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Baltic 1: "Nicht nur im Boot, sondern vorn dabei"

Foto: Joern Pollex/ Getty Images

Offshore-Windpark Baltic 1 Schleichstart in die Windkraft-Zukunft

Der Ausbau der Stromerzeugung vor Deutschlands Küsten kommt nur langsam voran. Nun geht der Offshore-Windpark Baltic 1 vor der Ostseehalbinsel Fischland-Darß-Zingst ans Netz. Die Energieversorger hätten gern mehr Investitionshilfen für weitere Anlagen.

Zingst - Noch bewegen sich die Flügel der 21 Windkraft- Anlagen in der Ostsee, 16 Kilometer vor der Halbinsel Fischland-Darß- Zingst, nur sehr träge. Fahrt werden sie bestenfalls am Montagmittag aufnehmen, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel in Zingst die Baltic 1 genannte Anlage offiziell eröffnet. Es ist das erste rein kommerzielle Feld dieser Art in Deutschland - und der erste Offshore-Windpark vor der deutschen Ostsee-Küste. Vor einem Jahr hatte Bundesumweltminister Norbert Röttgen per Knopfdruck das Startsignal für das Offshore-Testgebiet "Alpha Ventus" mit zwölf Windrädern in der Nordsee gegeben.

Bauherr von Baltic 1 ist der Energieversorger Energie Baden-Württemberg (EnBW). Als einer der vier großen Stromkonzerne steht das Unternehmen nach der Katastrophe von Fukushima im Mittelpunkt des Streits um die Zukunft der Atomindustrie. Baltic 1 wird mit 21 Windkraftanlagen und einer Leistung von knapp 50 Megawatt Strom für rund 50.000 Haushalte erzeugen. Zum Vergleich: Ein typisches Atomkraftwerk erzeugt durchschnittlich ein Gigawatt, also 20 Mal so viel - wenn es nicht gerade abgeschaltet werden muss, wie die En.BW-Meiler Neckarwestheim I und Philippsburg I.

Zumindest rhetorisch ist das EnBW-Management mittlerweile voll auf Windkraftkurs. Die Planung für einen zweiten Ostsee-Windpark vor Rügen mit 80 Windkraftanlagen läuft. Ab 2013 sollen das Feld den Strom für rund 340.000 Haushalte erzeugen. Die Investitionen für diese zwei Projekte belaufen sich laut EnBW-Vorstand Hans-Peter Villis auf rund 1,2 Milliarden Euro. "Das kann niemand mehr guten Gewissens als bloße PR-Maßnahme abtun", glaubt der Manager. "Wir sind beim Thema Offshore nicht nur mit im Boot, sondern ganz vorne mit dabei."

Für Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Jürgen Seidel sendet Baltic 1 ein wichtiges Signal: "Das Zeitalter der regenerativen Energien wird auf eine neue Stufe gehoben." Ausgebaut werden müssten aber noch andere Energieträger für den Fall, wenn kein Wind weht oder die Sonne nicht scheint. Gaskraftwerke könnten eine sinnvolle Alternative zum Atomstrom darstellen. Außerdem sei die Stromspeicherung noch lange nicht gelöst.

Das größte Problem ist aber der notwendige Netzausbau an Land. Bis 2020 sind laut einer Studie der Deutschen Energie-Agentur (DENA) rund 3600 Kilometer weitere Leitungen erforderlich. Doch die Widerstände gegen die Trassen sind groß. Trotzdem geht der Sachverständigenrat für Umweltfragen davon aus, dass bis 2050 der Strombedarf in Deutschland zu 100 Prozent aus regenerativen Quellen gedeckt werden kann. Auch der Ausstieg aus der Atomenergie sei bei einem beschleunigten Übergang zu den erneuerbaren Energien spätestens bis 2022 möglich. Dazu gehörten attraktive Bedingungen für die Offshore-Windindustrie, sagt der Generalsekretär des Rates, Christian Hey.

Die Energieversorger hätten freilich gern mehr Investitionshilfen für Offshore-Windparks. Die Windenenergie werde "für eine gewisse Übergangszeit noch Unterstützung durch Fördersysteme benötigen", wirbt EnBW-Vorstand Villis. Nach SPIEGEL-Informationen fordert die Energiebranche, den Strom, den Offshore-Windparkbetreiber in die Netze einspeisen, künftig nicht mehr mit 15, sondern mit mehr als 18 Cent pro Kilowattstunde zu fördern. Im Gegenzug soll die Förderdauer von aktuell 14 auf neun Jahre gekürzt werden.

Bahn bietet Nutzung ihres Stromnetzes an

Kritiker haben den großen Energiekonzernen immer wieder vorgeworfen, den Ausbau der großen Windparks vor den Küsten zu verschleppen. Bislang sind nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in der Nordsee 23 Offshore-Windparks mit insgesamt 1611 Anlagen und einer Leistung von 7650 Megawatt. Am Netz ist allerdings bisher erst ein - zwischenzeitlich pannengeplagter - Park, Alpha Ventus. Er verfügt über 12 Anlagen mit 60 Megawatt Leistung. In der Ostsee sind bisher drei Parks mit 1040 Megawatt genehmigt. Auf Baltic 1 mit seinen 21 Anlagen entfallen dabei 50 Megawatt.

Noch hat die Windkraft im Meer in Deutschland nicht recht Fahrt aufgenommen. Beim BSH liegen allerdings Anträge für weitere 56 Windparks in der Nordsee mit einer maximalen Gesamtleistung von mehr als 20 Gigawatt vor. Für die Ostsee sind zusätzlich 15 Projekte mit zusammen höchstens 2,5 Gigawatt beantragt. Langfristig könnte der Windkraftwerkspark in Nord- und Ostsee eine installierte Leistung von mehr als 30 Gigawatt. Bis 2030 soll nach dem Willen der Bundesregierung der Wert von 25 Gigawatt erreicht werden.

Ein großes Problem ist die Anbindung der Anlagen an das Stromnetz auf dem Festland. Auch sind die existierenden Leitungen für den Weitertransport des Windstroms in Regionen im Süden und Westen Deutschlands bislang nicht ausreichend. Nach SPIEGEL-Informationen bietet aber die Bahn die Nutzung ihres bisher exklusiv genutzten Stromnetzes zum Transport von regenerativ erzeugter Energie an. Auf Einladung der Bundesnetzagentur haben sich dazu Vertreter des Wirtschafts- und Verkehrsministeriums, der Bahn, des Eisenbahn-Bundesamts und der Betreiber von Stromnetzen getroffen.

Die Runde sollte ausloten, ob und wie die rund 7800 Kilometer Hochspannungsleitungen der Bahn fehlende Stromtrassen ersetzen können. Verschiedene Varianten sollen nun geprüft werden, bis hin zur vollständigen Integration des Bahnstromnetzes in die anderen Leitungsverbünde. "Alles ist möglich, wenn für die Bahn keine zusätzlichen Kosten entstehen", sagt ein Bahn-Vertreter.

chs/dpa
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