Opel vor dem Verkauf Die harten Folgen der Blitzfusion

Der Kauf von Opel durch Peugeot scheint beschlossene Sache. Gewerkschaften und Politik versuchen noch, den Franzosen Zugeständnisse zum Joberhalt abzuringen. Doch an einer harten Sanierung führt kein Weg vorbei.

Opel-Chef Karl-Thomas Neumann
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Opel-Chef Karl-Thomas Neumann

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Im Kanzleramt und bei den Arbeiterführern der IG-Metall ist der Zorn noch nicht verraucht. Dass sie so spät über die Pläne von GM informiert wurden, die Europa-Tochter Opel an PSA Peugeot Citroën zu verkaufen, betrachten viele dort noch immer als Affront. Von einer beispiellosen Verletzung sämtlicher deutscher wie europäischer Mitbestimmungsrechte ist die Rede. Der flugs zum Bundesbeauftragten für die Opel-Angelegenheit berufene Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig forderte im ZDF "Morgenmagazin" am Montag noch einmal, dass sich die mündlich formulierten Zusagen auch in den Verträgen und Betriebsvereinbarungen niederschlagen sollen.

Doch das öffentliche Säbelrasseln ist nichts weiter als der Beleg dafür, dass der Kampf verloren ist, bevor er überhaupt begonnen hat. Viel mehr als gute Worte bleiben den Unterhändlern der Opel-Arbeiter nicht, um den Interessen ihrer Klientel Geltung zu verschaffen. Denn über das Schicksal von Opel wird in Paris und Detroit entschieden - und nicht in Rüsselsheim oder Berlin.

Vor allem die Langgedienten in den Werken Rüsselsheim, Eisenach oder Kaiserslautern erleben diese Tage wie ein Déjà-vu: Die Sorge, was mit Opel passieren könnte, nachdem General Motors 2009 Insolvenz angemeldet hatte, ist ihnen noch lebhaft in Erinnerung. "Das Schlimmste wäre eine Hängepartie wie nach der GM-Insolvenz", sagt ein Betriebsrat aus Rüsselsheim.

Eine solche Hängepartie dürfte den Opelanern diesmal erspart bleiben. Denn anders als 2009 spricht alles dafür, dass die Beteiligten wissen, was sie wollen. Und dass auf beiden Seiten die Reihen geschlossen sind. Andernfalls hätten die Delegationen von GM und PSA nicht monatelang im Verborgenen verhandeln können.

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Quelle: Opel, IHS-Markit; Stand 2016

Ohne die Störfeuer von außen dürfte es beiden Seiten auch möglich gewesen sein, die Vor- und Nachteile des Geschäfts in Ruhe auszuloten - was wiederum die Gefahr mindert, dass Probleme erst nach Vertragsschluss sichtbar werden. Grund genug anzunehmen, dass Carlos Tavares einmal gegebene Zusagen nicht wieder kassieren muss. Nach Angaben aus Regierungskreisen will der PSA-Chef im Falle einer Übernahme an der Jobgarantie bis Ende 2018 und den Investitionszusagen für die Opel-Standorte in Deutschland bis 2020 festhalten. Danach ist alles offen.

Kritiker befürchten nun, dass es danach umso dicker kommt. Denn die Übernahme von Opel macht für PSA Peugeot Citroën nur Sinn, wenn nach der Verschmelzung mehr herauskommt als die Summe beider Teile.

Während Opel-Chef Karl-Thomas Neumann die Chance sieht, einen "Europäischen Champion zu schaffen", fürchtet Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer massive Jobverluste. Der Mitarbeiterabbau sei für Tavares der einzig wirksame Kostenhebel, meint der Chef des CAR-Center an der Universität Duisburg-Essen. Er bleibe bei seiner Einschätzung, dass bei Vollzug des Deals jeder dritte der rund 19.000 Opel-Jobs in Deutschland auf der Kippe stehe. "2018 kann es mit den Abfindungen losgehen", sagt Dudenhöffer.

PSA hat die Sanierung schon hinter sich

Auch die ersten öffentlichen Anmerkungen von französischen Gewerkschaftsführern lassen Befürchtungen wachsen, dass die Verteilungskämpfe hart werden. "Opel verliert seit 16 Jahren an Rentabilität und GM will das Unternehmen loswerden", erklärte Christine Virassamy vom Gewerkschaftsbund CFDT. "Wir befürchten, dass dies für uns eine schwere Belastung werden könnte." Weiteres Entgegenkommen, das machte die Gewerkschafterin klar, sei nach den Zugeständnissen in den vergangenen Jahren nicht zu erwarten.

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Chronologie: Opels holpriger Weg

Zu allem Unglück für die Opel-Beschäftigten liefert Virassamy damit ein schwer zu widerlegendes Argument. Denn im Zuge der Sanierung haben die PSA-Mitarbeiter gleich mehrere Kröten geschluckt. Rund 22.000 Jobs gingen in den vergangenen zehn Jahren verloren, seit Juli vergangenen Jahres müssen die Beschäftigten zudem auch an bis zu zwölf Samstagen im Jahr ran, wenn die Auftragslage es erfordert. Die Wochenarbeitszeit kann in solchen Fällen auf bis zu 44 Stunden ausgedehnt werden. PSA Peugeot Citroën schreibt inzwischen Gewinne, Opel verharrt dagegen in der Verlustzone.

Meinungskompass

Ein schmerzlicher Jobabbau ließe sich allenfalls verhindern, wenn PSA gemeinsam mit Opel zusätzliche Märkte oder Geschäftsfelder erschließen könnte. Die Elektromobilität zum Beispiel, der sich Neumann ohnehin konsequent zuwenden wollte. Das neue Modell Ampera-e kommt allerdings aus der Entwicklungsabteilung von General Motors. Die Amerikaner müssten also ihr Know-how zur Verfügung stellen - als Mitgift sozusagen.

Was die neuen Märkte betrifft, so hofft man in Paris und Rüsselsheim auf den neuen Großaktionär Dongfeng. Die Chinesen könnten den Türöffner nach China spielen und damit Opel ganz neue Perspektiven erschließen. Bisher nämlich hatte Opel strikte Order aus Detroit, sich auf Europa zu beschränken. Das könnte schon sehr bald Geschichte sein.


Zusammengefasst: Nach der Übernahme durch PSA Peugeot Citroën können die Opel-Beschäftigten auf eine Galgenfrist hoffen. Dann allerdings könnte es eng werden, denn anders als ihre französischen Kollegen haben die Opelaner die Sanierung für den Weg in die Gewinnzone noch vor sich. Außerdem müssen, wenn der Zusammenschluss Sinn machen soll, neue Geschäftsfelder oder Märkte her, auf denen der Konzern wachsen kann.



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Roland Bender 21.02.2017
1. alles ist besser als GM
Die Art, wie General Motors in den vergangenen Jahren in Rüsselsheim aufgetreten ist, ist mit "erratisch" am leichtesten zu beschreiben. Insofern glaube ich nicht, dass General Motors ein großer Verlust ist. Jetzt muss man sich die Frage stellen, ob Citroen/Peugeot ein Problem ist. Erstmal werden die viel Geld bezahlen und können deshalb kein Interesse haben, Opel zu zerstören. Ob es in 2019 einen massiven Personalabbau gibt, ist für mich völlig offen. Das kommt darauf an, wie gut die Zahlen bis dahin sind und Opel ist heute besser aufgestellt, als in den Jahren davor. Insofer warten wir das erstmal ab. Man sollte das nicht automatisch negativ sehen. Blicken wir nach vorne.
Räuber Hotzenplotz 21.02.2017
2. Wie auch immer, Opel muß schon (hinreichend) profitabel werden...
ob mit GM, PSA, oder selbständig, daran für trotz allen Wunschdenkens kein Weg vorbei. Das hierbei nicht alle Arbeitsplätze erhalten werden können, scheint auch klar wie Kloßbrühe...Kröte schlucken, aufhören, zu jammern, Ärmel aufkrempeln und nach vorne schauen, ansonsten wird Opel in wenigen Jahren komplett abgewickelt.
ekel-alfred 21.02.2017
3. Sanierung??
Was soll eigentlich immer dieses Mantra nach einer "harten Sanierung"? Opel ist die letzten Jahre zigmal saniert worden und steht im Moment gut da. Die Modelle kommen gut an, die Qualität geht auch nach oben. Jedenfalls stand BMW in 2015 in den Rückrufen weit vor Opel.... Was Opel braucht, ist Zugang zu den großen Märkten, da können sie dann auch Gewinne einfahren. Würde mir jedenfalls eher einen Opel zulegen, als eine Peugeot Gurke.
triqua 21.02.2017
4.
Manchmal frage ich mich, ob die Opel-Manager Anfang der 90er-Jahre anläßlich in bestimmten Kreisen populärer Filmchen in die Hände klatschten und dabei übersahen, dass die Mehrheit der autofahrenden Bevölkerung sich damit überhaupt nicht identifizieren wollte! Im Ernst: Dieser Imageverlust ist doch ebenfalls Bestandteil der Talfahrt ... Zugegeben: Mit dem Mokka und erst recht mit dem Insignia wird Opel zunehmend auch für zahlungskräftiges Publikum wieder interessant ...
joG 21.02.2017
5. Man muss sich halt schon....
.....im Klaren sein, dass bereits jetzt viel zu viele Autoproduktionskapazitäten vorhanden sind und die Manager in Frankreich sein werden. Dazu ist die Entwicklung hin zum Elektroauto unterwegs. E-Autos brauchen weit weniger bewegliche Teile und sind wartungsfreundlicher. So wird es zwangsläufig zu einer wesentlichen Reduzierung der notwendigen Arbeiter in Produktion und Wartung der Autoindustrie weiterhin kommen.
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