Opel-Poker Experten geben Magna kaum noch Chancen

Das Spitzentreffen der Bundesregierung mit GM ist ohne Ergebnis zu Ende gegangen, ob der Konzern dabei bleibt, Opel zu halten, ist weiter unklar. Bei Arbeitnehmern sorgen die Pläne für Entsetzen, sie fürchten Jobabbau im großen Stil. Ein Alptraum, den Experten durchaus für realistisch halten.
Von Anne Seith und Julian Trauthig
Corsa-Montage in Eisenach: Will GM Opel doch behalten? Die IG Metall läuft Sturm.

Corsa-Montage in Eisenach: Will GM Opel doch behalten? Die IG Metall läuft Sturm.

Foto: Z1020 Martin Schutt/ dpa

Hamburg/Frankfurt am Main - Immerhin ist der Chefunterhändler John Smith sofort gekommen. Zwar gab es schon vor der aktuellen Aufregung Berichte, wonach diese Woche ein Treffen mit einem Vertreter der General-Motors-Spitze   und der Bundesregierung stattfinden sollte. Dass der Vizechef des Konzerns am Dienstag zum - zugegebenermaßen kurzen - Spitzengespräch nach Deutschland kam, zeigt immerhin, dass GM den Ernst der Lage zu verstehen scheint. Egal, ob der Termin von vorneherein so geplant war oder kurzfristig umdisponiert wurde.

Denn tatsächlich ist der Ärger in Berlin groß. Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wollte wissen, "ob das stimmt oder nicht", was er da in den Zeitungen gelesen hat. Laut Berichten des "Wall Street Journals" und der "Financial Times" sucht das GM-Management nach Alternativen zu einem Verkauf der europäischen Tochter Opel. Auf Drängen des Verwaltungsrates werde in Detroit an einem Finanzierungsplan im Umfang von 4,3 Milliarden Dollar (rund drei Milliarden Euro) gearbeitet, um Opel selbst wieder auf Vordermann zu bringen. Und auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) will für die "ungeklärten Punkte aus der Vergangenheit" möglichst schnell klären und "damit die Basis für eine Entscheidung" legen.

Noch deutlicher äußerten sich die Arbeitnehmervertreter, hier sorgten die neuen Gerüchte für helles Entsetzen: IG-Metall-Bezirksleiter und Opel-Aufsichtsrat Armin Schild sprach im ZDF-"Morgenmagazin" von "Wut und Empörung". IG-Metall-Chef Berthold Huber verkündet sibyllinisch in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung", die Opelaner würden notfalls zu den "Mitteln des zivilen Widerstands" greifen, um den Verkauf an den Autozulieferer Magna durchzusetzen. Wobei mit "Widerstand" offensichtlich in erster Linie eine Großdemonstration in Berlin gemeint ist.

"Für GM wäre es Wahnsinn, Opel aufzugeben"

Doch ob die Opel-Beschäftigten ihren Mutterkonzern damit beeindrucken können, das bezweifeln Experten. Das Management werde dieser Protest wohl ähnlich beeindrucken, "wie wenn in China ein Sack Reis umfällt", kommentiert Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer nüchtern. Für ihn ist offensichtlich: Die Bundesregierung hat den favorisierten Deal - den Verkauf von Opel an den Autozulieferer Magna - so gut wie vermasselt, sie habe zu lange Fragen gestellt. Vor allem Guttenberg, der immer wieder eine Insolvenz ins Spiel gebracht und nachgebohrt habe. "Amateurhaft", sei das gewesen. "Guttenberg hat die beste Verhandlungsposition in die schlechteste verwandelt."

Der jüngste Vorstoß für einen Verbleib von Opel bei GM sei deshalb kein Verhandlungspoker, sondern bitterernst gemeint, warnen auch andere Beobachter. "Jeder Konzern muss sich fragen, wo ist mein Potential. Für GM wäre es ein Wahnsinn Opel aufzugeben", erklärt Jürgen Pieper, Analyst beim Bankhaus Metzler. Opel sichert nicht nur den europäischen Markt - in Rüsselsheim wird zudem die Plattform für alle GM-Mittelklassewagen entwickelt. Auch der Hoffnungsträger des Konzerns, das Elektroauto Chevy V, wurde maßgeblich von deutschen Ingenieuren ausgetüftelt.

