Zerstörte Anlagen in Saudi-Arabien Was der Ölpreis-Schock für die Weltwirtschaft bedeutet

Der Angriff auf Anlagen in Saudi-Arabien hat die Ölmärkte erschüttert. Der Ökonom Klaus-Jürgen Gern erklärt, warum das die Wirtschaft vorerst nicht in die Krise stürzt - und ab wann es wirklich gefährlich wird.

Förderstätte in Saudi-Arabien: Seit Jahren gibt es ein Überangebot an Rohöl
MARWAN NAAMANI / AFP

Förderstätte in Saudi-Arabien: Seit Jahren gibt es ein Überangebot an Rohöl

Ein Interview von


SPIEGEL: Herr Gern, nach den Anschlägen in Saudi-Arabien sind die Kurse an den internationalen Ölmarkten nach oben geschossen. Mehr als fünf Prozent der Weltproduktion fallen erst einmal aus, bis die Raffinerieanlagen repariert sind. Müssen sich die Verbraucher jetzt auf höhere Preise für Heizöl, Benzin und Diesel einstellen?

Gern: Nein - solange dieser Anschlag ein einmaliges Ereignis war. Der Angriff hat den Markt schockiert, das hat die erste Reaktion am Montagmorgen gezeigt. Aber dann hat sich der Preis innerhalb weniger Stunden wieder normalisiert. Jetzt sehen wir zwar einen deutlichen Anstieg gegenüber dem vergangenen Freitag. Aber der Ölpreis ist noch immer in einem Bereich, wie wir ihn in diesem Sommer mehrmals gesehen haben. Vergangenes Jahr war Rohöl im Durchschnitt sogar deutlich teurer als jetzt. Die große Panik ist bislang ausgeblieben.

Zur Person
  • Jürgen Heinrich / imago images
    Klaus-Jürgen Gern ist Ökonom am Prognosezentrum des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Sein Fachgebiet ist die internationale Konjunkturforschung.

SPIEGEL: Weil das Angebot auf dem Weltmarkt groß genug ist?

Gern: Die Konsumenten müssen keine akuten Engpässe befürchten. Die Lager in vielen Verbraucherstaaten sind gut gefüllt. Damit kann man die saudi-arabischen Produktionsausfälle kurzfristig ausgleichen. Mittelfristig haben Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder Russland ungenutzte Förderkapazitäten, die sie jederzeit hochfahren können - gerade wenn es länger dauern sollte mit der Wiederherstellung der saudi-arabischen Anlagen.

REUTERS/Spiegel Online

SPIEGEL: Und langfristig?

Gern: Fundamental hat sich die Lage am Ölmarkt nicht verändert. Seit Jahren gibt es ein strukturelles Überangebot an Rohöl. Fracking und andere alternative Technologien treiben die Förderkapazität nach oben: insbesondere in den USA, aber auch in Staaten wie Brasilien, Kanada oder Russland. Dieses zusätzliche Angebot kann Probleme in anderen Staaten wie Venezuela, wo die Förderung kollabiert ist, mehr als kompensieren.

SPIEGEL: Im Gegenzug steigt die globale Nachfrage nach Öl immer weiter.

Gern: Ja, aber zuletzt nicht so stark wie erwartet. Gerade in China wächst der Bedarf nicht mehr so wie noch vor ein paar Jahren. Da spielt sicher die schwächere Konjunktur eine Rolle. Vielleicht bremsen aber auch technologische Entwicklungen den Konsum. Der Staat fördert dort ja massiv den Ausbau der Elektromobilität. Und die Zeiten, in denen in ländlichen Regionen im großen Stil Strom mit Diesel-Generatoren erzeugt wurde, gehen auch zu Ende.

SPIEGEL: Sie sprachen die Konjunktur an. Deutschland importiert nur einen geringen Teil seines Erdölbedarfs aus Saudi-Arabien.

Gern: Weniger als zwei Prozent.

SPIEGEL: Aber die internationalen Preise sind nun gestiegen - und damit auch unsere Importkosten. Gleitet die deutsche Wirtschaft jetzt endgültig in die Rezession ab?

Gern: Ein Ölpreisanstieg könnte unserer Konjunktur den Rest geben - aber nur, wenn er eine andere Dimension hätte. Ein Plus von fünf oder sechs Dollar haben wir in den vergangenen Jahren alle paar Monate gesehen. Dies ist keine besondere Schwankung. Sie ist diesmal lediglich auf einen Tag komprimiert. Die deutsche Wirtschaft hat ihre Ölintensität...

SPIEGEL: ...also die Menge an Erdöl pro Euro Wirtschaftsleistung…...

