Fallende Energiepreise Die Gefahr des billigen Öls

Der Ölpreis ist in einem Jahr von 110 auf 40 Dollar pro Fass gestürzt. Schön für die Autofahrer - und ein Desaster für Exporteure wie Russland. Wegen der Billigenergie fehlen vielen Staaten Milliardensummen, mancherorts drohen Unruhen.
Ölförderung in den USA (North Dakota): Ölpreiskrieg um Marktanteile

Ölförderung in den USA (North Dakota): Ölpreiskrieg um Marktanteile

Foto: Andrew Burton/ AFP

Der Ölpreis nähert sich dem tiefsten Stand seit mehr als zehn Jahren. Gründe dafür gibt es viele:

  • die Atomeinigung mit Iran (das mit seinem Öl an den Weltmarkt zurückkehren kann),

  • das Fracking in den USA (die deshalb bald zum weltgrößten Ölförderer werden dürften),

Sicher ist, dass alle Exportländer unter dem Preisverfall leiden, manche allerdings deutlich mehr als andere. Saudi-Arabien nimmt den niedrigen Ölpreis bewusst in Kauf. Das Kalkül des Golfstaats: Wenn die Förderung für andere Exportstaaten unrentabel wird, müssen Förderfirmen dort aufgeben. Die Folge wäre ein größerer Marktanteil für Saudi-Arabien - das dann die Preise wieder anheben könnte.

Tatsächlich kürzt die Branche wegen der gesunkenen Erlöse weltweit ihre Investitionen. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht für das laufende Jahr von einem Rückgang in Höhe von 100 Milliarden Dollar aus - das sind 20 Prozent weniger als im Vorjahr und der größte Rückgang der Geschichte. Wegen der fehlenden Investitionen wird der Ölpreis in einigen Jahren also wieder kräftig steigen.

Foto: SPIEGEL ONLINE

In der Branche spricht man von einem Ölpreiskrieg. Für Saudi-Arabien sind die USA der Hauptgegner: Die Förderung von Erdöl aus Schiefergestein mittels Fracking ist verhältnismäßig teuer. Bisher galt Fracking bis zu einem Ölpreis von 70 Dollar je Fass als rentabel. Viele Unternehmen scheinen sich aber angepasst zu haben und produzieren nun offenbar auch bei weniger als 50 Dollar kostendeckend.

Die Frage ist also: Wer hält die niedrigen Preise am längsten aus? Und: Welche Folgen drohen den Ländern, wenn sie mit ihren Ölverkäufen ihre Staatsausgaben nicht mehr decken können?

  • Saudi-Arabien

Offshore Ölplattform in Saudi-Arabien: Haushaltsdefizit von 150 Milliarden Dollar

Offshore Ölplattform in Saudi-Arabien: Haushaltsdefizit von 150 Milliarden Dollar

Foto: HO / REUTERS

Saudi-Arabien sitzt auf verhältnismäßig leicht zugänglichen Ölfeldern, die Förderkosten sind mit teilweise weniger als zehn Dollar je Fass sehr gering. Mit zehn Millionen Fass pro Tag ist das Königreich (gemeinsam mit den USA) das führende Produktionsland, hat die Menge in den vergangenen Monaten aber noch einmal deutlich erhöht - und weitere Bohrtürme errichtet.

Zwar sind die Einnahmen des Landes hoch, die Ausgaben aber auch: Der neue König Salman hatte sich mit Versprechen bei seinem Volk beliebt gemacht, die ihn umgerechnet rund 28 Milliarden Euro kosten. Jetzt muss sich das Land zum ersten Mal seit Jahren wieder Geld an den Finanzmärkten leihen. Dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge dürfte das Land in diesem Jahr ein Haushaltsdefizit von bis zu 150 Milliarden Dollar anhäufen - rund 20 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: Das ist ein höheres Defizit als Griechenland auf dem Höhepunkt der Eurokrise im Jahr 2009 aufwies (15,5 Prozent).

Allerdings: Von einem Staatsbankrott ist Saudi-Arabien weit entfernt. Die Devisenreserven sind groß - ebenso in anderen Golfstaaten wie Katar, Kuwait, Oman, Bahrein oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Analysten erwarten, dass Saudi-Arabien schlicht bei geplanten Infrastrukturprojekten sparen wird und weitere Flughäfen und Häfen privatisieren könnte.

