SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

04. April 2013, 20:13 Uhr

Enthüllungsjournalismus

Geheimsache Offshore-Leaks

Von und

Die Datenmenge ist gigantisch: Das Offshore-Leaks-Projekt über die Praktiken in Steueroasen beruht auf rund 2,5 Millionen Dokumenten. Mehr als 80 Journalisten und Forensiker arbeiteten ein Jahr lang an der Geheimsache. Dass nichts aufflog, grenzt für sie an ein Wunder.

Hamburg - Es war ein Glücksfall, dass der hochexplosive Datensatz 2012 ausgerechnet auf Gerard Ryles Schreibtisch landete. Der Journalist und Direktor des Internationalen Konsortiums investigativer Journalisten (ICIJ)wusste dank früherer Recherchen bereits einiges über die Geschäftspraktiken von Offshore-Firmen. Nun also wurden Ryle anonym insgesamt 260 Gigabyte Daten zugestellt, verborgen darin die Geheimnisse über Kunden und Praktiken internationaler Finanzdienstleister in Offshore-Zentren. Ein weltweites Journalistenkonsortium macht die Daten seit Donnerstag publik.

"Aufgrund seiner Erfahrung konnte Gerard die Authentizität der Daten zwar verifizieren", sagt Sebastian Mondial, einer der Offshore-Leaker. Doch damit habe das eigentliche Problem begonnen: Wie sollte man einen solchen gigantischen Informationsberg auswerten? 130.000 Personen aus mehr als 170 Ländern sind auf den Beständen verzeichnet, rund 2,5 Millionen Dokumente zu zehn der beliebtesten Steueroasen der Welt.

Von dem, was Insider bereits heute als den "größten Schlag gegen das große schwarze Loch der Weltwirtschaft" bezeichnen, war damals nicht viel zu sehen, sagt Mondial. Eine wilde Mischung Daten habe sich auf der Festplatte befunden. E-Mails, Scans, Briefe, Firmendatenbanken, alles durcheinander. Neben brisanten Nachrichten über Geldtransfers stießen die Kollegen des ICIJ, die Gerard Ryle mittlerweile eingeweiht hatte, auf E-Mails, mittels derer sich Menschen zum Mittagessen verabredet hatten.

Gegenentwurf zu WikiLeaks

Bei Mondial klopfte der ICIJ an, da dieser sich durch datenjournalistische Projekte einen Namen gemacht hatte. Zunächst arbeitete er mit mehr als zehn Journalisten und Forensikern aus der ganzen Welt zusammen, schlussendlich waren es 86 im Team. Mondials Job und der seines Kollegen Duncan Campbell war es, die Vielzahl von Quellen für jeden einzelnen Rechercheur zugänglich zu machen. "Das braucht einen elektronischen Workflow, so viel Material druckst du nicht mehr aus." Gerade für die Suche nach bekannten Personen in dem Datenberg und die Analyse von Beziehungen zwischen einzelnen Firmen seien spezialisierte Werkzeuge unerlässlich.

"Wir hatten Gäste im ersten Meeting, die uns Dinge über die Finanzwelt erklärt haben. Sie selbst wussten aber nicht, worum es in unserer Recherche genau geht", erinnert sich Mondial. Dass die Geheimhaltung - knapp ein Jahr lang - geklappt hat, sei fast unglaublich: "Das eine multinationale Kooperation so vertraulich funktioniert hat, das ist für mich eine der größten Leistungen des Projekts."

Nach und nach dehnte der ICIJ die Recherchen zur Entschlüsselung der Festplatte aus, viele Treffen fanden in Europa statt. Renommierte Journalisten wurden hinzugezogen, um für ihr Land eigene Recherchen anzustrengen, die jetzt in die international publizierten Artikeln münden.

Dass die anonyme Quelle nicht enttarnt wird, dafür haben die Journalisten diverse Vorkehrungen getroffen. "Das Projekt ist aus meiner Sicht auch ein Gegenentwurf zu WikiLeaks", sagt Mondial.

Das von Julian Assange gegründete WikiLeaks-Projekt hatte beispielsweise mehr als 250.000 Berichte von diplomatischen Vertretungen der USA im Internet oder ein Video zu einem US-Luftangriff in Bagdad veröffentlicht. Zum Schluss wurden allerdings auch die Namen von Informanten bekannt. Das werde bei Offshore-Leaks nicht passieren, versichert Mondial. "Das ICIJ will diese Daten nicht veröffentlichen, weil man auch großen Schaden bei unbeteiligten Dritten anrichten kann, die in den Daten genannt sind."

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung