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15. Februar 2017, 18:35 Uhr

Verkaufspläne von GM

Rabenmutter

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Bei Opel geht es mal wieder ums Ganze: Gerade lief es für die deutsche GM-Tochter wieder besser, da wollen die Amerikaner sie wieder losschlagen. Wie groß wird der Schaden dieses Mal?

Die Tragik des Autoherstellers Opel zeigt sich diese Woche Freitag in einem kleinen Raum. Während es um die Zukunft des Unternehmens geht, beschäftigt die Richter des Landgerichts Darmstadt Opels Vergangenheit - in einem Büro verkünden sie ihr Urteil in einem vier Jahre andauernden Konflikt: Hat der Mutterkonzern General Motors (GM) das Opel-Autowerk in Bochum korrekt geschlossen oder ist der Beschluss rechtlich nichtig?

Längst sind Tatsachen geschaffen. Und doch wirft der Streit ein Schlaglicht auf Opels Dilemma. Gerade jetzt.

Der ehemalige Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel hatte Klage eingereicht. Er wirft dem Unternehmen vor, die Aufsichtsräte seien nicht ausreichend über das Aus für das Werk in Bochum informiert worden. Es klingt nicht anders als die Kritik an GM heute, die deutsche Tochter sei über ihren möglichen Verkauf an PSA Peugeot Citroën bis Dienstag im Dunkeln gelassen worden.

Die Klage in Darmstadt und die neuen Verkaufspläne demonstrieren Opels Misere: In Deutschland hat niemand mehr etwas zu sagen über die Zukunft des 1862 in Rüsselsheim gegründeten Autoherstellers, seit die Amerikaner 1929 die Mehrheit übernommen haben.

So wie Opel einst für Bochum und heute für Rüsselsheim steht, so steht Volkswagen für seinen Stammsitz Wolfsburg - Berlin ist nicht weit. Die Politik redet beim größten europäischen Autokonzern durch den 20-Prozent-Anteil Niedersachsens im Aufsichtsrat sogar direkt mit. Opels Machthaber jedoch sitzen im fernen Detroit. Im jahrelangen Auf und Ab des Unternehmens sind die Opelaner und deutschen Politiker zum Zuschauen verdammt.

Taktik großer Worte

Der Schmerz darüber sitzt tief. Wie eine Amputation kam Opels Beschäftigten in Bochum die Schließung ihres Werks 2014 vor. Noch immer sind mehr als 1000 der Opelaner dort ohne Arbeit, beklagt der Betriebsrat. Von dem Traditionswerk auf einem ehemaligen Zechengelände blieb nur ein Warenverteilzentrum. Dabei war die Bochumer Fabrik, die zweite nach dem Stammsitz in Rüsselsheim, einstmals mit rund 22.000 Arbeitsplätzen der Stolz des Unternehmens. 52 Jahre baute Opel dort Autos.

Folgt jetzt Rüsselsheim? Diese Frage facht die Angst bei der deutschen GM-Tochter an. Umso größere verbale Geschütze fährt die Politik nun auf, da GM den Verkauf von Opel an den französischen Hersteller PSA überlegt. Noch ist nichts entschieden, doch Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries warf den Konzernen in einem wenig diplomatischen Schnellschuss gleich vor, ihre Gespräche seien "völlig inakzeptabel", denn sie würden ohne Betriebsräte oder die Landesregierung in Hessen geführt. GM habe selbst die Bundesregierung nicht informiert. Mindestens das Entwicklungszentrum müsse in Deutschland bleiben.

Der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) packte noch eins drauf: Er erwarte ein Bekenntnis zu den deutschen Standorten, biete seine volle Unterstützung dafür an. "Ich bin bereit, dem potenziellen Käufer eine faire Chance zu geben", sagte Wissing, als könne er über einen Verkauf entscheiden.

Kräftezehrender Schlingerkurs

GMs Verkaufspläne erinnern Opel an die eigene Machtlosigkeit. Geben die Amerikaner die deutsche Tochter ab, stehen tausende Jobs hierzulande auf dem Spiel. Denn PSA hat selbst unausgelastete Fabriken. Es ist wie so oft in Opels Geschichte, in der die Amerikaner Fortschritte in Deutschland immer wieder torpediert haben. Das macht die Lage jetzt so schwer erträglich für die Mitarbeiter der Marke mit dem Blitz.

In den 1950er und 1960er Jahren fuhr Opel technisch auf einer Höhe mit VW, stand in seinem Ruf BMW und Mercedes kaum nach. Doch immer, wenn Opel florierte, knappste GM Geld für wichtige Investitionen ab, um sie woanders im Konzern zu nutzen. So würgten die Amerikaner zwei Jahrzehnte später Opels guten Lauf ab. Der Marke fehlte ein Kleinwagen, der einst gelungene Kadett tuckerte dem VW Golf technisch hinterher, andere Modelle sorgten für ein Biedermannimage. Im Jahr 2000 rutschte Opel in Verluste. Den lukrativen Markt in China durfte Opel nicht bedienen, da GM dort amerikanische Fahrzeuge vertreiben wollte.

Als die Marke sich gerade aufgerappelt hatte, gute Modelle und günstigere Kosten durch Synergien schaffte, stoppte GM ausgerechnet aussichtsreiche Fahrzeugreihen wieder. Der Konzern scheute die Investitionen. Er sparte gerade da, wo es Opel besonders weh tat - bei der Qualität. Das ruinierte Opels Image vollständig.

Ein derartiges Hin und Her ist zwischen GM und Opel entstanden, dass das Unternehmen aufgrund der komplexen Rechnungslegung zwischen Mutterkonzern und Tochter nicht einmal auf Anhieb sagen kann, ob Opel 1999 letztmalig einen Jahresgewinn auswies oder doch auch 2006, als es zumindest öffentlich ebenfalls einen angekündigt hatte.

Mal investierte GM bei Opel, mal zog der Konzern Entwicklungsleistung ab, Erfolg und Misserfolg der deutschen Tochter lassen sich über die Jahre kaum klar aufzeigen.

Die Hoffnung erneut erstickt

Als GM 2008 in die Insolvenz zu kippen drohte, musste Opel sogar einen Teil der Konzernverluste aus Amerika schlucken. Der Konzern drängte die Bundesregierung in dem Jahr auch noch zu Staatshilfen, um die Zukunft der deutschen Tochter zu sichern. Und nicht nur das: Ein Jahr darauf versuchte GM bereits einen Verkauf der Marke an den österreichisch-kanadischen Zulieferer und Auftragsfertiger Magna. Viele Opelaner wären glücklich gewesen, von ihrer verhassten Mutter loszukommen.

Gerade keimte neue Hoffnung bei Opel auf. Bis 2020 will der Hersteller insgesamt 29 neue Fahrzeuge und 17 neue Motoren auf den Markt bringen. Mit dem neuen Astra gelang es der Marke, sein Kompaktmodell wieder attraktiv zu machen. Beinahe schaffte Opel-Chef Karl-Thomas Neumann 2016 die Rückkehr zu einem Jahresgewinn, hätten nicht der Rückzug vom schwächelnden Markt in Russland und der geplante Ausstieg Großbritanniens aus der EU, wo die Opel-Schwestermarke Vauxhall nun geschwächt wird, schwer ins Kontor geschlagen.

Den beginnenden Aufschwung Opels torpediert GM mit den Verkaufsplänen erneut, statt ihn für sich zu nutzen. Dieser Stopp-and-Go-Verkehr vergeudet mehr Energie, als sich Autokonzerne in der derzeit schwierigen Marktlage leisten können. Der Bund mit einem größeren Autohersteller in Europa, der Opels einsames Kämpferdasein beendet, könnte durch die größere Fahrzeugpalette endlich für stabile Gewinne sorgen. Die Jobs in Rüsselsheim - das ist die Tragik dahinter - dürften angesichts des Protektionismus in Frankreich allerdings dann erneut leiden.

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