Gern: ...in den vergangenen drei Jahrzehnten um 40 Prozent gesenkt. Zudem sichern sich Unternehmen, die große Mengen von Erdölprodukten verbrauchen, wie etwa die Lufthansa, Chemiekonzerne oder Logistik, über Terminkontrakte langfristig ab. Das versetzt keinem Unternehmen den Todesstoß. Und für Endverbraucher ist es normal, wenn der Preis an der Tankstelle um wenige Cent steigt. Dieser Anschlag allein wird sicher keine Ölkrise wie 1973 auslösen.

SPIEGEL: Ab welchem Preisniveau wird es denn kritisch?

Gern: Wenn der Kurs für die Nordsee-Referenzsorte Brent jetzt deutlich über 75 Dollar steigen und länger dort länger bleiben würde, dann wäre das eine beträchtliche Belastung für unsere Wirtschaft. Aber damit rechne ich nicht, wegen des gerade geschilderten Überangebots am Markt.

SPIEGEL: Und was geschieht, wenn die Lage am Golf weiter eskaliert - etwa wenn es zu neuen Attentaten oder Luftschlägen gegen Iran kommt?

Gern: Das wäre etwas ganz anderes. Wenn die Lage eskaliert und sich die Situation am Golf zuspitzt, wird das den Ölmarkt in Unruhe versetzen. Und wenn es zu militärischen Schlägen kommt, könnte der Preis stark und dauerhaft steigen: auch in Bereiche von 80 Dollar und höher.

insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
dunnhaupt 17.09.2019
1. Saudiarabien ist ein wichtiger Ölproduzent
Aber von den höheren Ölpreisen profitieren werden vor allem die Amerikaner, die die Saudi-Produktion schon vor mehreren Jahren überholten. Europa wird u.a. von Shell (Niederlande), Total (Frankreich), BP (Britannien), und ENI (Italien) versorgt. Iran beliefert vor allem China und Indien.
taglöhner 17.09.2019
2.
Zitat von dunnhauptAber von den höheren Ölpreisen profitieren werden vor allem die Amerikaner, die die Saudi-Produktion schon vor mehreren Jahren überholten. Europa wird u.a. von Shell (Niederlande), Total (Frankreich), BP (Britannien), und ENI (Italien) versorgt. Iran beliefert vor allem China und Indien.
Die Ölförderung macht plus, der Rest der Wirtschaft macht minus. Haben Sie die Größenordnungen in den USA im Blick? Hervorragend fährt, wer außer Waffen- und Öl/Gasexport nahezu keine Wirtschaft hat. Hmmm... gibt es solche :)? Und den Religiösen ist irdische Wirtschaft nachrangig bis wurscht.
KingTut 17.09.2019
3. Gefahr weiterer Anschläge unbedingt eindämmen
Ich stimme dem Ökonomen dahingehend zu, dass das jetzige Ausmaß des Ölpreisanstiegs noch nicht besorgniserregend ist, da das Barrel Rohöl in der Vergangenheit schon wesentlich teurer war. Die weitere Entwicklung dürfte maßgeblich davon abhängen, ob weitere Anschläge folgen. Dann könnte eine Kettenreaktion einsetzen mit sehr negativen Auswirkung auch auf uns. Jene Kräfte, die für diesen Anschlag verantwortlich sind, dürften ein großes Interesse daran haben, die USA weiter herauszufordern, um eine militärische Reaktion zu provozieren. Ich hoffe, die USA aktivieren jetzt ihr ganzes technologisches Potential, um Drohnen künftig frühzeitig zu eliminieren. Lasst uns auch nicht vergessen, dass wir diesen Konflikt nicht hätten, wenn Trump nicht aus blindem Hass gegen Obama den Atomdeal gekündigt hätte. Das relativiert das hier und da geäußerte Lob für seine militärische Zurückhaltung, die nur dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass er andernfalls um seine Wiederwahl fürchten muss.
binibona 17.09.2019
4. Affekthäscherrei
Hallo SPON, das ist wirklich Bild Niveau. Geht es auch etwas weniger dramatisch in ihren Überschriften?
Sonia 17.09.2019
5. Bitte aufhören mit dieser Panikmache
Von den Saudis beziehen wir 1,7% unseres Bedarfs. Wenn die uns gar nichts mehr liefern, wäre es überhaupt kein Problem bei den vielen Lieferern an uns diese unbedeutende Menge auszugleichen. Vielleicht mal wegen der Verbrechen, die das saudische Regime beging u.begrht, auch für den zerstückelten Journalisten, deren Öl boykottieren?
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