Auf keinen Fall will Saudi-Arabien bei seinen über eine Million Staatsangestellten sparen. Denn die Arbeitslosigkeit, die derzeit bei knapp zwölf Prozent liegt, soll nicht steigen. Das saudische Königreich weiß genau, dass die Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen eine der Ursachen des Arabischen Frühlings war, der mehrere Nahoststaaten erschütterte.

  • Algerien

Amenas Öl- und Gasfeld in Algerien: Kritik an Opec-Kollegen

Amenas Öl- und Gasfeld in Algerien: Kritik an Opec-Kollegen

Foto: AFP/ Kjetil Alsvik/ Statoil

Algerien hält wenig von der Entscheidung seiner Opec-Kollegen, die Ölproduktion auf dem bisherigen Niveau zu belassen und die Ölpreise niedrig zu halten. Denn anders als Saudi-Arabien oder andere Golfstaaten hat Algerien kaum finanzielle Polster und steht wirtschaftlich viel schwächer da. Seine eigene Produktion könnte es kaum zurückfahren: Es ist auf die Einnahmen aus dem Verkauf von Öl angewiesen - für einen ausgeglichenen Haushalt braucht das Land einen Ölpreis von knapp 120 Dollar je Fass. Mit hohen Sozialausgaben versucht das autoritär geführte Algerien, seine Bevölkerung ruhig zu halten. Muss es die Ausgaben kürzen, könnte es zu Unruhen kommen.

  • Libyen

Öltransport in Libyen: Krieg um die Kontrolle der Ölquellen

Öltransport in Libyen: Krieg um die Kontrolle der Ölquellen

Foto: Chris Hondros/ Getty Images

Libyens rivalisierende Regierungen haben die Opec dafür kritisiert, dass sie die Produktion nicht drosselt. Libyens eigener Export ist zuletzt stets gefallen. In dem Land tobt ein neuer Bürgerkrieg. Das Land exportiert aktuell nur noch ein Viertel so viel Öl wie vor Beginn der Aufstände 2011 gegen den langjährigen Diktator Muammar al-Gaddafi. Derzeit streiten zwei Regierungen um die Macht und das Öl. Nun hat sich eine dritte Front aufgetan: Auch der "Islamische Staat" (IS) versucht, die Ölquellen unter seine Kontrolle zu bekommen. Öl ist derzeit die einzige Einnahmequelle des Landes.

  • Iran

Iranischer Supertanker: Nach Ende der Sanktionen eine Million Fass pro Tag

Iranischer Supertanker: Nach Ende der Sanktionen eine Million Fass pro Tag

Foto: TIM CHONG/ REUTERS

Wegen seines Atomprogramms ist Iran seit Jahren vom globalen Ölmarkt abgeschnitten. Sobald das jüngste Atomabkommen aber von allen Beteiligten angenommen ist, dürften die Sanktionen fallen - und das Land wird umgehend sein Erdöl anbieten. "Wir werden unsere Ölproduktion auf jeden Fall erhöhen", sagte der iranische Energieminister am vergangenen Sonntag. "Wir haben keine Alternative." So will Iran Marktanteile zurückgewinnen, die es durch die Sanktionen verloren hat. Angekündigt sind eine Million Fass pro Tag - was den Ölpreis nach Einschätzung der Weltbank um weitere zehn Dollar drücken dürfte.

  • Venezuela

Offshore-Plattform in Venezuela: Abhängig von Öleinnahmen

Offshore-Plattform in Venezuela: Abhängig von Öleinnahmen

Foto: JORGE SILVA/ REUTERS

Venezuela finanziert sich zu 60 Prozent durch Ölexporte. Um seine Staatsausgaben zu decken, benötigt das Land einen Ölpreis von knapp unter 120 Dollar. Da die Regierung in Caracas zudem kaum Devisenreserven hat, ist die Gefahr einer Krise in dem armen Land besonders hoch.

