster betroffen

Die Zeitung zitiert zudem eine Analyse der Beratungsfirma Wood Mackenzie, die noch drastischere Einschnitte bei den Investitionen für möglich hält. Demnach könnte die Ölindustrie als Reaktion auf den Preisverfall allein im Jahr 2018 ihre Kosten um 250 Milliarden Dollar drosseln. Das gelte insbesondere für die großen globalen Ölkonzerne.

Leidtragende der Kostenkürzungen wären demnach vor allem die Ausrüstungs- und Zulieferbetriebe. Die Ölmultis stünden unter dem erheblichen Druck ihrer Aktionäre, die Dividenden trotz fallender Umsätze stabil zu halten. Daher würden die Konzerne wohl darauf drängen, die Verträge mit den Ausrüstern neu zu verhandeln und dabei die Preise zu drücken.

Grundsätzlich sind die prognostizierten Reaktionen auf den Ölpreis ein normaler und wünschenswerter Marktmechanismus: Wird weniger Öl gefördert, weil es sich nicht rechnet, verknappt sich das Angebot, in der Folge steigt der Ölpreis. Das lässt die Industrie wieder mehr investieren, die Förderung steigt, und der Kreislauf beginnt von vorne.

fdi

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willibaldus 16.12.2014
1. Wenn die Ausschläge nicht so krass werden,
ist das alles in Ordnung. Ich habe keinen Bock auf den Zusammenbruch von Staaten und den daraus zwangsläufig folgenden Verwerfungen auf dem politischen Sektor. Bitte nicht. Meiner Meinung nach liegt der rapide Einbruch daran, dass die Fracking Industrie so schnell gewachsen ist und die traditionellen Ölproduzenten wie SA nicht darauf reagiert haben. Offensichtlich wollte die OPEC einen Preis von 100 Dollar pro barrel sonst wäre der Ölpreis in den letzten Jahren nicht so ungewöhnlich stabil gewesen. Vielleicht meint SA auch, die Fracking Firmen aushungern zu können und gleichzeitig Iran unten zu halten, wer weiss?
dwg 16.12.2014
2. Alarmismus
Ja, und dann wird das Rohöl wieder teurer. So etwas nett man die Selbstregulierungskräfte von (funktionierenden) Märkten. Das schrammt dann auch mal hier oder da.
kinngrimm 16.12.2014
3. Bush Model
Wie auf Bloomberg berichtet hat Jeb Bush einen Equity Fund in England angelegt. England was die neuen Cayman Islands währen. Nun sammelt der Jeb von Steuerflüchtigen Europäern, anonymisiert die Euros ein. Damit kauft er Öl und fracking Gas. Verkauft wird das ganze dann an die Chinesen. Klasse Sache müssen sich die Amis denken, das Gas was dazu dient Sie Erdöl/Erdgas/Energie -unabhängig zu machen, welches mittlerweile 5 US Bundestaaten so verpestet das Leute wegen zu hohen Strahlenwerten umziehen und die Schweinerrei vom Weltraum deutlich zu erkennen ist, selbiges wird dann nach China verkauft. Naja dafür hat jetzt der Jeb auch gute Chancen demnächst als Presidentschaftskanditdat. Ist das nicht toll? Wir leben doch in einem super System.
frank_rademacher 16.12.2014
4. Wie definiert sich der Öl-Preis?
Der Ölpreis war von 1982 bis 2003 nahezu stabil zwischen 28 und 35$ je Fass. Nachdem Irak-Krieg explodierte der Preis, in der Spitze bis 160$. Der heute rasant fallende Öl Preis ist ein deutlicher Beweis dafür, dass durch Marktmanipulation in der Zeit 2003 bis 2014 ein viel zu hoher Öl Preis bezahlt worden ist. Ich habe das mal überschlagen, weltweit wurden so 38 Billionen $ zu viel bezahlt. Möglicherweise hat der US-Admin so seine Kriegskosten finanziert. Ich persönlich glaube die Fantasiegeschichte nicht mehr, dass der Öl-Preis sich je nach Marktlage definiert.
Bin_der_Neue 16.12.2014
5. Ausgerechnet eine Bank..
..analysiert Preisverfall und prognostiziert Lieferengpässe. Die dann natürlich äusserst gelegen kommen, um den Preis wieder anzuheben. Was widerum Banken & Co. sehr zupass kommt. Es ist nun wirklich kein Geheimnis mehr, dass Verbraucher von allen Seiten für komplett dumm verkauft werden, nicht nur in unserem Lande. Aber dass es mittlerweile so unverschämt unverblümt geschieht, ist schon erschreckend.
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