Wäre GM schon vor einem halben Jahr in der jetzigen Position gewesen, hätte man deshalb auch damals schon auf den Verbleib von Opel in der Mutter hingearbeitet, ist Pieper überzeugt. GM hat sich in den vergangenen Monaten überraschend schnell von der eigenen Insolvenz nach Chapter 11 erholt.

Für die Belegschaft ist die Vorstellung, bei GM zu bleiben, allerdings ein Alptraum. Gewerkschafter sind überzeugt: Sollte GM ernstmachen, würde defizitären Werken wie Antwerpen oder Bochum unweigerlich das Aus drohen. "Mit drei Milliarden kann dieses Unternehmen nicht zukunftsgerecht aufgestellt werden", warnt Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz.

Auch Autoexperte Dudenhöffer sieht tiefe Einschnitte auf die Belegschaft zukommen: "General Motors wird warten bis nach der Bundestagswahl. Dann wird man zur Bundesregierung gehen und sagen: Entweder, ihr steuert doch finanziell etwas bei oder wir lassen Europa insolvent gehen." Schließlich sei eine formale Pleite von Opel die denkbar einfachste Lösung für die Amerikaner. Teure Abfindungsprogramme entfielen, mögliche Schulden hätten sich erledigt - wichtige Standorte wir Rüsselsheim und das dortige Knowhow aber könne man weiter nutzen.

"Man hat sich mit Magna viel vorgemacht"

So schwarz sieht Pieper die Zukunft nicht. "GM hat seine eigenen Probleme pragmatisch gelöst", könne deshalb "wieder ein starker Partner für Opel" sein. Sowieso würden bei jeder Lösung 5000 bis 10.000 Jobs abgebaut. Und letztlich hätte GM auch bei einem Verkauf an Magna noch große Anteile an Opel behalten. "Man hat sich mit Magna viel vorgemacht", lautet sein Fazit.

Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach ist zudem klar: "Opel alleine ist zu klein, um auf dem Markt überleben zu können." Auch Magna   und der Finanzinvestor RHJI, der ebenfalls ein Angebot vorgelegt hatte, könnten deshalb "nur Übergangslösungen sein." Für Opel mache es also langfristig keinen Unterschied, ob erst der Autozulieferer zum Zuge komme.

Für GM hingegen macht es einen gewaltigen Unterschied. Denn ein Verkauf an die Österreicher wäre die einzige Option, bei der nicht sicher ist, ob Detroit Opel komplett zurückgewinnen kann. Mit RHJI haben die Amerikaner ein Rückkaufsrecht vereinbart. Genau deshalb hatte die Bundesregierung die Gewährung von Kreditbürgschaften stets an eine Einigung mit Magna verknüpft - Berlin will unter allen Umständen den Eindruck vermeiden, deutsche Finanzhilfen flössen letztlich in die Kassen von GM.

Trotzdem ist nicht vollkommen ausgeschlossen, dass sich Berlin auch bei einem Verbleib von Opel im GM-Konzern finanziell engagiert - nach der Bundestagswahl. Denkbar wäre etwa, dass als Gegenleistung etwa für Kreditbürgschaften eine juristische Konstruktion gefunden wird, die Opel größere Eigenständigkeit innerhalb des Geflechts zusichert.

Ob Smith im Grunde darüber sprechen möchte in Berlin? Denn eins ist klar: GM dürfte ziemliche Probleme haben, allein die angesetzten drei Milliarden Euro für Europa aufzutreiben. "Welche Bank gibt schon einem Konzern Kredit, der vor wenigen Monaten noch insolvent war?", fragt Autoexperte Dudenhöffer zynisch.

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