Seit der Jahrtausendwende hat Venezuela sehr wenig in seine Ölindustrie investiert, die Förderung ist vergleichsweise teuer. Zwar strebt das Land seit Jahren eine Produktionsmenge von vier bis fünf Millionen Fass pro Tag an, mehr als drei Millionen sind es aber immer noch nicht. Dazu kommt: Rund ein Drittel des venezolanischen Öls wird zu extrem günstigen Preisen an die eigene Bevölkerung und nach Kuba quasi verschenkt. Weitere bis zu 450.000 Fass pro Tag gehen angeblich als Bezahlung für Kredite nach China.

Anfang des Jahres war Venezuelas Präsident Nicolás Maduro sogar extra nach Saudi-Arabien gereist, um mit den Mitgliedern der Königsfamilie über eine Stabilisierung der Ölpreise zu sprechen, allerdings ohne Erfolg.

  • Russland

Russisches Ölfeld in Sibirien: Ölpreis von 105 Dollar für ausgeglichenen Haushalt

Russisches Ölfeld in Sibirien: Ölpreis von 105 Dollar für ausgeglichenen Haushalt

Foto: Pavel Lokshin

Russland leidet enorm unter dem fallenden Ölpreis: Die russischen Staatseinnahmen speisen sich zu einem großen Teil aus Rohstoffexporten, vor allem aus Öl und Gas. Für einen ausgeglichenen Haushalt benötigt die Regierung in Moskau Experten zufolge einen Ölpreis von 105 Dollar je Fass - derzeit ein utopisches Ziel. Jeder Dollar weniger bedeutet für den Staat Mindereinnahmen von rund zwei Milliarden Dollar. Die russische Zentralbank prognostizierte im Januar einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 4,5 Prozent in diesem Jahr, sollte der Ölpreis im Durchschnitt bei 60 Dollar liegen - aktuell sind es weniger als 50 Dollar.

Und Russland hat ein weiteres Problem: Auch die Einnahmen aus den gewaltigen russischen Erdgasexporten dürften fallen, weil die Gastarife in vielen Fällen an den Ölpreis gekoppelt sind.

  • Nigeria

Nigerianische Ölbohrplattform: Terror, Attentate und Piraten

Nigerianische Ölbohrplattform: Terror, Attentate und Piraten

Foto: PIUS UTOMI EKPEI/ AFP

Nigeria leidet schon unter der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram, unter Selbstmordattentaten und Piratenüberfällen vor der Küste. Das westafrikanische Land braucht für einen gedeckten Staatshaushalt mit rund 125 Dollar je Fass ein Mehrfaches des aktuellen Ölpreises. Mit umgerechnet vier Milliarden Euro sind die Devisenreserven klein - lange kann Nigeria beim aktuellen Stand also nicht durchhalten, und politisch stabil ist das Land auch nicht.

Mehrfach hat die Regierung bereits die Ausgaben gekürzt, die Zinsen erhöht und Sparmaßnahmen beschlossen - allerdings auf Basis einer Kalkulation mit einem Ölpreis von 65 Dollar. Rund 70 Prozent der Staatseinnahmen und fast die gesamten Exporterlöse kommen aus dem Ölgeschäft, Devisenreserven hat das Land nur wenige.

  • Norwegen

Norwegische Ölarbeiter: Rasanter Anstieg der Arbeitslosigkeit

Norwegische Ölarbeiter: Rasanter Anstieg der Arbeitslosigkeit

Foto: REUTERS/NTB Scanpix

Norwegen, das einzige europäische Land mit nennenswerter Ölproduktion, füllt mit den Einnahmen aus den Rohstoffexporten seit Jahren einen Staatsfonds. Öl und Gas tragen 20 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, und auch hier wirkt der niedrige Ölpreis verheerend: Im zweiten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt um 0,1 Prozent geschrumpft, die Industrieproduktion des Landes ging sogar um 2,1 Prozent zurück. Den Kommunen fehlen Millionen an Steuereinnahmen.

Auch die Arbeitslosigkeit steigt. In der norwegischen Ölhauptstadt Stavanger schoss die Zahl der Menschen ohne Job binnen eines Jahres um 65 Prozent in die Höhe - seit Anfang 2014 hat die Branche mehr als 20.000 Jobs gestrichen, und sogar die seit Jahrzehnten immer weiter gestiegenen Immobilienpreise sinken wieder. Möglicherweise muss der rund 800 Milliarden Euro schwere Staatsfonds der Regierung bald Geld zuschießen.

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